Sonntag, 28. Mai 2017

Neuer Blog

Es sorgt hoffentlich nicht für Chaos, aber aus Gründen habe ich einen neuen Blog:
sarinijhautism.wordpress.com

Donnerstag, 25. Mai 2017

Verhaltensweisen und Sprüche

Aufgrund eines Beitrags ist mir heute eingefallen, dass ich als Kind oft als 'stur' bezeichnet wurde.

Eine Freundin meiner Mutter schrieb damals in mein Poesiealbum:
Liebe Sarinijha,
wenn du Kummer oder Sorgen hast,
musst du darüber sprechen und nicht auf stur schalten.
Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden!

Dieser Spruch verletzte mich sehr. Immer sollte ich mein Verhalten ändern, aber nie erklärte mir ein Mensch die Vorgehensweise für solche Veränderungen. Ich strengte mich an, aber am Ende verhielt ich mich doch wieder auf die gleiche Weise. Das war sehr frustrierend!

Ich war stur, weil ich in gewissen Situationen schwieg.
Ich war stur, weil ich Aufgaben nicht erledigte.
Ich war stur, weil ich bei einem Meltdown schrie.

Meine Mutter kaufte sich sogar eines dieser Horoskopbücher über den Steinbock, weil sie endlich Erklärungen für mein Verhalten haben wollte. Mein Sternzeichen sollte scheinbar Auskunft darüber geben, weshalb ich mich nicht wie andere Kinder verhielt. Dabei handelte meine Mutter sicher nicht nach bösen Absichten.

Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie schwierig es auch für meine Mutter gewesen sein muss. Sie musste sich immer wieder für meine Verhaltensweisen rechtfertigen.

Eines Nachmittags, ich war vielleicht sieben oder acht Jahre alt, hatte ich einen Meltdown. Ich erinnere mich nur noch an diesen einen Meltdown, obwohl es laut meiner Mutter nicht der Einzige war. Und ich weiß noch genau, dass er aufgrund der fremden Person in unserer Wohnung entstand. Ich stand auf dem Bett meiner Mutter, dabei schrie und 'wütete' ich ohne Pause. Meine Mutter und ihr damaliger Freund packten mich und zehrten mich zum Auto. Ich schrie weiter, während sie mich ins Auto setzten und zum Arzt fuhren. Meine Mutter hoffte, dass der Arzt eine Erklärung für mein Verhalten hätte. Autofahren hatte allerdings schon immer eine beruhigende Wirkung auf mich, so dass ich beim Arzt angekommen wieder ruhig und schweigsam war. Der Arzt fand natürlich keine Erklärung und schickte uns nach Hause. Ich sei halt einfach 'bockig'.

Auch Verhaltensweisen kopierte ich. In der Grundschule hatten wir eine Pflanze auf dem Schulhof, die zu einer bestimmten Jahrzeit gerne als Juckpulver verwendet wurde. Bei den Jungs war das eine Art von Spiel. Sie schnappten sich das Juckpulver und liefen sich gegenseitig hinterher, immer mit der Drohung, jemandem das Juckpulver von hinten in den Pullover zu stecken. Ich beobachtete das Treiben. Dann hob auch ich das Juckpulver auf, rannte zu einer Mitschülerin und steckte das Pulver an die vorgesehene Stelle. Schockiert drehte sie sich rum und kratzte sich den Nacken. Später fragte mich meine Lehrerin, was mich zu dieser Tat bloß getrieben hätte. Ich gab ihr keine Antwort. Ich hatte doch bloß bei dem Spiel mitmachen wollen.

In der Grundschule und bei Besuch galt ich stets als 'schüchtern'. In der weiterführenden Schule wurde mein Schweigen meist als "Arbeitsverweigerung" ausgelegt. Hier hieß es dann wieder, dass ich 'stur', 'faul' und 'unflexibel' sei. Niemand kam auf die Idee, dass ich nicht in der Lage war mich sprachlich zu äußern.

Gerade in der weiterführenden Schule erschien mir die Welt sehr 'chaotisch'. Aus heutiger Sicht denke ich, dass mir eine Schulbegleitung sehr geholfen hätte. Ich fand die Klassenräume nicht und das Verhalten meiner Mitmenschen war für mich damals undurchschaubar. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, sehe ich viele verwirrende Muster und Farben. Ein Chaos ohne Sinn.

Als ich erneut die Schule wechselte, bekam ich dann zum ersten Mal einen Spitznamen: "Stille Quelle". Aus heutiger Sicht klingt es fast 'niedlich', aber damals wurde dieser Spitzname immer mit einem negativen Unterton gerufen. Meine Mitschüler machten sich darüber lustig, dass ich in der Schule nicht sprach. Eine Freundin sagte immer: "Aber stille Wasser sind tief!" Ich verstand diese Aussage damals nicht (Anmerkung: Damit ist gemeint, dass hinter der zurückhaltenden Art oft ungeahnte Fähigkeiten eines Menschen verborgen sind). Ich fühlte mich bloß unverstanden und nicht akzeptiert

Mein Schweigen war sehr häufig die größte Angriffsfläche.

In einer anderen Schulklasse sollte ich im Unterricht etwas sagen. Ich konnte es nicht und schwieg. Eine Mitschülerin lachte daraufhin und sagte: "DIE sollte besser auf eine Schule für 'Taubstumme' gehen!" Die Menschen sprachen über mich und behandelten mich, als wäre ich 'minderbemittelt' und würde ihre Worte nicht hören. Leider hörte und verstand ich alles. Es verletzte mich sehr, dass ich immer wieder am Rand stand, ausgeschlossen und beleidigt wurde.

In der Berufsschule hatte ich zum Beispiel eine Mitschülerin, die der Meinung war, dass ich keinen Humor hätte. Einfach aus dem Grund, weil ich über ihre Witze nicht lachte. Sie sagte dann immer: "Du gehst wohl auch zum Lachen in den Keller". Unwillkürlich stellte ich mir einen Kellerraum vor. Wieso sollte ich zum Lachen in einen Keller gehen?!

Dabei galt ich auch zuhause als 'humorlos'. Ich verstand Witze, Ironie und Sarkasmus nicht.

"Wann fahren wir?", fragte ich einmal meinen Stiefvater.
"Gleich", antwortete er.
"Und wann ist gleich?"
"Gleich halt".
"Ja, aber wann?"
"Gleich heißt gleich".
"Aber wann ist denn gleich?"
"Vielleicht fahren wir auch gar nicht", sagte er dann und lachte.
Frustriert und 'beleidigt' ging ich in mein Zimmer.

Meine Eltern verstanden das damals nicht. Sie sagten: "Das war doch nur ein Witz". Aber wie konnte das ein Witz sein?! Aus meiner Sicht war das kein Spaß, denn ich stellte mich auf Unternehmungen ein und ein 'Vielleicht fahren wir auch gar nicht' brachte mich vollkommen aus dem Konzept.

Dienstag, 16. Mai 2017

Meine mündliche Prüfung

Heute hatte ich also meine erste mündliche Prüfung an der Uni. Das war eine freiwillige Entscheidung, denn eigentlich habe ich einen Nachteilsausgleich und darf die mündlichen Prüfungen als schriftliche Klausuren ableisten. Im Vorfeld hatte ich bereits mit der Dozentin gesprochen und ihr erklärt, dass ich einen Versuch starten möchte. Sie war begeistert und machte mir Mut. Doch schon bei dem Gespräch brachte sie die Bemerkung, dass ich nur genügend Übung bräuchte und eine mündliche Prüfung eine gute Idee sei, damit ich die Diskussion am Prüfungstag lenken könnte. Diese Bemerkungen verletzten und ärgerten mich, weil aus meiner Sicht einfach keine Person über mich und meine Situation urteilen kann, die nur schwammige Informationen hat. Die Dozentin weiß zwar von einer Behinderung, aber sie kennt keine genaue Diagnose.

