Sonntag, 28. Mai 2017

Neuer Blog

Es sorgt hoffentlich nicht für Chaos, aber aus Gründen habe ich einen neuen Blog:
sarinijhautism.wordpress.com

Donnerstag, 25. Mai 2017

Verhaltensweisen und Sprüche

Aufgrund eines Beitrags ist mir heute eingefallen, dass ich als Kind oft als 'stur' bezeichnet wurde.

Eine Freundin meiner Mutter schrieb damals in mein Poesiealbum:
Liebe Sarinijha,
wenn du Kummer oder Sorgen hast,
musst du darüber sprechen und nicht auf stur schalten.
Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden!

Dieser Spruch verletzte mich sehr. Immer sollte ich mein Verhalten ändern, aber nie erklärte mir ein Mensch die Vorgehensweise für solche Veränderungen. Ich strengte mich an, aber am Ende verhielt ich mich doch wieder auf die gleiche Weise. Das war sehr frustrierend!

Ich war stur, weil ich in gewissen Situationen schwieg.
Ich war stur, weil ich Aufgaben nicht erledigte.
Ich war stur, weil ich bei einem Meltdown schrie.

Meine Mutter kaufte sich sogar eines dieser Horoskopbücher über den Steinbock, weil sie endlich Erklärungen für mein Verhalten haben wollte. Mein Sternzeichen sollte scheinbar Auskunft darüber geben, weshalb ich mich nicht wie andere Kinder verhielt. Dabei handelte meine Mutter sicher nicht nach bösen Absichten.

Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie schwierig es auch für meine Mutter gewesen sein muss. Sie musste sich immer wieder für meine Verhaltensweisen rechtfertigen.

Eines Nachmittags, ich war vielleicht sieben oder acht Jahre alt, hatte ich einen Meltdown. Ich erinnere mich nur noch an diesen einen Meltdown, obwohl es laut meiner Mutter nicht der Einzige war. Und ich weiß noch genau, dass er aufgrund der fremden Person in unserer Wohnung entstand. Ich stand auf dem Bett meiner Mutter, dabei schrie und 'wütete' ich ohne Pause. Meine Mutter und ihr damaliger Freund packten mich und zehrten mich zum Auto. Ich schrie weiter, während sie mich ins Auto setzten und zum Arzt fuhren. Meine Mutter hoffte, dass der Arzt eine Erklärung für mein Verhalten hätte. Autofahren hatte allerdings schon immer eine beruhigende Wirkung auf mich, so dass ich beim Arzt angekommen wieder ruhig und schweigsam war. Der Arzt fand natürlich keine Erklärung und schickte uns nach Hause. Ich sei halt einfach 'bockig'.

Auch Verhaltensweisen kopierte ich. In der Grundschule hatten wir eine Pflanze auf dem Schulhof, die zu einer bestimmten Jahrzeit gerne als Juckpulver verwendet wurde. Bei den Jungs war das eine Art von Spiel. Sie schnappten sich das Juckpulver und liefen sich gegenseitig hinterher, immer mit der Drohung, jemandem das Juckpulver von hinten in den Pullover zu stecken. Ich beobachtete das Treiben. Dann hob auch ich das Juckpulver auf, rannte zu einer Mitschülerin und steckte das Pulver an die vorgesehene Stelle. Schockiert drehte sie sich rum und kratzte sich den Nacken. Später fragte mich meine Lehrerin, was mich zu dieser Tat bloß getrieben hätte. Ich gab ihr keine Antwort. Ich hatte doch bloß bei dem Spiel mitmachen wollen.

In der Grundschule und bei Besuch galt ich stets als 'schüchtern'. In der weiterführenden Schule wurde mein Schweigen meist als "Arbeitsverweigerung" ausgelegt. Hier hieß es dann wieder, dass ich 'stur', 'faul' und 'unflexibel' sei. Niemand kam auf die Idee, dass ich nicht in der Lage war mich sprachlich zu äußern.

Gerade in der weiterführenden Schule erschien mir die Welt sehr 'chaotisch'. Aus heutiger Sicht denke ich, dass mir eine Schulbegleitung sehr geholfen hätte. Ich fand die Klassenräume nicht und das Verhalten meiner Mitmenschen war für mich damals undurchschaubar. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, sehe ich viele verwirrende Muster und Farben. Ein Chaos ohne Sinn.

Als ich erneut die Schule wechselte, bekam ich dann zum ersten Mal einen Spitznamen: "Stille Quelle". Aus heutiger Sicht klingt es fast 'niedlich', aber damals wurde dieser Spitzname immer mit einem negativen Unterton gerufen. Meine Mitschüler machten sich darüber lustig, dass ich in der Schule nicht sprach. Eine Freundin sagte immer: "Aber stille Wasser sind tief!" Ich verstand diese Aussage damals nicht (Anmerkung: Damit ist gemeint, dass hinter der zurückhaltenden Art oft ungeahnte Fähigkeiten eines Menschen verborgen sind). Ich fühlte mich bloß unverstanden und nicht akzeptiert

Mein Schweigen war sehr häufig die größte Angriffsfläche.

In einer anderen Schulklasse sollte ich im Unterricht etwas sagen. Ich konnte es nicht und schwieg. Eine Mitschülerin lachte daraufhin und sagte: "DIE sollte besser auf eine Schule für 'Taubstumme' gehen!" Die Menschen sprachen über mich und behandelten mich, als wäre ich 'minderbemittelt' und würde ihre Worte nicht hören. Leider hörte und verstand ich alles. Es verletzte mich sehr, dass ich immer wieder am Rand stand, ausgeschlossen und beleidigt wurde.

In der Berufsschule hatte ich zum Beispiel eine Mitschülerin, die der Meinung war, dass ich keinen Humor hätte. Einfach aus dem Grund, weil ich über ihre Witze nicht lachte. Sie sagte dann immer: "Du gehst wohl auch zum Lachen in den Keller". Unwillkürlich stellte ich mir einen Kellerraum vor. Wieso sollte ich zum Lachen in einen Keller gehen?!