(Pause)

Diese Bemerkung ärgert mich, weil ich bereits mein Leben lang übe und sich die Prüfungssituation für mich dadurch nicht ändert. Es impliziert mir, dass es mein Fehler ist und ich nur nicht genug an mir und meiner Person gearbeitet hätte. Ich weiß, dass die Dozentin es gut meinte und ich hätte meine erste Prüfung auch nicht bei ihr gemacht, wenn ich nicht dennoch ein gutes Gefühl und Vertrauen zu ihr gehabt hätte. Dennoch ist diese Bemerkung für mich ein Tabu. Eine Bemerkung, die ich oft in meinem Leben gehört habe und das nie im positiven Sinne.

(Pause)

Dieser Text und die Erinnerung an die Prüfung sind gerade unheimlich schwer für mich. Ich muss zwischendurch pausieren; dann forme ich mit meinen Händen längere 'Schlangen' aus meiner Knete. Ich lasse meine Hände immer wieder über die Knete rollen, bis diese lang genug ist, um aus ihr eine 'Schnecke' zu drehen.

(Pause)

Zur eigentlichen Prüfung. Irgendwann war meine Kommilitonin fertig und sagte mir, dass ich jetzt in das Zimmer gehen darf. Meine Dozentin hatte im Vorfeld schon mit mir besprochen, dass ich den letzten Prüftermin bekomme, damit ich unter Umständen mehr Zeit habe. Tatsächlich brauchte ich diese Zeit auch, denn ich habe tatsächlich doppelt so lang wie meine Kommilitonen gebraucht. Es gab zwei Prüfer. Einmal meine Dozentin und dann noch den Tutor. Ein Tutor ist eine Person, die Studenten betreut und mit ihnen den Lehrstoff durcharbeitet. Meine Dozentin bat mich zu Beginn, dass ich frei über den Prüfinhalt reden sollte. Ich fand jedoch keinen Anfang. Ehrlich gesagt war ich mir unsicher, ob ich bei der Erklärung im Vorfeld beginnen sollte oder direkt mit der Übung. Ich verfiel also sogleich ins Schweigen.

(Pause)

Ich brauch das Schweigen sehr mühevoll mit: "Ich finde keinen Anfang". Die Worte wogen unendlich schwer. Meine Dozentin machte dann den Anfang für mich und erzählte über das Projekt. Nur sehr zaghaft fand ich einen Weg zu den nächsten Schritten. Es kostete mich unendlich viel Kraft und Konzentration. Meine Hände waren unter dem Tisch und hielten die Knete, mit der ich verschiedene Formen bildete. Unauffällig. Nach jeder Frage meiner Dozentin stockte ich und brauchte mehrere Minuten, um mich in das nächste Thema einzufinden. Wieder ein Blackout. Wieder die Suche nach den Worten. Vorher konnte ich den Lernstoff, aber auf einmal wogen Worte wieder schwer und bildeten eine zehe Masse in meinem Kopf. Häufig verstand ich die Fragen der Dozentin nicht. Immer fiel ich erst ins Schweigen, mehrfach bat ich sie darum die Frage zu wiederholen. Zweimal schrieb sie mir die Fragen auf ein Blatt Papier, aber das änderte nichts an der Sache.

(Pause)

Es lag an meiner Konzentration, den Reizen und der Tatsache, dass gesprochene Sprache eine große Hürde für mich ist. Ich wurde gefragt, ob das Fenster geschlossen werden soll und ich bejahte, weil draußen Bauarbeiten stattfanden. Später wurde ich gefragt, ob sie noch irgendwelche anderen Reize für mich verhindern könnten und ich verneinte, weil das bedeutet hätte, dass alle außer mir den Raum verlassen müssten - und dann hätte wohl keine Prüfung mehr stattfinden können. Die meiste Zeit starrte ich auf den Tisch und versuchte aus den Fragen und dem Gesagten einen Sinn zu erkennen, aber manchmal erkannte ich keinen Sinn und verlor mich. Irgendwann beendete die Dozentin die Prüfung und es bereitete mir Kummer. Ich wollte gern noch mehr Wissen preisgeben, aber ich spürte auch, dass ich mittlerweile am Ende meiner Kräfte war.

(Pause)

Ich ging vor die Tür, weil die Prüfer meine Note besprechen wollten. Hier weinte ich, wischte die Tränen aber schnell weg. Vor der Tür spürte ich sofort meine unermessliche Erschöpfung. Zum ersten Mal nach sehr langer Zeit verspürte ich den Wunsch in mir, keine Autistin zu sein. Ich wollte mich am liebsten auf dem Boden zusammenrollen. Stattdessen ging ich nach fünf Minuten zurück in den Raum. Ich erfuhr die Note für die schriftliche Ausarbeitung zum Projekt und die Note für den mündlichen Teil. Der schriftliche Teil war eindeutig wieder meine Rettung und brachte mich auf eine gute Note. Dann kam wieder die Bemerkung, dass ich nur mehr Übung bräuchte und im Grunde genommen ALLE Studenten ihre Probleme mit den mündlichen Prüfungen und auch Blackouts hätten.

(Pause)

Natürlich stimmt es, dass viele Menschen nervös sind und sich vor den mündlichen Prüfungen fürchten, aber diese Bemerkung ist für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich versuchte mich noch irgendwie zu erklären, aber mir fehlten wieder die Worte und auch die dazu nötige Kraft. Fast hätte ich gesagt: "Und trotzdem ist es anders als Autistin". Aber das kam mir falsch vor. Mit letzter Kraft fuhr ich mit dem Rad nach Hause. Für die Fahrt brauchte ich die doppelte Zeit. Zuhause schaffte ich es nicht meinen Hund zu begrüßen, sondern fiel einfach nur noch auf mein Sofa und brauchte Zeit für mich ganz alleine. So erschöpft hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt. Als ich dalag wünschte ich mir tief und fest, dass die Prüfer und die gesamte Menschheit alle mal für eine Woche autistisch wären und verstünden, was das tatsächlich bedeutet. Später rief ich noch meine Eltern an. Ich war noch immer total erschöpft, hatte aber zumindest wieder genug Kraft zum Sprechen und Weinen.

(Pause)

Ich versuche Stolz auf mich zu sein, weil ich es mich gewagt und geschafft habe. Trotzdem sind da zur gleichen Zeit noch viele andere Gefühle in mir.

Montag, 15. Mai 2017

Die Welt der Mode (und ich)

An sich würde ich sagen, dass ich mittlerweile viel Wert auf Kleidung und Mode lege. Zumindest empfinde ich bei dem Thema eine gewisse Freude und Individualität; wobei Kleidung für mich praktisch und angenehm sein muss. Sicherlich könnte ich keine Modebloggerin werden, aber ich habe meinen ganz eigenen Stil gefunden und lebe ihn ohne Hintergedanken aus. Trotzdem habe ich auch hier meine ganz persönlichen Schwierigkeiten.

Es beginnt bereits beim Einkauf von Kleidung. Ich würde niemals, wirklich NIEMALS, alleine in die Innenstadt oder in ein Einkaufszentrum gehen. Wenn ich mich auf diesen enormen Stress einlasse, dann ausschließlich in Begleitung einer mir vertrauten Person. Und dann bitte NICHT an einem Samstag oder Freitagnachmittag. Je leerer es in den Geschäften ist, desto eher kann ich mich auf solch einen 'Shoppingtag' einlassen. Ehrlich gesagt konnte ich als Jugendliche und junge Erwachsene sogar lange Zeit nicht ohne Begleitung in den Supermarkt gehen. Den Einkauf von Lebensmitteln schaffe ich mittlerweile alleine, aber bei Kleidung sind meine Grenzen erreicht.

Früher war Kleidung ausschließlich eine Notwendigkeit für mich, weshalb in der Schule sicherlich häufiger über mich gelacht wurde. Ich achtete nicht auf Trends, nicht einmal auf Farbkombinationen oder Schnitte. Kleidung musste in erster Linie praktisch und angenehm auf der Haut sein. Ich machte Kleidung nicht einmal von der Jahreszeit abhängig, weswegen meine Oma noch heute manchmal eine alte Geschichte herauskramt und lacht. Als ich fünfzehn oder sechszehn Jahre alt war, besuchte ich sie mal wieder in Italien. Ich sorgte für Aufregung bei meiner Oma und für einige Lacher, denn es war Hochsommer in Italien und ich kam da mit meinen Stiefeln aus dem Gate gelaufen. Meine Oma lachte und rief: "Ach Kind, du siehst ja aus wie im Winter!"

Wenn ich jedoch keine Begleitperson zum Einkaufen finde, beispielsweise wenn ich an meinem Studienort bin, schaue ich mich auch gerne online nach Kleidung um. Je nach Internetseite bringt auch das wieder Schwierigkeiten mit sich, weil Mode nicht gleich Mode ist. Es gibt unterschiedliche Bezeichnungen für ein und dieselbe Sache. Schuhe sind im Internet und in der Modewelt nicht einfach nur Schuhe. Sie heißen Sandalen, Wedges, Schnürstiefel, Turnschuhe, Sneaker, High Tops oder auch Slingbacks. Suche ich also eine ganz bestimmte Art von Schuhen, muss ich erst einmal die genauen Bezeichnungen ausfindig machen. Bei Oberteilen ist es auch nicht anders, denn diese unterscheiden sich noch in Tanktops, Spaghettiträger, Blusen, Tuniken, Shirts oder Westen.

Manchmal frage ich mich sogar, welcher Weg wohl leichter ist. Mit einer Begleitperson den Trubel in der Innenstadt oder im Einkaufszentrum überstehen; oder sich online durch einen Wust von Begriffen kämpfen?!

Obwohl ich mittlerweile auf meine Kleidung achte und versuche die Kleidungsstücke ordentlich zu kombinieren, kommt bei mir noch ein weiterer 'seltsamer Faktor' hinzu. Seltsam finden ihn meist eher meine Mitmenschen, sofern es ihnen überhaupt auffällt, währenddessen es für mich selbst eine Logik enthält. Finde ich ein Kleidungsstück, das von der Form und der Beschaffenheit des Stoffes meinem Wohlwollen entspricht, kaufe ich es in mehrfacher Ausführung. Ich besitze also ein Oberteil (ich bitte um Entschuldigung, ich meine natürlich ein Tanktop) von einer ganz bestimmten Marke in verschiedenen Farben. Hier kenne ich meine Größe und wenn ich ein neues Oberteil davon brauche, kann ich es nun auf einfachem Weg nachkaufen oder bestellen.

Das geht mir auch mit anderen Kleidungsstücken so, wie beispielsweise meiner längeren Jacke (meinem Parka). Diesen besitze ich in dreifacher Ausführung. Und im letzten Winter ist es zwei meiner Kommilitonen aufgefallen: "Hast du den Parka nicht auch noch in Blau?" Ich musste dann gestehen, dass ich ihn sogar in drei Farben habe. In den letzten zwei Wochen habe ich mir vier neue Kleider gegönnt, die alle vom selben Hersteller sind. Von der Form und vom Material her ist es im Grunde genommen ein einziges Kleid; nur besitze ich dieses eine Kleid jetzt mit vier verschiedenen Mustern. Ich kann nur grob nachvollziehen, weswegen andere Menschen das seltsam finden. Wenn ich mich in dem Kleid wohl fühle und der Stoff sich locker und weich auf meine Haut legt, wieso sollte ich mir dann den Stress machen und nach verschiedenen Modellen schauen?!

Der Stoff hatte schon immer Priorität. Mir ist es wichtig, dass die Stoffe locker und weich sind. Schon als Kleinkind trug ich beispielsweise keine Jeanshosen, weil sie mir Bauchschmerzen bereiteten. Meine Grundschullehrerin ließ allerdings nie locker und redete immer wieder auf meine Mutter ein, sie solle mir warme Jeanshosen für den Winter kaufen. Meine Mutter kaufte zig Modelle, sogar welche mit Gummibund oben, aber meine Bauchschmerzen blieben. Noch heute trage ich keine Jeanshosen. Im Winter liebe ich Strumpfhosen und Leggings und im Sommer trage ich gerne Röcke und locker fallende Stoffhosen.

Abneigungen habe ich nicht nur gegen Jeanshosen (Jeansblusen und Jeanskleider sind übrigens in Ordnung), sondern auch gegen Rollkragenpullover (sie schnüren mir den Hals zu). Ich mag auch keine Schuhe, die laute Geräusche machen (wie Stöckelschuhe), oder Kleidung die eng sitzt oder kratzt.

Ich lege mittlerweile viel Wert auf Farben und versuche ähnliche Farben miteinander zu kombinieren. Ich meine mal gehört zu haben, dass das in der Modewelt als "Ton-in-Ton" bezeichnet wird. Trage ich also ein blaues Kleid, versuche ich auch blaue Strumpfhosen, blaue Schuhe und ein blaues Tuch damit zu verbinden. Ich mag diese Farbzusammenstellungen und es gibt mir auch ein Gefühl der Sicherheit. Die Farben an sich dürfen nicht zu grell sein, wobei ich sehrwohl bunte Kleidung mag. Ich hab da irgendwie zwei Seiten in mir; die eine Seite mag es gern bunt und die andere Seite trägt auch gerne mal schwarze Kombinationen. Allerdings trug ich als Teenager einige Jahre lang sowieso nur schwarz (und wurde als Goth bezeichnet).

Dienstag, 9. Mai 2017

Stimming

Stimming bedeutet 'Selbststimulierendes Verhalten' und dient der Reizregulierung. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um negative oder positive Reize handelt. Zu diesen Reizen gehören Geräusche, Berührungen, Geschmäcker, Lichter, Gerüche und auch Gefühle. Alles strömt ohne Filter auf einen ein, so dass die Reize sich intensiv und explosionsartig ausbreiten. Das 'Stimming' hilft in solchen Momenten diese Reize zu kontrollieren, und irgendwie auch auf die eigene Art und Weise zu verarbeiten. Ein sehr bekanntes Stimming ist vermutlich das Wiegen des Körpers oder auch das Flattern mit den Händen.

Ich selbst beschäftige mich erst seit einigen Wochen mit dem Thema, obwohl ich vor sieben Jahren meine Diagnose erhielt und seit meiner frühesten Kindheit bereits Stimming anwende. Begriffen habe ich das allerdings erst in der letzten Zeit.

Mit dem Körper zu schaukeln oder die Hände flattern zu lassen sind aus meiner Sicht 'auffälligere Methoden' des Stimmings; das ist allerdings keine 'Wertung' meinerseits. Diese Methoden sind in Ordnung, denn sie helfen bei der Reizregulierung. Gesellschaftlich sind sie unter Umständen noch immer etwas verpönt oder unsittlich; wobei ich finde, dass da 'die Gesellschaft' an mehr Akzeptanz arbeiten sollte. Ich vermute jedoch, dass sie aufgrund der 'Auffälligkeit' nie eine Möglichkeit für mich persönlich darstellten.

Schon als Kleinkind war ich sehr introvertiert und darauf bedacht, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf meine Person zu lenken (meine Mutter sagte beim Vorlesen gerade an dieser Stelle, dass meine Meltdowns eine Ausnahme waren). Aus diesem Grund wählte ich 'unauffälligere Methoden'. Das geschah jedoch unbewusst und ist momentan eine Vermutung. Aufgrund dieser Unauffälligkeit dachte ich auch lange Zeit, dass ich gar kein Stimming anwenden würde. Die für mich hilfreichste Methode als Kind war mein Schnuffeltuch. Das war meine blaue Babydecke, die ich liebevoll "Nucki" nannte. Nucki deutet zwar eher auf einen Schnuller hin, aber Schnuller mochte ich laut meiner Mutter nie.