Dabei galt ich auch zuhause als 'humorlos'. Ich verstand Witze, Ironie und Sarkasmus nicht.

"Wann fahren wir?", fragte ich einmal meinen Stiefvater.
"Gleich", antwortete er.
"Und wann ist gleich?"
"Gleich halt".
"Ja, aber wann?"
"Gleich heißt gleich".
"Aber wann ist denn gleich?"
"Vielleicht fahren wir auch gar nicht", sagte er dann und lachte.
Frustriert und 'beleidigt' ging ich in mein Zimmer.

Meine Eltern verstanden das damals nicht. Sie sagten: "Das war doch nur ein Witz". Aber wie konnte das ein Witz sein?! Aus meiner Sicht war das kein Spaß, denn ich stellte mich auf Unternehmungen ein und ein 'Vielleicht fahren wir auch gar nicht' brachte mich vollkommen aus dem Konzept.

Dienstag, 16. Mai 2017

Meine mündliche Prüfung

Heute hatte ich also meine erste mündliche Prüfung an der Uni. Das war eine freiwillige Entscheidung, denn eigentlich habe ich einen Nachteilsausgleich und darf die mündlichen Prüfungen als schriftliche Klausuren ableisten. Im Vorfeld hatte ich bereits mit der Dozentin gesprochen und ihr erklärt, dass ich einen Versuch starten möchte. Sie war begeistert und machte mir Mut. Doch schon bei dem Gespräch brachte sie die Bemerkung, dass ich nur genügend Übung bräuchte und eine mündliche Prüfung eine gute Idee sei, damit ich die Diskussion am Prüfungstag lenken könnte. Diese Bemerkungen verletzten und ärgerten mich, weil aus meiner Sicht einfach keine Person über mich und meine Situation urteilen kann, die nur schwammige Informationen hat. Die Dozentin weiß zwar von einer Behinderung, aber sie kennt keine genaue Diagnose.

(Pause)

Diese Bemerkung ärgert mich, weil ich bereits mein Leben lang übe und sich die Prüfungssituation für mich dadurch nicht ändert. Es impliziert mir, dass es mein Fehler ist und ich nur nicht genug an mir und meiner Person gearbeitet hätte. Ich weiß, dass die Dozentin es gut meinte und ich hätte meine erste Prüfung auch nicht bei ihr gemacht, wenn ich nicht dennoch ein gutes Gefühl und Vertrauen zu ihr gehabt hätte. Dennoch ist diese Bemerkung für mich ein Tabu. Eine Bemerkung, die ich oft in meinem Leben gehört habe und das nie im positiven Sinne.

(Pause)

Dieser Text und die Erinnerung an die Prüfung sind gerade unheimlich schwer für mich. Ich muss zwischendurch pausieren; dann forme ich mit meinen Händen längere 'Schlangen' aus meiner Knete. Ich lasse meine Hände immer wieder über die Knete rollen, bis diese lang genug ist, um aus ihr eine 'Schnecke' zu drehen.

(Pause)

Zur eigentlichen Prüfung. Irgendwann war meine Kommilitonin fertig und sagte mir, dass ich jetzt in das Zimmer gehen darf. Meine Dozentin hatte im Vorfeld schon mit mir besprochen, dass ich den letzten Prüftermin bekomme, damit ich unter Umständen mehr Zeit habe. Tatsächlich brauchte ich diese Zeit auch, denn ich habe tatsächlich doppelt so lang wie meine Kommilitonen gebraucht. Es gab zwei Prüfer. Einmal meine Dozentin und dann noch den Tutor. Ein Tutor ist eine Person, die Studenten betreut und mit ihnen den Lehrstoff durcharbeitet. Meine Dozentin bat mich zu Beginn, dass ich frei über den Prüfinhalt reden sollte. Ich fand jedoch keinen Anfang. Ehrlich gesagt war ich mir unsicher, ob ich bei der Erklärung im Vorfeld beginnen sollte oder direkt mit der Übung. Ich verfiel also sogleich ins Schweigen.

(Pause)

Ich brauch das Schweigen sehr mühevoll mit: "Ich finde keinen Anfang". Die Worte wogen unendlich schwer. Meine Dozentin machte dann den Anfang für mich und erzählte über das Projekt. Nur sehr zaghaft fand ich einen Weg zu den nächsten Schritten. Es kostete mich unendlich viel Kraft und Konzentration. Meine Hände waren unter dem Tisch und hielten die Knete, mit der ich verschiedene Formen bildete. Unauffällig. Nach jeder Frage meiner Dozentin stockte ich und brauchte mehrere Minuten, um mich in das nächste Thema einzufinden. Wieder ein Blackout. Wieder die Suche nach den Worten. Vorher konnte ich den Lernstoff, aber auf einmal wogen Worte wieder schwer und bildeten eine zehe Masse in meinem Kopf. Häufig verstand ich die Fragen der Dozentin nicht. Immer fiel ich erst ins Schweigen, mehrfach bat ich sie darum die Frage zu wiederholen. Zweimal schrieb sie mir die Fragen auf ein Blatt Papier, aber das änderte nichts an der Sache.

(Pause)

Es lag an meiner Konzentration, den Reizen und der Tatsache, dass gesprochene Sprache eine große Hürde für mich ist. Ich wurde gefragt, ob das Fenster geschlossen werden soll und ich bejahte, weil draußen Bauarbeiten stattfanden. Später wurde ich gefragt, ob sie noch irgendwelche anderen Reize für mich verhindern könnten und ich verneinte, weil das bedeutet hätte, dass alle außer mir den Raum verlassen müssten - und dann hätte wohl keine Prüfung mehr stattfinden können. Die meiste Zeit starrte ich auf den Tisch und versuchte aus den Fragen und dem Gesagten einen Sinn zu erkennen, aber manchmal erkannte ich keinen Sinn und verlor mich. Irgendwann beendete die Dozentin die Prüfung und es bereitete mir Kummer. Ich wollte gern noch mehr Wissen preisgeben, aber ich spürte auch, dass ich mittlerweile am Ende meiner Kräfte war.