Nucki war immer an meiner Seite, was aus heutiger Sicht auch ganz logisch ist. Es beruhigte mich, wenn ich mir Nucki vor die Nase hielt; sein vertrauter Geruch und der weiche Stoff waren mir eine unfassbar große Hilfe. Er hielt meine Welt in Ordnung; und der Stoff schirmte mich von der Welt und den vielen Reizen ab. Katastrophal hingegen war es, wenn ich mittags oder abends nach Hause kam und feststellte, dass meine Mutter mein Schnuffeltuch in die Waschmaschine gesteckt hatte. Ich schrie und weinte, weil der vertraute Geruch weg war und Nucki sich nach dem Waschen anders anfühlte. Meine Mutter wiederum verstand das Problem nicht, denn natürlich musste die Decke regelmäßig gesäubert werden.

Einmal erzählte mir meine Mutter, dass Nucki sogar mit ins Kino sollte. Mein leiblicher Vater befand jedoch, dass die Kuscheldecke nichts in der Öffentlichkeit zu suchen hätte. Ich schrie und weinte und wollte ohne Nucki nicht aus dem Haus. Ich kämpfte solange, bis auch mein leiblicher Vater endlich nachgab. Nucki war damals eher unauffällig, weil viele Kinder Plüschtiere hatten und die Leute ihn als Ersatz dafür verstanden. Meist legte ich mir eine ganz bestimmte Ecke der Decke vor die Nase, so dass mit der Zeit ein Loch entstand. Mittlerweile ist Nucki in meinem Bettkasten 'in Rente'.

Erst neulich ist mir aufgefallen, dass das mit dem Stoff noch heute mein Stimming ist. Nur ein weiterer Grund, weshalb ich den Winter liebe. Noch immer halte ich mir in stressigen (reizüberfluteten) Situation gerne einen Stoff vor die Nase, wie etwa meinen Schal oder ein Tuch. Leider ist diese Methode im Sommer unmöglich, beziehungsweise wäre sie im Sommer eher auffällig. Manchmal hilft es mir aber auch, wenn ich mir einfach meine eigene Hand vor die Nase halte und quasi 'durch meine Finger' atme. Es hilft ebenfalls, aber etwas geringer als es bei einem Stoff der Fall ist.

Als Kind gehörten zu meinem persönlichen Stimming auch noch das Verdrehen der Finger und das Zwirbeln der Haare. Meine Finger verdrehe ich auch heute noch gerne, alternativ 'knacke' ich gerne mit den Fingern (was allerdings auch eine auffälligere Methode ist). Seit einigen Wochen nutze ich gerne diese Haargummis, die aussehen wie die damaligen Telefonkabel. Das ist vor allem sehr unauffällig, weil ich sie am Handgelenk trage und jeder denkt, dass ich sie für einen möglichen Haarzopf bei mir trage. Zudem habe ich noch einen Igelball und ein Fingerspiel zum Trainieren der Hände. Und vor kurzem wurde mir noch kinetischer Sand empfohlen, der jetzt zum Testen hier auf dem Tisch bereitliegt.

Ich versuche immer mal wieder hilfreiche Alternativen zu finden, aber nicht jedes Stimming funktioniert in jeglicher Situation. Sind die äußeren Reize besonders stark, hilft mir persönlich nur noch die Methode mit dem Stoff vor der Nase. Halten sich die Reize in Grenzen, wie bei mir zum Beispiel in der Vorlesung innerhalb der Uni, dann reicht das Haargummi für diesen Moment vollkommen aus. Wenn ich das Stimming komplett unterdrücke, lande ich am Ende viel schneller in einem Overload und brauche allgemein mehr Zeit um mich nachher zu erholen.

Es kommt aber auch auf die Art der Reize an. Bei intensiven Gerüchen und Geräuschen hilft mir persönlich oft nur die Flucht. Beispielsweise wenn ich im Zug bin und eine Großfamilie sitzt bei mir in der Nähe und schmatzt mit ihren Kaugummis. Dann merke ich, wie die Aufregung und der Ärger sich in mir ausbreiten; und dann hilft auch kein Stimming. Genauso wenn meine Familie auf dem Sofa ihre Erdnussflips isst; entweder esse ich dann auch welche oder ich muss die Flucht ergreifen. Andernfalls bohren sich die Geräusche tief in meinen Kopf. Mit Gerüchen ist es ähnlich; vor allem mit Räucherstäbchen oder anderen für mich negativen Gerüchen.

Manchmal sind es auch schon 'kleine' Geräusche, die mich fast in den Wahnsinn treiben können. Bestes Beispiel erlebe ich just in diesem Augenblick. Ich sitze in meinem Elternhaus im Wohnzimmer und schreibe diesen Text. Es ist vollkommen ruhig hier; bis sich meine Mutter an den anderen Tisch setzt und anfängt die Kartoffeln zu schälen. Es ist nur ein 'winziges' Geräusch, aber in meinem Kopf ist es gerade laut und unerträglich. Ich versuche mich auf den Text zu konzentrieren, höre aber nur noch das Geräusch des Schälens.

Dienstag, 2. Mai 2017

Liebe Hundehalter

Warnung: Der folgende Text enthält Ironie und Sarkusmus

Liebe Hundehalter,
heute möchte ich mein Wort an Euch richten. Nicht an alle, sondern nur an ganz gewisse Hundehalter, die sich aber wahrscheinlich nicht in diesem Text wiedererkennen werden. Ich weiß das, weil diese gewissen Hundehalter sich nun mal gerne eins in die Tasche lügen.

Ich finde es immer wieder freundlich, wie viel Rücksicht Ihr auf andere Menschen nehmt. Schon auf hundert Meter Entfernung hören mein eigener Hund und ich Euch brüllen: "Ist das ein Huuund?" Ich sehe zu meinem Hund hinunter und denke: 'Nein, das ist ein Goldfisch in einem Hundekostüm'. Inzwischen liegen nur noch achtzig Meter zwischen uns und Ihr startet einen neuen Versuch: "Hallo? Ist das ein Rüüüde?" Noch immer sage ich kein Wort, während sich Eure "Ü's" wie Nadeln in meinen Schädel bohren.

Mein Hund ist nach wie vor an der Leine, während Euer Hund frei ist. Es liegen nur noch sechszig Meter zwischen uns und Ihr brüllt Eure nächste Phrase: "Mach doch frei! Der tut nix!" Mein Hund ist noch immer an der Leine, während Euer Hund nun auf uns zugelaufen kommt. Während mein Hund sich ängstlich hinter meine Beine verkriecht, stellen sich bei Eurem Hund die Nackenhaare auf. Euer Hund knurrt. Mein Hund und ich bleiben verängstigt stehen. Wir wollen in Ruhe eine Runde spazieren gehen, stattdessen versuchen wir irgendwie an Eurem Hund vorbei zu kommen. Unsicher, wie Euer Hund reagieren wird.

"Ich hab doch gesagt der tut nix!" Als letzte Instanz, da ich nun auch Angst um mich selbst habe, lasse ich meinen Hund von der Leine. Euer Hund stürzt sich zeitgleich knurrend und bellend auf meinen Hund. Mein Hund ergreift die Flucht, während Euer Hund immer noch aggressiv hinter ihm her eilt. "Das macht der doch sonst NIE!", beschwört Ihr. Ich möchte lachen, aber es bleibt mir in der Kehle stecken. Dann schaut Ihr mich an, als wäre es MEINE Schuld. Es kommt keine Entschuldigung von Euch, keine Reue. Natürlich nicht, denn Ihr seid ganz klar im Recht.

Ist ja auch klar, denn Euer Hund MUSS natürlich spielen. Er muss JEDEN anderen Hund begrüßen. Egal ob mein Hund und ich das wollen. Dann wollt Ihr auch noch eine Unterhaltung mit mir führen, obwohl ich bisher kein einziges Wort gesagt habe. Ich gehe indes weiter meines Weges und darf mir manchmal sogar noch Eure Komplimente anhören: "Selber Schuld! Seid halt beide unerzogen! Oder kannste nicht reden?!"