(Pause)

Ich ging vor die Tür, weil die Prüfer meine Note besprechen wollten. Hier weinte ich, wischte die Tränen aber schnell weg. Vor der Tür spürte ich sofort meine unermessliche Erschöpfung. Zum ersten Mal nach sehr langer Zeit verspürte ich den Wunsch in mir, keine Autistin zu sein. Ich wollte mich am liebsten auf dem Boden zusammenrollen. Stattdessen ging ich nach fünf Minuten zurück in den Raum. Ich erfuhr die Note für die schriftliche Ausarbeitung zum Projekt und die Note für den mündlichen Teil. Der schriftliche Teil war eindeutig wieder meine Rettung und brachte mich auf eine gute Note. Dann kam wieder die Bemerkung, dass ich nur mehr Übung bräuchte und im Grunde genommen ALLE Studenten ihre Probleme mit den mündlichen Prüfungen und auch Blackouts hätten.

(Pause)

Natürlich stimmt es, dass viele Menschen nervös sind und sich vor den mündlichen Prüfungen fürchten, aber diese Bemerkung ist für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich versuchte mich noch irgendwie zu erklären, aber mir fehlten wieder die Worte und auch die dazu nötige Kraft. Fast hätte ich gesagt: "Und trotzdem ist es anders als Autistin". Aber das kam mir falsch vor. Mit letzter Kraft fuhr ich mit dem Rad nach Hause. Für die Fahrt brauchte ich die doppelte Zeit. Zuhause schaffte ich es nicht meinen Hund zu begrüßen, sondern fiel einfach nur noch auf mein Sofa und brauchte Zeit für mich ganz alleine. So erschöpft hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt. Als ich dalag wünschte ich mir tief und fest, dass die Prüfer und die gesamte Menschheit alle mal für eine Woche autistisch wären und verstünden, was das tatsächlich bedeutet. Später rief ich noch meine Eltern an. Ich war noch immer total erschöpft, hatte aber zumindest wieder genug Kraft zum Sprechen und Weinen.

(Pause)

Ich versuche Stolz auf mich zu sein, weil ich es mich gewagt und geschafft habe. Trotzdem sind da zur gleichen Zeit noch viele andere Gefühle in mir.

Montag, 15. Mai 2017

Die Welt der Mode (und ich)

An sich würde ich sagen, dass ich mittlerweile viel Wert auf Kleidung und Mode lege. Zumindest empfinde ich bei dem Thema eine gewisse Freude und Individualität; wobei Kleidung für mich praktisch und angenehm sein muss. Sicherlich könnte ich keine Modebloggerin werden, aber ich habe meinen ganz eigenen Stil gefunden und lebe ihn ohne Hintergedanken aus. Trotzdem habe ich auch hier meine ganz persönlichen Schwierigkeiten.

Es beginnt bereits beim Einkauf von Kleidung. Ich würde niemals, wirklich NIEMALS, alleine in die Innenstadt oder in ein Einkaufszentrum gehen. Wenn ich mich auf diesen enormen Stress einlasse, dann ausschließlich in Begleitung einer mir vertrauten Person. Und dann bitte NICHT an einem Samstag oder Freitagnachmittag. Je leerer es in den Geschäften ist, desto eher kann ich mich auf solch einen 'Shoppingtag' einlassen. Ehrlich gesagt konnte ich als Jugendliche und junge Erwachsene sogar lange Zeit nicht ohne Begleitung in den Supermarkt gehen. Den Einkauf von Lebensmitteln schaffe ich mittlerweile alleine, aber bei Kleidung sind meine Grenzen erreicht.

Früher war Kleidung ausschließlich eine Notwendigkeit für mich, weshalb in der Schule sicherlich häufiger über mich gelacht wurde. Ich achtete nicht auf Trends, nicht einmal auf Farbkombinationen oder Schnitte. Kleidung musste in erster Linie praktisch und angenehm auf der Haut sein. Ich machte Kleidung nicht einmal von der Jahreszeit abhängig, weswegen meine Oma noch heute manchmal eine alte Geschichte herauskramt und lacht. Als ich fünfzehn oder sechszehn Jahre alt war, besuchte ich sie mal wieder in Italien. Ich sorgte für Aufregung bei meiner Oma und für einige Lacher, denn es war Hochsommer in Italien und ich kam da mit meinen Stiefeln aus dem Gate gelaufen. Meine Oma lachte und rief: "Ach Kind, du siehst ja aus wie im Winter!"

Wenn ich jedoch keine Begleitperson zum Einkaufen finde, beispielsweise wenn ich an meinem Studienort bin, schaue ich mich auch gerne online nach Kleidung um. Je nach Internetseite bringt auch das wieder Schwierigkeiten mit sich, weil Mode nicht gleich Mode ist. Es gibt unterschiedliche Bezeichnungen für ein und dieselbe Sache. Schuhe sind im Internet und in der Modewelt nicht einfach nur Schuhe. Sie heißen Sandalen, Wedges, Schnürstiefel, Turnschuhe, Sneaker, High Tops oder auch Slingbacks. Suche ich also eine ganz bestimmte Art von Schuhen, muss ich erst einmal die genauen Bezeichnungen ausfindig machen. Bei Oberteilen ist es auch nicht anders, denn diese unterscheiden sich noch in Tanktops, Spaghettiträger, Blusen, Tuniken, Shirts oder Westen.

Manchmal frage ich mich sogar, welcher Weg wohl leichter ist. Mit einer Begleitperson den Trubel in der Innenstadt oder im Einkaufszentrum überstehen; oder sich online durch einen Wust von Begriffen kämpfen?!

Obwohl ich mittlerweile auf meine Kleidung achte und versuche die Kleidungsstücke ordentlich zu kombinieren, kommt bei mir noch ein weiterer 'seltsamer Faktor' hinzu. Seltsam finden ihn meist eher meine Mitmenschen, sofern es ihnen überhaupt auffällt, währenddessen es für mich selbst eine Logik enthält. Finde ich ein Kleidungsstück, das von der Form und der Beschaffenheit des Stoffes meinem Wohlwollen entspricht, kaufe ich es in mehrfacher Ausführung. Ich besitze also ein Oberteil (ich bitte um Entschuldigung, ich meine natürlich ein Tanktop) von einer ganz bestimmten Marke in verschiedenen Farben. Hier kenne ich meine Größe und wenn ich ein neues Oberteil davon brauche, kann ich es nun auf einfachem Weg nachkaufen oder bestellen.

Das geht mir auch mit anderen Kleidungsstücken so, wie beispielsweise meiner längeren Jacke (meinem Parka). Diesen besitze ich in dreifacher Ausführung. Und im letzten Winter ist es zwei meiner Kommilitonen aufgefallen: "Hast du den Parka nicht auch noch in Blau?" Ich musste dann gestehen, dass ich ihn sogar in drei Farben habe. In den letzten zwei Wochen habe ich mir vier neue Kleider gegönnt, die alle vom selben Hersteller sind. Von der Form und vom Material her ist es im Grunde genommen ein einziges Kleid; nur besitze ich dieses eine Kleid jetzt mit vier verschiedenen Mustern. Ich kann nur grob nachvollziehen, weswegen andere Menschen das seltsam finden. Wenn ich mich in dem Kleid wohl fühle und der Stoff sich locker und weich auf meine Haut legt, wieso sollte ich mir dann den Stress machen und nach verschiedenen Modellen schauen?!

Der Stoff hatte schon immer Priorität. Mir ist es wichtig, dass die Stoffe locker und weich sind. Schon als Kleinkind trug ich beispielsweise keine Jeanshosen, weil sie mir Bauchschmerzen bereiteten. Meine Grundschullehrerin ließ allerdings nie locker und redete immer wieder auf meine Mutter ein, sie solle mir warme Jeanshosen für den Winter kaufen. Meine Mutter kaufte zig Modelle, sogar welche mit Gummibund oben, aber meine Bauchschmerzen blieben. Noch heute trage ich keine Jeanshosen. Im Winter liebe ich Strumpfhosen und Leggings und im Sommer trage ich gerne Röcke und locker fallende Stoffhosen.

Abneigungen habe ich nicht nur gegen Jeanshosen (Jeansblusen und Jeanskleider sind übrigens in Ordnung), sondern auch gegen Rollkragenpullover (sie schnüren mir den Hals zu). Ich mag auch keine Schuhe, die laute Geräusche machen (wie Stöckelschuhe), oder Kleidung die eng sitzt oder kratzt.

Ich lege mittlerweile viel Wert auf Farben und versuche ähnliche Farben miteinander zu kombinieren. Ich meine mal gehört zu haben, dass das in der Modewelt als "Ton-in-Ton" bezeichnet wird. Trage ich also ein blaues Kleid, versuche ich auch blaue Strumpfhosen, blaue Schuhe und ein blaues Tuch damit zu verbinden. Ich mag diese Farbzusammenstellungen und es gibt mir auch ein Gefühl der Sicherheit. Die Farben an sich dürfen nicht zu grell sein, wobei ich sehrwohl bunte Kleidung mag. Ich hab da irgendwie zwei Seiten in mir; die eine Seite mag es gern bunt und die andere Seite trägt auch gerne mal schwarze Kombinationen. Allerdings trug ich als Teenager einige Jahre lang sowieso nur schwarz (und wurde als Goth bezeichnet).

Dienstag, 9. Mai 2017

Stimming

Stimming bedeutet 'Selbststimulierendes Verhalten' und dient der Reizregulierung. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um negative oder positive Reize handelt. Zu diesen Reizen gehören Geräusche, Berührungen, Geschmäcker, Lichter, Gerüche und auch Gefühle. Alles strömt ohne Filter auf einen ein, so dass die Reize sich intensiv und explosionsartig ausbreiten. Das 'Stimming' hilft in solchen Momenten diese Reize zu kontrollieren, und irgendwie auch auf die eigene Art und Weise zu verarbeiten. Ein sehr bekanntes Stimming ist vermutlich das Wiegen des Körpers oder auch das Flattern mit den Händen.

Ich selbst beschäftige mich erst seit einigen Wochen mit dem Thema, obwohl ich vor sieben Jahren meine Diagnose erhielt und seit meiner frühesten Kindheit bereits Stimming anwende. Begriffen habe ich das allerdings erst in der letzten Zeit.

Mit dem Körper zu schaukeln oder die Hände flattern zu lassen sind aus meiner Sicht 'auffälligere Methoden' des Stimmings; das ist allerdings keine 'Wertung' meinerseits. Diese Methoden sind in Ordnung, denn sie helfen bei der Reizregulierung. Gesellschaftlich sind sie unter Umständen noch immer etwas verpönt oder unsittlich; wobei ich finde, dass da 'die Gesellschaft' an mehr Akzeptanz arbeiten sollte. Ich vermute jedoch, dass sie aufgrund der 'Auffälligkeit' nie eine Möglichkeit für mich persönlich darstellten.

Schon als Kleinkind war ich sehr introvertiert und darauf bedacht, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf meine Person zu lenken (meine Mutter sagte beim Vorlesen gerade an dieser Stelle, dass meine Meltdowns eine Ausnahme waren). Aus diesem Grund wählte ich 'unauffälligere Methoden'. Das geschah jedoch unbewusst und ist momentan eine Vermutung. Aufgrund dieser Unauffälligkeit dachte ich auch lange Zeit, dass ich gar kein Stimming anwenden würde. Die für mich hilfreichste Methode als Kind war mein Schnuffeltuch. Das war meine blaue Babydecke, die ich liebevoll "Nucki" nannte. Nucki deutet zwar eher auf einen Schnuller hin, aber Schnuller mochte ich laut meiner Mutter nie.