Es tut mir wirklich leid, dass mein Hund und ich nicht erzogen sind. Ich weiß, wir stören Euch in Eurer Harmonie. Weil ich Autistin bin und mit nur wenigen Menschen sprechen kann; und weil mein Hund Autismusbegleithund ist und den Kontakt zu den meisten Hunden scheut. Es ist ganz klar UNSERE Schuld. Euer Hund hat mit gutem Recht gebellt, weil wir so scheiße sind und Euer Leben stören. Nein, Ihr müsst nicht akzeptieren, dass wir einfach nur in Ruhe eine Runde spazieren wollen. Es ist schließlich das Recht Eures Hundes, dass er meinen Hund beschnüffeln und anknurren darf. Wir wissen, dass Euer Hund so etwas sonst auch nie macht; es ist klar und deutlich unsere Schuld.

Ich freue mich auch, wenn Euer Hund nicht bellt, aber stattdessen noch einen Kilometer lang hinter uns her läuft. Euer Hund ist zwar nicht mehr in Eurem Blickfeld, aber das ist ja nicht Euer Problem. Es ist unsere Schuld, dass Euer Hund hinter uns bleibt. Es ist auch unsere Schuld, wenn er vor lauter Freude in eine matschige Pfütze springt und mein Hund und ich von oben bis unten dreckig sind. Das finden wir wirklich sehr erfreulich, vielen Dank dafür. Wir lieben es auch, wenn Euer Hund uns verfolgt und anspringt. Ich mein: Welcher Hundehalter könnte da schon böse sein? Ist doch klar, dass ich mit meinem NICHT springenden und WASSERMEIDENDEN Hund niemals gute Kleidung anhabe.

Mein Hund und ich freuen uns auch, wenn wir mit dem Fahrrad unterwegs sind und Ihr einfach ignoriert, dass ich meinen Hund am Fahrrad an der Leine habe. Okay, Ihr habt Eure Hunde natürlich auch an der Leine. An einer langen Flexileine. Und mein Hund liebt es und freut sich, wenn ein an der Flexileine geführter Hund bellend und knurrend hinter ihm her sprintet. Und mich dabei fast vom Fahrrad reißt, weil er aus einem Angstreflex losrennt. Auch Eure Komplimente finde ich wieder sehr charmand und sozial: "Dann fahr doch nicht mit dem Rad, wenn dein Hund nicht hören kann".

Und es tut mir wieder leid, dass mein Hund und ich unsozial sind, während Ihr und Eure Hunde Euch immer richtig verhaltet. Es ist ja auch das gute Recht Eurer Hunde, dass sie sich an der Flexileine frei benehmen dürfen; sie sind ja schließlich AN DER LEINE. Während mein Hund bloß am Rad läuft und dabei kein Benehmen zeigt, weil er nicht bellt, nicht knurrt und auch sonst keine Auffälligkeiten aufweist. Ach nee, er zeigt ja einen Angstreflex; ein eindeutiges Zeichen dafür, dass mein Hund verhaltensauffällig ist. Was hab ich aber auch für einen unsozialisierten Mistköter. Ich entschuldige mich dafür gerne noch einmal bei Euch.

Bitte, fühlt Euch von uns nicht gestört. Kommt bitte nicht aus Eurer Seifenblase heraus, stellt bitte nicht fest, dass es auf der Welt mehr als nur Schwarzweiß gibt. Bleibt gerne weiter neben uns stehen, bedrängt uns, zwingt uns Euren Kontakt und Eure Sichtweise auf. Wir lieben das! EHRLICH!

Wir lieben es auch von wildfremden Menschen böse angeguckt zu werden, weil an jeder Ecke Hundehaufen liegen. Wir verstehen Euch da voll und ganz: Es macht einfach ZU VIEL Arbeit, die Haufen Eurer Hunde in eine Tüte zu stecken und in die Mülleimer zu werfen. Lasst sie einfach auf dem Gehweg liegen. Alles gut! Hauptsache ist ja, dass Ihr selbst nicht reintretet. Wir sind schließlich alle um Euer Wohl besorgt und Euer Wohl steht für uns alle an erster Stelle. Hier ein lieb gemeintes Angebot meinerseits: Ich könnte die Haufen Eurer Hunde auch einfach für Euch wegmachen; quasi als Wiedergutmachung für unser schreckliches Verhalten.

In dem Sinne danke ich Euch wirklich sehr! Ich danke Euch für NICHTS!

Montag, 1. Mai 2017

Mutismus, Shutdown und Kommunikationsprobleme

Ursprünglich wollte ich heute zu einem anderen Thema bloggen, aber dann bekam ich heute Mittag eine private Nachricht bei Twitter. Auf die Nachricht selbst möchte ich an dieser Stelle gar nicht eingehen, aber sie führte mich letzt endlich zu meinem Blog und dem Bedürfnis, über meine Probleme im kommunikativen Bereich zu schreiben. Dabei ist es schwierig für mich zwischen den einzelnen Faktoren zu unterscheiden, denn Kommunikation ist aus vielerlei Sicht für mich eine oft unüberwindbare Hürde.

Die Grenzen sind für mich einfach sehr schwammig und kaum überschaubar; also die Grenzen zwischen Autismus, Mutismus und sozialen Ängsten. In meinem Fall gibt es vermutlich oft auch gar keine Grenzen, die Komponenten gehen dann übereinander. Den selektiven Mutismus gibt es zudem als einzelnes Störungsbild, aber er kann auch ein Symptom vom Autismus sein. Ich nenne den Mutismus in meinem Fall jedoch immer gretrennt von meiner Autismusdiognose. Vielleicht, weil ich Mutismus eher diagnostiziert bekam, aber vielleicht auch, weil der Mutismus für mich mehrere Seiten hat.

Ich versuche heute etwas Ordnung in das Chaos zu bringen und meine Problematik zu beschreiben, wobei ich nicht auf genaue Definitionen zurückgreifen werde; diese lassen sich allerdings schnell übers Internet mit Hilfe von Suchmaschinen finden.

Selektiver Mutismus
Seit meiner frühen Kindheit liegt ein selektiver Mutismus bei mir vor, der sich bis zum heutigen Tage erfolgreich in meinem Leben gehalten hat. Der selektive Mutismus hat für mich wie gesagt zwei Seiten. Ich reagiere einmal selektiv mutistisch in Bezug auf Menschen, und dann wiederum auch selektiv mutistisch auf Situationen bezogen.

Mein Stiefvater stellte mir dazu einmal eine Frage: "Die Leute mit denen du sprechen kannst; wählst du diese Menschen bewusst oder unbewusst aus?" Dazu möchte ich an dieser Stelle noch einmal deutlich sagen: Ich wähle NIE bewusst aus. Könnte ich bewusst auswählen, hätte ich vermutlich deutlich weniger Probleme in meinem Leben. Die ganze Sache ist weitaus komplizierter, als ich zu erklären in der Lage bin. Viele, viele Faktoren spielen hier eine Rolle.

Ich versuche es dennoch: Es fühlt sich ein wenig so an, als wären die Menschen in drei Bereiche eingeteilt. Es gibt einen grünen Bereich, einen orangen Bereich und einen roten Bereich. Im grünen Bereich sind die Menschen, mit denen ich sprechen kann, wie beispielsweise meine Eltern und meine beste Freundin. Im orangen Bereich sind die Menschen, mit denen ich eingeschränkt sprechen kann, wie beispielsweise mir vertraute Kommilitonen, mir vertraute Dozenten und mir nahe stehende Bekanntschaften. Im roten Bereich sind die Menschen, mit denen ich nicht sprechen kann, wie beispielsweise mir nicht vertraute Menschen, mir nicht vertraute Kommilitonen und mir nicht vertraute Dozenten. Es gibt die Möglichkeit, vom roten in den orangen Bereich zu wechseln und vom orangen in den grünen Bereich zu wechseln. Der Wechsel in den grünen Bereich ist jedoch selten; dazu zählen im Moment nur meine Eltern und meine beste Freundin. Es gibt auch Menschen, die immer im roten Bereich bleiben, egal welche Anstrengung sie unternehmen. In diesem Fall gehört der Mutismus für mich persönlich nicht zum Autismus. Ich schätze, weil hier keine Reizüberflutung die Ursache ist, sondern eine selektive Wahrnehmung.

Würde bei mir ausschließlich ein selektiver Mutismus vorliegen, wäre die Sache an dieser Stelle unter Umständen jetzt erklärt. Nun kommen aber weitere Faktoren ins Spiel. Das sind in meinem Fall der selektive Mutismus in bestimmten Situationen, der Autismus mit weiteren Problemen in der Kommunikation und mit sogenannten Shutdowns, und auch soziale Ängste aufgrund meiner Vergangenheit. Theoretisch kann ich also mit Menschen aus dem grünen und orangen Bereich sprechen, praktisch sieht die Angelegenheit leider aber anders aus.

Der selektive Mutismus bezieht sich bei mir nicht nur auf Personen, sondern auch auf Orte und Situationen. Ein Beispiel: Mit viel Vorbereitung schaffe ich es mit einem Dozenten aus dem orangen Bereich zu sprechen und ein kurzes Gespräch zu führen. Würde dieser Dozent jedoch unvorbereitet nach der Vorlesung zu mir kommen und das Gespräch suchen, lande ich sehr schnell wieder im selektiven Mutismus. An sich betrachtet gehört dieser Dozent zwar zu den Menschen, mit denen ich (eingeschränkt) sprechen kann, aber abhängig von der Situation verfalle ich dann doch in mein Schweigen. Mit viel Glück finde ich noch vereinzelnd Worte, wie "Okay" oder "Ja", aber auch das muss nicht der Fall sein. Es kann auch passieren, dass ich in solchen Situationen zu keinen sprachlichen Äußerungen fähig bin. In diesem Fall gehört der Mutismus für mich persönlich zum Autismus. Das liegt für mich daran, dass hier zeitgleich auch eine Reizüberflutung vorliegt.

Unabhängig davon kenne ich auch noch Overloads und Shutdowns. Andere Blogger im Internet haben dazu wirklich tolle Definitionen geschrieben; einfach Overload oder Shutdown in Verbindung mit Autismus in die Suchmaschine eingeben. Bei einem Shutdown bin ich ebenfalls nicht mehr in der Lage dazu mich sprachlich zu äußern; auch hier wieder wegen der Reizüberflutung. Der Unterschied ist jedoch, dass die Reize noch nicht einmal Komminikation beinhalten müssen. Und ein Shutdown ist auch eine wesentlich 'heftigere' Reaktion für mich als der selektive Mutismus. Dazu vielleicht besser ein Beispiel:

Vor kurzem bin ich mit der Regionalbahn in meine Heimat gefahren. Die vielen Menschen, Geräusche und Gerüche in der Bahn waren zu viel für mich. Es verlangte zwar keiner Kommunikation von mir, aber die vielen Reize die auf mich einströmten, verursachten innerhalb kürzester Zeit eine Überlastung bei mir. Also einen Overload. Da ich allerdings noch zweimal umsteigen musste und der Situation mit der Bahn nicht aus dem Weg gehen konnte, landete ich schlussendlich in einem Shutdown. Ich konnte nicht mehr reden, mich nicht mehr bewegen; verschloss mich voll und ganz in mein Inneres. Auch wenn meine Mutter oder meine beste Freundin in der Situation plötzlich aufgetaucht wären, hätte ich nicht mit diesen Menschen sprechen oder auf sie reagieren können.

Und das alles ist immer noch nur ein Bruchteil von dem, weswegen Kommunikation solch ein Problem für mich darstellt. Es gibt noch weitere Störfaktoren, wie beispielsweise mein Unverständnis bei Ironie und Sarkasmus und das ich viele Sprüche plus Redewendungen wortwörtlich nehme. Auch Smalltalk empfinde ich als unnötig und schwierig. All das sind nur ein paar weitere Gründe, weshalb Kommunikation in meinem Fall nicht reibungslos verläuft. Es spielen auch Dinge eine Rolle, die ich in manchen Situationen nicht einmal erklären oder benennen kann.

Und dann schätze ich, dass auch psychologische Komponenten noch einen Anteil ausmachen. Aufgrund von Mobbing, Sprüchen und Schikanenen in meiner Vergangenheit, und dem Wissen meiner kommunikativen Defizite, bin ich bei sprachlichen Äußerungen sehr vorsichtig. Und nicht nur bei sprachlichen Äußerungen; auch beim Schreiben in Chats und in privaten Nachrichten fühle ich mich unsicher.

All diese Punkte ergeben ein Gesamtpaket.

Für mich persönlich fühlt es sich einfach richtig und 'normal' an zu schweigen, während das Reden immer eine Überwindung ist. Immer wieder und wieder. Schreiben ist leichter, aber Reden wiegt schwer. Und meine Erfahrung ist leider auch, dass andere Menschen einen schweigenden Menschen nur schwer akzeptieren können. Mein Blogeintrag ist schon wieder lang geworden, aber zwei kleine Situationen, die mich sehr mitgenommen haben, möchte ich trotzdem noch gerne beschreiben.

Vor zwei Jahren war ich an meinem Studienort mit meinem Hund auf dem Weg zum Fluss. Eine mir unbekannte Frau mit Hund kam uns entgegen, blieb drei Meter entfernt von uns stehen und sagte wie aus dem Nichts heraus: "Was ist eigentlich dein Problem? Hm? Kannst du nicht sprechen oder was?"  Ich kannte die Frau nicht, vermutete aber, dass sie mich schon häufiger am Fluss gesehen hatte. Vielleicht war ich schon mal an ihr vorbei gegangen, hatte sie aber nicht bewusst wahrgenommen. Ich war zutiefst erschrocken, weil sie eine Fremde für mich war. In ihrer Stimme lag Verachtung. Ich ging ohne ein Wort an ihr vorüber, zitterte aber am ganzen Körper. Bis heute verstehe ich ihre Reaktion und den Sinn ihrer Reaktion nicht.

Auch an meinem Heimatort bin ich im vergangenen Jahr in eine ähnliche Situation geraten. Ein Bekannter meiner Eltern hat ebenfalls einen Hund. Durch mein Praktikum im letzten Jahr bin ich morgens immer mit meinem Hund und dem Hund meiner Eltern unterwegs gewesen. Bei diesen Spaziergängen traf ich einige Male auf diesen Bekannten. Er gehört aber zu den Menschen aus dem roten Bereich. Ich bin also nicht in der Lage, mit diesem Mann zu sprechen. Also kein einziges Wort. Eines Tages stand er mit zwei anderen Leuten an der Ecke. Ich ging an der Gruppe vorbei und hörte den Mann zu den anderen zwei Leuten sagen: "Die Mutter von ihr ist total nett. Ich weiß gar nicht, wie so ein stures Mädchen aus der werden konnte". Schon an der Gruppe vorbei zu gehen bedeutete für mich eine extreme Belastung, aber die Worte des Mannes lösten eine Panikattacke in mir aus. Und aus der Panikattacke wurde schnell ein Meltdown (sieht von außen wie ein Wutausbruch aus, ist aber mehr eine Reizüberflutung mit Verzweiflung und Hilflosigkeit).

Es war mein erster Meltdown (in der Öffentlichkeit) seit unzähligen Jahren. Ich schrie und weinte und rannte später mit beiden Hunden schnell wieder nach Hause. Ich erzählte meinen Eltern davon und einige Zeit später trafen meine Mutter und ich gemeinsam auf den Mann. Meine Mutter hielt ihn an und stellte ihn zur Rede: "Wieso lästern Sie über meine Tochter?" Ich stand abseits und zitterte wieder am ganzen Körper. Der Mann lachte nur und sagte: "Also Entschuldigung, aber wie kann eine Person auch dermaßen stur sein? Nicht einmal eine Begrüßung bringt sie zustande?" Wieder schrie und weinte ich. Ich erinnere mich nicht mehr genau, aber ich brüllte etwas von Autismus und Schwierigkeiten und ehrlicherweise auch einen vulgären Begriff. Stolz bin ich darauf nicht, aber diese Überreaktion meinerseits ließ sich leider nicht verhindern. Der Mann ergriff erschrocken die Flucht, entschuldigte sich später allerdings bei meinem Stiefvater (und nicht bei mir!).