Nucki war immer an meiner Seite, was aus heutiger Sicht auch ganz logisch ist. Es beruhigte mich, wenn ich mir Nucki vor die Nase hielt; sein vertrauter Geruch und der weiche Stoff waren mir eine unfassbar große Hilfe. Er hielt meine Welt in Ordnung; und der Stoff schirmte mich von der Welt und den vielen Reizen ab. Katastrophal hingegen war es, wenn ich mittags oder abends nach Hause kam und feststellte, dass meine Mutter mein Schnuffeltuch in die Waschmaschine gesteckt hatte. Ich schrie und weinte, weil der vertraute Geruch weg war und Nucki sich nach dem Waschen anders anfühlte. Meine Mutter wiederum verstand das Problem nicht, denn natürlich musste die Decke regelmäßig gesäubert werden.

Einmal erzählte mir meine Mutter, dass Nucki sogar mit ins Kino sollte. Mein leiblicher Vater befand jedoch, dass die Kuscheldecke nichts in der Öffentlichkeit zu suchen hätte. Ich schrie und weinte und wollte ohne Nucki nicht aus dem Haus. Ich kämpfte solange, bis auch mein leiblicher Vater endlich nachgab. Nucki war damals eher unauffällig, weil viele Kinder Plüschtiere hatten und die Leute ihn als Ersatz dafür verstanden. Meist legte ich mir eine ganz bestimmte Ecke der Decke vor die Nase, so dass mit der Zeit ein Loch entstand. Mittlerweile ist Nucki in meinem Bettkasten 'in Rente'.

Erst neulich ist mir aufgefallen, dass das mit dem Stoff noch heute mein Stimming ist. Nur ein weiterer Grund, weshalb ich den Winter liebe. Noch immer halte ich mir in stressigen (reizüberfluteten) Situation gerne einen Stoff vor die Nase, wie etwa meinen Schal oder ein Tuch. Leider ist diese Methode im Sommer unmöglich, beziehungsweise wäre sie im Sommer eher auffällig. Manchmal hilft es mir aber auch, wenn ich mir einfach meine eigene Hand vor die Nase halte und quasi 'durch meine Finger' atme. Es hilft ebenfalls, aber etwas geringer als es bei einem Stoff der Fall ist.

Als Kind gehörten zu meinem persönlichen Stimming auch noch das Verdrehen der Finger und das Zwirbeln der Haare. Meine Finger verdrehe ich auch heute noch gerne, alternativ 'knacke' ich gerne mit den Fingern (was allerdings auch eine auffälligere Methode ist). Seit einigen Wochen nutze ich gerne diese Haargummis, die aussehen wie die damaligen Telefonkabel. Das ist vor allem sehr unauffällig, weil ich sie am Handgelenk trage und jeder denkt, dass ich sie für einen möglichen Haarzopf bei mir trage. Zudem habe ich noch einen Igelball und ein Fingerspiel zum Trainieren der Hände. Und vor kurzem wurde mir noch kinetischer Sand empfohlen, der jetzt zum Testen hier auf dem Tisch bereitliegt.

Ich versuche immer mal wieder hilfreiche Alternativen zu finden, aber nicht jedes Stimming funktioniert in jeglicher Situation. Sind die äußeren Reize besonders stark, hilft mir persönlich nur noch die Methode mit dem Stoff vor der Nase. Halten sich die Reize in Grenzen, wie bei mir zum Beispiel in der Vorlesung innerhalb der Uni, dann reicht das Haargummi für diesen Moment vollkommen aus. Wenn ich das Stimming komplett unterdrücke, lande ich am Ende viel schneller in einem Overload und brauche allgemein mehr Zeit um mich nachher zu erholen.

Es kommt aber auch auf die Art der Reize an. Bei intensiven Gerüchen und Geräuschen hilft mir persönlich oft nur die Flucht. Beispielsweise wenn ich im Zug bin und eine Großfamilie sitzt bei mir in der Nähe und schmatzt mit ihren Kaugummis. Dann merke ich, wie die Aufregung und der Ärger sich in mir ausbreiten; und dann hilft auch kein Stimming. Genauso wenn meine Familie auf dem Sofa ihre Erdnussflips isst; entweder esse ich dann auch welche oder ich muss die Flucht ergreifen. Andernfalls bohren sich die Geräusche tief in meinen Kopf. Mit Gerüchen ist es ähnlich; vor allem mit Räucherstäbchen oder anderen für mich negativen Gerüchen.

Manchmal sind es auch schon 'kleine' Geräusche, die mich fast in den Wahnsinn treiben können. Bestes Beispiel erlebe ich just in diesem Augenblick. Ich sitze in meinem Elternhaus im Wohnzimmer und schreibe diesen Text. Es ist vollkommen ruhig hier; bis sich meine Mutter an den anderen Tisch setzt und anfängt die Kartoffeln zu schälen. Es ist nur ein 'winziges' Geräusch, aber in meinem Kopf ist es gerade laut und unerträglich. Ich versuche mich auf den Text zu konzentrieren, höre aber nur noch das Geräusch des Schälens.

Dienstag, 2. Mai 2017

Liebe Hundehalter

Warnung: Der folgende Text enthält Ironie und Sarkusmus

Liebe Hundehalter,
heute möchte ich mein Wort an Euch richten. Nicht an alle, sondern nur an ganz gewisse Hundehalter, die sich aber wahrscheinlich nicht in diesem Text wiedererkennen werden. Ich weiß das, weil diese gewissen Hundehalter sich nun mal gerne eins in die Tasche lügen.

Ich finde es immer wieder freundlich, wie viel Rücksicht Ihr auf andere Menschen nehmt. Schon auf hundert Meter Entfernung hören mein eigener Hund und ich Euch brüllen: "Ist das ein Huuund?" Ich sehe zu meinem Hund hinunter und denke: 'Nein, das ist ein Goldfisch in einem Hundekostüm'. Inzwischen liegen nur noch achtzig Meter zwischen uns und Ihr startet einen neuen Versuch: "Hallo? Ist das ein Rüüüde?" Noch immer sage ich kein Wort, während sich Eure "Ü's" wie Nadeln in meinen Schädel bohren.