Sonntag, 30. April 2017

Arbeitslosigkeit und Ausbildungssuche

Es ist genau so heikel für mich wie das Thema "Mobbing". Als Jugendliche, beziehungsweise junge Erwachsene, habe ich eine längere Zeit der Arbeitslosigkeit erlebt. Nach meiner zehnjährigen Schulzeit wechselte ich in eine Abiturklasse, in der ich gerade mal drei Schultage verbrachte. Der soziale Druck war groß und so entschied ich, dass ich die Angelegenheit abbrechen würde. Arbeitslos wurde ich daraufhin nur indirekt; da ich erst sechszehn Jahre alt und somit schulpflichtig war, wechselte ich in eine Klasse für "Jugendliche ohne Ausbildungsplatz". Der Unterricht hier fand nur einmal in der Woche statt; er bestand aus zusammengewürfelten Fächern. Meine damalige Therapeutin schrieb mich die Hälfte der Zeit krank, weil ich dem sozialen Druck nach wie vor nicht gewachsen war und mich sehr unwohl fühlte in dieser Klasse. Insgesamt war ich zwei Jahre dort, völlig orientierungslos und voller Ängste.

Nach den zwei Jahren verbrachte ich ein Jahr im Berufsgrundschuljahr für "Wirtschaft und Verwaltung". Ich wollte anschließend gerne wieder in die Abiturklasse wechseln, dieser Zugang wurde mir allerdings verwährt. Grund dafür war mein Schweigen und die Befürchtung, dass ich das Abitur aufgrund meiner Introversion nicht erreichen würde.

Also folgte erneut die Arbeitslosigkeit. Nun war ich allerdings nicht mehr schulpflichtig, weswegen ich zur "Agentur für Arbeit" ging. Damals war ich immer noch ohne autistische Diagnose. Mir wurde trotzdem prognostiziert, dass ich aufgrund meiner Problematik wohl niemals eine Ausbildung machen könnte. Ich sollte vielmehr darüber nachdenken, ob eine Werkstatt für Behinderte ein guter Weg für mich sei. Ich verzichtete auf die Hilfe der Agentur und hatte das Glück, dass zumindest meine Eltern mich unterstützten. Sie ließen mir 'alle Zeit der Welt'. Ich kümmerte mich fortan um den Haushalt meiner Eltern.

Insgesamt war ich drei weitere Jahre arbeitslos; und drei Jahre lang ließen meine Eltern mich gewähren. Irgendwann gab ich den Traum vom Abitur und einem Studium auf; ich begab mich auf die Suche nach einer Ausbildungsstelle. Und das war linde ausgedrückt eine furchtbare Zeit. Nachdem ich mich entschlossen hatte, mir aktiv eine Ausbildung zu suchen, schrieb ich unzählige Bewerbungen. Und ich bekam unzählige Absagen, was wohl auch an meinem Lebenslauf lag. Doch was viel nervenaufreibender war, waren die Vorstellungsgespräche, Eignungstests, Probearbeitstage und Praktika. Sie ließen mich immer wieder und wieder an mir zweifeln. Ich möchte gerne von meinen Erfahrungen berichten und davon, wie ich am Ende doch noch eine Stelle für mich fand.

Fachangestellte für Medien und Informationsdienste
Ich wollte ja unbedingt zur Uni; und hatte dann ausgerechnet dort auch meinen ersten Eignungstest. Allerdings für eine Ausbildung in der Bibliothek. Scheinbar lief der Eignungstest auch ganz gut, denn ich wurde anschließend noch zu einem Vorstellungsgespräch eingeaden. Damals immer noch ohne Diagnose, aber sehrwohl wissend, dass ich Probleme im kommunikativen Bereich habe. Ich versuchte mich innerlich auf das Vorstellungsgespräch vorzubereiten, aber vor Ort wurde ich dann doch hoffnungslos überrascht. Es fand nicht wie erwartet mit einer Person statt, sondern mit drei Angestellten der Bibliothek. Das hatte ich nicht erwartet. Am Anfang des Gesprächs wurde ich gefragt, ob ich ein Glas Wasser wolle und ich bejahte die Frage. Schließlich hatte ich im Internet gelesen, dass es die Atmosphäre auflockern würde. Anschließend wurden mir zahlreiche Fragen gestellt und ich versuchte so gut wie möglich zu antworten, wobei mich die Anwesenheit der drei Personen stresste. Ich gab kurze, knappe Antworten, manchmal verfiel ich in mein Schweigen. Das Glas Wasser hatte ich am Ende nicht ein einziges Mal angerührt. Es wunderte mich nicht, als einige Tage später bereits die Absage kam.

Hotelfachfrau (1)
Hier hatte ich zunächst ein Vorstellungsgespräch in einem kleinen Hotel. Wieder erwartete ich ein Vorstellungsgespräch 'unter vier Augen', aber am Ende kam es anders. Das Gespräch fand mit der Chefin und zwei weiteren Bewerbern statt. Das war für mich ein richtiger Schock. Zunächst stellte sich jeder vor, danach fand ein offenes Gespräch statt. Das hieß, dass es verschiedene Themen gab und jeder Bewerber sich selbstständig einbringen sollte. Nach der Vorstellungsrunde sagte ich somit tatsächlich kein einziges Wort mehr. Ich schwieg und lauschte den Worten der anderen zwei Bewerber. Sie waren wirklich gut in ihrer Sache. Sie wussten, wie 'sie sich zu verkaufen' hatten. Und sie wussten vor allem, wann sie an der Reihe waren. Ich staunte und verstand das System nicht. Zudem konnte ich mich nicht sprachlich vor anderen Bewerbern äußern. Am Abend rief die Chefin mich an, weil sie der Meinung war, dass sie ihre Absage noch erklären musste. Sie verstand nicht, weshalb ich kein einziges Wort gesagt hätte und riet mir, mich vom Hotelfachgewerbe fern zu halten.

Fotografin
Es freute mich sehr, als ich zum Vorstellungsgespräch im Fotoladen eingeladen wurde. Fotografie war neben der Literatur schon immer eines meiner liebsten Hobbys. Ich hatte die Bewerbung mit meinen Fotografien in der Leiste bestückt; und zum Vorstellungsgespräch brachte ich eine Fotomappe mit. Dem Chef gefielen meine Fotografien, aber dann brachte er Kritik an: "Sie fotografieren nicht gerne Menschen, oder? Sie wissen hoffentlich, dass wir hier im Laden nur wenig Tiere und keine Landschaften fotografieren". Upps! Ich suchte Ausflüchte. Dann sollte ich einen Tag lang zur Probe im Geschäft arbeiten.

Ich war total nervös! Dabei war am Anfang alles ganz locker, weil ich den Angestellten und Auszubildenden einfach nur zuschauen durfte. Ab und zu sollte ich kleine Erledigungen ausführen, aber ansonsten verbrachte ich den Vormittag in einer 'passiven Rolle'. Nach der Mittagspause hieß es dann allerdings, dass ich unten an die Theke gehen sollte. Ich durfte also zum Kundenkontakt. Zunächst sprach der Chef mit einem Kunden. Als dann die Kundendaten aufgenommen werden sollten, kam ich an die Reihe. Der Kunde sagte mir seinen Namen und ich notierte ihn. Danach folgte die Adresse mit Postleitzahl. Insgesamt viermal sagte der Kunde mir die Postleitzahl, aber in stressigen Situationen verdrehe ich Zahlen und es endete somit in einer Katastrophe. Ich wurde sofort nach oben geschickt, wo ich den restlichen Tag drei Auszubildenden bei der Arbeit mit Photoshop beobachten durfte. Ich saß einfach nur da und wusste nicht, was nun von mir verlangt wurde. Somit saß ich die Zeit ab und war abends daheim enttäuscht und am Ende meiner Kräfte. Natürlich folgte erneut eine Absage.