Mein Hund ist nach wie vor an der Leine, während Euer Hund frei ist. Es liegen nur noch sechszig Meter zwischen uns und Ihr brüllt Eure nächste Phrase: "Mach doch frei! Der tut nix!" Mein Hund ist noch immer an der Leine, während Euer Hund nun auf uns zugelaufen kommt. Während mein Hund sich ängstlich hinter meine Beine verkriecht, stellen sich bei Eurem Hund die Nackenhaare auf. Euer Hund knurrt. Mein Hund und ich bleiben verängstigt stehen. Wir wollen in Ruhe eine Runde spazieren gehen, stattdessen versuchen wir irgendwie an Eurem Hund vorbei zu kommen. Unsicher, wie Euer Hund reagieren wird.

"Ich hab doch gesagt der tut nix!" Als letzte Instanz, da ich nun auch Angst um mich selbst habe, lasse ich meinen Hund von der Leine. Euer Hund stürzt sich zeitgleich knurrend und bellend auf meinen Hund. Mein Hund ergreift die Flucht, während Euer Hund immer noch aggressiv hinter ihm her eilt. "Das macht der doch sonst NIE!", beschwört Ihr. Ich möchte lachen, aber es bleibt mir in der Kehle stecken. Dann schaut Ihr mich an, als wäre es MEINE Schuld. Es kommt keine Entschuldigung von Euch, keine Reue. Natürlich nicht, denn Ihr seid ganz klar im Recht.

Ist ja auch klar, denn Euer Hund MUSS natürlich spielen. Er muss JEDEN anderen Hund begrüßen. Egal ob mein Hund und ich das wollen. Dann wollt Ihr auch noch eine Unterhaltung mit mir führen, obwohl ich bisher kein einziges Wort gesagt habe. Ich gehe indes weiter meines Weges und darf mir manchmal sogar noch Eure Komplimente anhören: "Selber Schuld! Seid halt beide unerzogen! Oder kannste nicht reden?!"

Es tut mir wirklich leid, dass mein Hund und ich nicht erzogen sind. Ich weiß, wir stören Euch in Eurer Harmonie. Weil ich Autistin bin und mit nur wenigen Menschen sprechen kann; und weil mein Hund Autismusbegleithund ist und den Kontakt zu den meisten Hunden scheut. Es ist ganz klar UNSERE Schuld. Euer Hund hat mit gutem Recht gebellt, weil wir so scheiße sind und Euer Leben stören. Nein, Ihr müsst nicht akzeptieren, dass wir einfach nur in Ruhe eine Runde spazieren wollen. Es ist schließlich das Recht Eures Hundes, dass er meinen Hund beschnüffeln und anknurren darf. Wir wissen, dass Euer Hund so etwas sonst auch nie macht; es ist klar und deutlich unsere Schuld.

Ich freue mich auch, wenn Euer Hund nicht bellt, aber stattdessen noch einen Kilometer lang hinter uns her läuft. Euer Hund ist zwar nicht mehr in Eurem Blickfeld, aber das ist ja nicht Euer Problem. Es ist unsere Schuld, dass Euer Hund hinter uns bleibt. Es ist auch unsere Schuld, wenn er vor lauter Freude in eine matschige Pfütze springt und mein Hund und ich von oben bis unten dreckig sind. Das finden wir wirklich sehr erfreulich, vielen Dank dafür. Wir lieben es auch, wenn Euer Hund uns verfolgt und anspringt. Ich mein: Welcher Hundehalter könnte da schon böse sein? Ist doch klar, dass ich mit meinem NICHT springenden und WASSERMEIDENDEN Hund niemals gute Kleidung anhabe.

Mein Hund und ich freuen uns auch, wenn wir mit dem Fahrrad unterwegs sind und Ihr einfach ignoriert, dass ich meinen Hund am Fahrrad an der Leine habe. Okay, Ihr habt Eure Hunde natürlich auch an der Leine. An einer langen Flexileine. Und mein Hund liebt es und freut sich, wenn ein an der Flexileine geführter Hund bellend und knurrend hinter ihm her sprintet. Und mich dabei fast vom Fahrrad reißt, weil er aus einem Angstreflex losrennt. Auch Eure Komplimente finde ich wieder sehr charmand und sozial: "Dann fahr doch nicht mit dem Rad, wenn dein Hund nicht hören kann".

Und es tut mir wieder leid, dass mein Hund und ich unsozial sind, während Ihr und Eure Hunde Euch immer richtig verhaltet. Es ist ja auch das gute Recht Eurer Hunde, dass sie sich an der Flexileine frei benehmen dürfen; sie sind ja schließlich AN DER LEINE. Während mein Hund bloß am Rad läuft und dabei kein Benehmen zeigt, weil er nicht bellt, nicht knurrt und auch sonst keine Auffälligkeiten aufweist. Ach nee, er zeigt ja einen Angstreflex; ein eindeutiges Zeichen dafür, dass mein Hund verhaltensauffällig ist. Was hab ich aber auch für einen unsozialisierten Mistköter. Ich entschuldige mich dafür gerne noch einmal bei Euch.

Bitte, fühlt Euch von uns nicht gestört. Kommt bitte nicht aus Eurer Seifenblase heraus, stellt bitte nicht fest, dass es auf der Welt mehr als nur Schwarzweiß gibt. Bleibt gerne weiter neben uns stehen, bedrängt uns, zwingt uns Euren Kontakt und Eure Sichtweise auf. Wir lieben das! EHRLICH!

Wir lieben es auch von wildfremden Menschen böse angeguckt zu werden, weil an jeder Ecke Hundehaufen liegen. Wir verstehen Euch da voll und ganz: Es macht einfach ZU VIEL Arbeit, die Haufen Eurer Hunde in eine Tüte zu stecken und in die Mülleimer zu werfen. Lasst sie einfach auf dem Gehweg liegen. Alles gut! Hauptsache ist ja, dass Ihr selbst nicht reintretet. Wir sind schließlich alle um Euer Wohl besorgt und Euer Wohl steht für uns alle an erster Stelle. Hier ein lieb gemeintes Angebot meinerseits: Ich könnte die Haufen Eurer Hunde auch einfach für Euch wegmachen; quasi als Wiedergutmachung für unser schreckliches Verhalten.

In dem Sinne danke ich Euch wirklich sehr! Ich danke Euch für NICHTS!

Montag, 1. Mai 2017

Mutismus, Shutdown und Kommunikationsprobleme

Ursprünglich wollte ich heute zu einem anderen Thema bloggen, aber dann bekam ich heute Mittag eine private Nachricht bei Twitter. Auf die Nachricht selbst möchte ich an dieser Stelle gar nicht eingehen, aber sie führte mich letzt endlich zu meinem Blog und dem Bedürfnis, über meine Probleme im kommunikativen Bereich zu schreiben. Dabei ist es schwierig für mich zwischen den einzelnen Faktoren zu unterscheiden, denn Kommunikation ist aus vielerlei Sicht für mich eine oft unüberwindbare Hürde.

Die Grenzen sind für mich einfach sehr schwammig und kaum überschaubar; also die Grenzen zwischen Autismus, Mutismus und sozialen Ängsten. In meinem Fall gibt es vermutlich oft auch gar keine Grenzen, die Komponenten gehen dann übereinander. Den selektiven Mutismus gibt es zudem als einzelnes Störungsbild, aber er kann auch ein Symptom vom Autismus sein. Ich nenne den Mutismus in meinem Fall jedoch immer gretrennt von meiner Autismusdiognose. Vielleicht, weil ich Mutismus eher diagnostiziert bekam, aber vielleicht auch, weil der Mutismus für mich mehrere Seiten hat.

Ich versuche heute etwas Ordnung in das Chaos zu bringen und meine Problematik zu beschreiben, wobei ich nicht auf genaue Definitionen zurückgreifen werde; diese lassen sich allerdings schnell übers Internet mit Hilfe von Suchmaschinen finden.

Selektiver Mutismus
Seit meiner frühen Kindheit liegt ein selektiver Mutismus bei mir vor, der sich bis zum heutigen Tage erfolgreich in meinem Leben gehalten hat. Der selektive Mutismus hat für mich wie gesagt zwei Seiten. Ich reagiere einmal selektiv mutistisch in Bezug auf Menschen, und dann wiederum auch selektiv mutistisch auf Situationen bezogen.

Mein Stiefvater stellte mir dazu einmal eine Frage: "Die Leute mit denen du sprechen kannst; wählst du diese Menschen bewusst oder unbewusst aus?" Dazu möchte ich an dieser Stelle noch einmal deutlich sagen: Ich wähle NIE bewusst aus. Könnte ich bewusst auswählen, hätte ich vermutlich deutlich weniger Probleme in meinem Leben. Die ganze Sache ist weitaus komplizierter, als ich zu erklären in der Lage bin. Viele, viele Faktoren spielen hier eine Rolle.

Ich versuche es dennoch: Es fühlt sich ein wenig so an, als wären die Menschen in drei Bereiche eingeteilt. Es gibt einen grünen Bereich, einen orangen Bereich und einen roten Bereich. Im grünen Bereich sind die Menschen, mit denen ich sprechen kann, wie beispielsweise meine Eltern und meine beste Freundin. Im orangen Bereich sind die Menschen, mit denen ich eingeschränkt sprechen kann, wie beispielsweise mir vertraute Kommilitonen, mir vertraute Dozenten und mir nahe stehende Bekanntschaften. Im roten Bereich sind die Menschen, mit denen ich nicht sprechen kann, wie beispielsweise mir nicht vertraute Menschen, mir nicht vertraute Kommilitonen und mir nicht vertraute Dozenten. Es gibt die Möglichkeit, vom roten in den orangen Bereich zu wechseln und vom orangen in den grünen Bereich zu wechseln. Der Wechsel in den grünen Bereich ist jedoch selten; dazu zählen im Moment nur meine Eltern und meine beste Freundin. Es gibt auch Menschen, die immer im roten Bereich bleiben, egal welche Anstrengung sie unternehmen. In diesem Fall gehört der Mutismus für mich persönlich nicht zum Autismus. Ich schätze, weil hier keine Reizüberflutung die Ursache ist, sondern eine selektive Wahrnehmung.

Würde bei mir ausschließlich ein selektiver Mutismus vorliegen, wäre die Sache an dieser Stelle unter Umständen jetzt erklärt. Nun kommen aber weitere Faktoren ins Spiel. Das sind in meinem Fall der selektive Mutismus in bestimmten Situationen, der Autismus mit weiteren Problemen in der Kommunikation und mit sogenannten Shutdowns, und auch soziale Ängste aufgrund meiner Vergangenheit. Theoretisch kann ich also mit Menschen aus dem grünen und orangen Bereich sprechen, praktisch sieht die Angelegenheit leider aber anders aus.

Der selektive Mutismus bezieht sich bei mir nicht nur auf Personen, sondern auch auf Orte und Situationen. Ein Beispiel: Mit viel Vorbereitung schaffe ich es mit einem Dozenten aus dem orangen Bereich zu sprechen und ein kurzes Gespräch zu führen. Würde dieser Dozent jedoch unvorbereitet nach der Vorlesung zu mir kommen und das Gespräch suchen, lande ich sehr schnell wieder im selektiven Mutismus. An sich betrachtet gehört dieser Dozent zwar zu den Menschen, mit denen ich (eingeschränkt) sprechen kann, aber abhängig von der Situation verfalle ich dann doch in mein Schweigen. Mit viel Glück finde ich noch vereinzelnd Worte, wie "Okay" oder "Ja", aber auch das muss nicht der Fall sein. Es kann auch passieren, dass ich in solchen Situationen zu keinen sprachlichen Äußerungen fähig bin. In diesem Fall gehört der Mutismus für mich persönlich zum Autismus. Das liegt für mich daran, dass hier zeitgleich auch eine Reizüberflutung vorliegt.

Unabhängig davon kenne ich auch noch Overloads und Shutdowns. Andere Blogger im Internet haben dazu wirklich tolle Definitionen geschrieben; einfach Overload oder Shutdown in Verbindung mit Autismus in die Suchmaschine eingeben. Bei einem Shutdown bin ich ebenfalls nicht mehr in der Lage dazu mich sprachlich zu äußern; auch hier wieder wegen der Reizüberflutung. Der Unterschied ist jedoch, dass die Reize noch nicht einmal Komminikation beinhalten müssen. Und ein Shutdown ist auch eine wesentlich 'heftigere' Reaktion für mich als der selektive Mutismus. Dazu vielleicht besser ein Beispiel:

Vor kurzem bin ich mit der Regionalbahn in meine Heimat gefahren. Die vielen Menschen, Geräusche und Gerüche in der Bahn waren zu viel für mich. Es verlangte zwar keiner Kommunikation von mir, aber die vielen Reize die auf mich einströmten, verursachten innerhalb kürzester Zeit eine Überlastung bei mir. Also einen Overload. Da ich allerdings noch zweimal umsteigen musste und der Situation mit der Bahn nicht aus dem Weg gehen konnte, landete ich schlussendlich in einem Shutdown. Ich konnte nicht mehr reden, mich nicht mehr bewegen; verschloss mich voll und ganz in mein Inneres. Auch wenn meine Mutter oder meine beste Freundin in der Situation plötzlich aufgetaucht wären, hätte ich nicht mit diesen Menschen sprechen oder auf sie reagieren können.

Und das alles ist immer noch nur ein Bruchteil von dem, weswegen Kommunikation solch ein Problem für mich darstellt. Es gibt noch weitere Störfaktoren, wie beispielsweise mein Unverständnis bei Ironie und Sarkasmus und das ich viele Sprüche plus Redewendungen wortwörtlich nehme. Auch Smalltalk empfinde ich als unnötig und schwierig. All das sind nur ein paar weitere Gründe, weshalb Kommunikation in meinem Fall nicht reibungslos verläuft. Es spielen auch Dinge eine Rolle, die ich in manchen Situationen nicht einmal erklären oder benennen kann.

Und dann schätze ich, dass auch psychologische Komponenten noch einen Anteil ausmachen. Aufgrund von Mobbing, Sprüchen und Schikanenen in meiner Vergangenheit, und dem Wissen meiner kommunikativen Defizite, bin ich bei sprachlichen Äußerungen sehr vorsichtig. Und nicht nur bei sprachlichen Äußerungen; auch beim Schreiben in Chats und in privaten Nachrichten fühle ich mich unsicher.

All diese Punkte ergeben ein Gesamtpaket.

Für mich persönlich fühlt es sich einfach richtig und 'normal' an zu schweigen, während das Reden immer eine Überwindung ist. Immer wieder und wieder. Schreiben ist leichter, aber Reden wiegt schwer. Und meine Erfahrung ist leider auch, dass andere Menschen einen schweigenden Menschen nur schwer akzeptieren können. Mein Blogeintrag ist schon wieder lang geworden, aber zwei kleine Situationen, die mich sehr mitgenommen haben, möchte ich trotzdem noch gerne beschreiben.

Vor zwei Jahren war ich an meinem Studienort mit meinem Hund auf dem Weg zum Fluss. Eine mir unbekannte Frau mit Hund kam uns entgegen, blieb drei Meter entfernt von uns stehen und sagte wie aus dem Nichts heraus: "Was ist eigentlich dein Problem? Hm? Kannst du nicht sprechen oder was?"  Ich kannte die Frau nicht, vermutete aber, dass sie mich schon häufiger am Fluss gesehen hatte. Vielleicht war ich schon mal an ihr vorbei gegangen, hatte sie aber nicht bewusst wahrgenommen. Ich war zutiefst erschrocken, weil sie eine Fremde für mich war. In ihrer Stimme lag Verachtung. Ich ging ohne ein Wort an ihr vorüber, zitterte aber am ganzen Körper. Bis heute verstehe ich ihre Reaktion und den Sinn ihrer Reaktion nicht.

Auch an meinem Heimatort bin ich im vergangenen Jahr in eine ähnliche Situation geraten. Ein Bekannter meiner Eltern hat ebenfalls einen Hund. Durch mein Praktikum im letzten Jahr bin ich morgens immer mit meinem Hund und dem Hund meiner Eltern unterwegs gewesen. Bei diesen Spaziergängen traf ich einige Male auf diesen Bekannten. Er gehört aber zu den Menschen aus dem roten Bereich. Ich bin also nicht in der Lage, mit diesem Mann zu sprechen. Also kein einziges Wort. Eines Tages stand er mit zwei anderen Leuten an der Ecke. Ich ging an der Gruppe vorbei und hörte den Mann zu den anderen zwei Leuten sagen: "Die Mutter von ihr ist total nett. Ich weiß gar nicht, wie so ein stures Mädchen aus der werden konnte". Schon an der Gruppe vorbei zu gehen bedeutete für mich eine extreme Belastung, aber die Worte des Mannes lösten eine Panikattacke in mir aus. Und aus der Panikattacke wurde schnell ein Meltdown (sieht von außen wie ein Wutausbruch aus, ist aber mehr eine Reizüberflutung mit Verzweiflung und Hilflosigkeit).

Es war mein erster Meltdown (in der Öffentlichkeit) seit unzähligen Jahren. Ich schrie und weinte und rannte später mit beiden Hunden schnell wieder nach Hause. Ich erzählte meinen Eltern davon und einige Zeit später trafen meine Mutter und ich gemeinsam auf den Mann. Meine Mutter hielt ihn an und stellte ihn zur Rede: "Wieso lästern Sie über meine Tochter?" Ich stand abseits und zitterte wieder am ganzen Körper. Der Mann lachte nur und sagte: "Also Entschuldigung, aber wie kann eine Person auch dermaßen stur sein? Nicht einmal eine Begrüßung bringt sie zustande?" Wieder schrie und weinte ich. Ich erinnere mich nicht mehr genau, aber ich brüllte etwas von Autismus und Schwierigkeiten und ehrlicherweise auch einen vulgären Begriff. Stolz bin ich darauf nicht, aber diese Überreaktion meinerseits ließ sich leider nicht verhindern. Der Mann ergriff erschrocken die Flucht, entschuldigte sich später allerdings bei meinem Stiefvater (und nicht bei mir!).