Hotelfachfrau (2)
Das nächste Vorstellungsgespräch folgte in einem größeren Hotel. Es war das erste Gespräch, dass tatsächlich nur zwischem dem Chef und mir stattfand. Keine anderen Leute. Anschließend wurde ich zum einwöchigen Praktikum eingeladen. Die ersten drei Tage verbrachte ich hier im Housekeeping. Das war ehrlich gesagt ein toller Bereich. Ich hatte hier nur eine einzige Kollegin, die mich von der Art und Weise her an meine Großmutter erinnerte. Sie war freundlich, akzeptierte meine schweigsame Art und zeigte mir sämtliche Aufgaben bis ins kleinste Detail. Das war eine große Erleichterung. Ich mochte die Aufgaben. Hauptsächlich musste ich die Minibars kontrollieren und auffüllen. Das war nicht schwer, zumal die meisten Hotelgäste mittags unterwegs waren und ich somit wenig mit Kommunikation konfrontiert wurde.

Nach den drei Tagen im Housekeeping wurde ich allerdings in den Service geschickt; also in das Restaurant des Hotels. Gleich am Morgen schickte mich jemand raus zu den Hotelgästen, die gerade ihr Frühstück verspeisten. Ein Mitarbeiter sagte mir: "Geh und räum die Teller von den Tischen. Frag die Gäste, ob sie noch Kaffee wollen und verrechne den Kaffee, der kostet nämlich Geld". Ich stand dort auf einmal mitten im Restaurant, konnte mich nicht von der Stelle bewegen und verstand nicht, was hier meine Aufgaben waren. Die Leute frühstückten noch, also konnte ich keine Teller von den Tischen räumen. Ich hatte auch keine Ahnung, woher ich Kaffee bekommen geschweige denn wie ich ihn verrechnen sollte.

Irgendwann fand mich ein weiterer Mitarbeiter bewegungsunfähig im Weg herumstehen. Er zeigte mir, wo ich den Kaffee finden konnte und meinte: "Geh einfach zu den Gästen und räum die Sachen weg, die sie nicht mehr brauchen". Wie ich den Kaffee verrechnen sollte, zeigte mir allerdings niemand. Glück für die Gäste, denn so schenkte ich den halben Tag kostenlosen Kaffee aus. Mir war immer noch unklar, wie ich Geschirr von Gästen wegräumen sollte, die augenscheinlich immer noch mit ihrem Frühstück beschäftigt waren. Ich lief langsam durch das Restaurant. Hätte ich gewusst, wie ich alleine in den Keller gelangen konnte, hätte ich dort meine Sachen geholt und wäre geflohen. Allerdings erinnerte ich mich nicht mehr an den Weg.

Scheinbar wurde irgendwem klar, dass ich im Restaurant vollkommen deplatziert war; ich verbrachte die restliche Zeit im Service dann in der Küche und spülte Gläser. Ich hörte die Auszubildenden über mich reden und ihr Lachen, aber ich versuchte mich auf das Spülen zu konzentrieren und die restliche Zeit irgendwie zu überleben. Mir war klar, dass ich die Ausbildungsstelle niemals bekommen würde und sich alle über mich lustig machten, aber mir war nicht klar, wie ich in den Keller gelangen und abhauen könnte. Also stand ich die Situation durch. Die damalige Pein werde ich allerdings nie vergessen.

Floristin
Mein Vorstellungsgespräch im Blumenladen fand wieder mit zwei Personen statt; einmal war der Chef dabei und dann die Filialleiterin. Der Chef stellte mir zahlreiche Fragen, ehe er plötzlich einen Anruf bekam und vor dem Laden telefonierte. Auch die Filialleiterin verließ den Raum, stellte sich aber bloß zu ihrer Kollegin in den Laden und sagte: "Ohje, wenn DIE unsere neue Auszubildende wird. Prostmahlzeit!" Die Kollegin fragte genauer nach und bekam eine Antwort von der Filialleiterin: "Komisches Mädel halt! Hahahahaha!" Ich saß im Nebenraum und hörte ihre Lästereien. Es tat weh, dass ich schon wieder ausgelacht wurde und ich verstand nicht, weshalb ich mich von den anderen Menschen scheinbar so sehr unterschied. Als der Chef zurück kam boten mir beide einen Probearbeitstag an. Ich machte 'gute Miene zum bösen Spiel'. Also ich stimmte dem Probearbeiten zu, tauchte dann aber nie wieder in dem Laden auf; ich spürte sofort, dass ich mit der Filialleiterin nur weiteren Ärger haben würde. 

Einzelhandelsfachfrau
Es folgte ein Vorstellungsgespräch im Gartencenter als Einzelhandelsfachfrau. Das Gespräch führte der Chef mit mir alleine, womit ich bisher die besseren Erfahrungen gemacht hatte. Auch hier sollte ich zur Probe arbeiten. In der Floristikabteilung erledigte ich Aufgaben im Hintergrund und auch im Lager hatte ich keine Probleme. Am Nachmittag nahm mich eine Mitarbeiterin dann allerdings mit in den Laden. Hier sortierten wir Übertöpfe in die Regale.

Keine schwierige Aufgabe, aber mitten in ihrer Erklärung wurden wir von Kunden unterbrochen. Die Mitarbeiterin sagte dann wortwörtlich zu mir: "Oh, da sind Kunden. Bitte entschuldige mich und warte hier, Sarinijha!" Ich blieb also an Ort und Stelle stehen und wartete, wie die Mitarbeiterin es mir gesagt hatte. Während sie ein Stück weit entfernt mit den Kunden sprach, blickte ich immer wieder in ihre Richtung. Ich wartete und wartete; es vergingen zehn Minuten und ich wurde langsam nervös. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Dann kam die Mitarbeiterin zurück und sagte: "Sarinijha, bitte folge mir".

Es wunderte mich, weil wir die Aufgabe mit den Töpfen noch nicht erledigt hatten. Dennoch folgte ich ihr und stellte die Anweisung nicht infrage. Wir kamen dann beim Gemeinschaftsraum an und ich wunderte mich noch mehr, denn ich hatte doch vor einer Stunde bereits eine Pause gemacht. Die Mitarbeiterin sah mich an und meinte: "Du kannst jetzt nach Hause gehen!" Weg war sie, ohne jegliche Erklärung. Ich stand da und wusste nicht, welchen Fehler ich begangen hatte. Sie hatte mir gesagt ich solle warten, ich hatte gewartet. Erst Jahre später verstand ich, dass das ein Test war und die Mitarbeiterin etwas anderes erwartet hatte. Ich sollte nicht warten, sondern eigenständig die Töpfe weiter in die Regale sortieren. Doch ich hatte sie beim Wort genommen.

Und dann?
Dann hatte ich eines Tages ein Vorstellungsgespräch in einer Produktionsgärtnerei. Das Gespräch verlief anders als all meine bisherigen Gespräche. Es war nämlich weniger ein Gespräch, als vielmehr ein Rundgang durch den Betrieb. Der Chef zeigte mir sämtliche Gewächshäuser und erklärte mir, welche Aufgaben anfielen. Er gab mir noch einen kurzen Test, den ich an Ort und Stelle sofort ausfüllte. Er war zufrieden mit dem Ergebnis. Auch hier sollte ich wieder ein Praktikum machen. Einmal bei ihm im Betrieb und einmal im Nachbarbetrieb. Ich war nervös und voller Sorge. Es kam jedoch komplett anders als erwartet.

Beide Betriebe waren komplett auf die Produktion ausgelegt, also keinerlei Kundenkontakt. Ich hatte immer mindestens einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin an meiner Seite. Mir wurden die Aufgaben bis ins kleinste Detail erklärt; anschließend führte ich sie mit dem jeweiligen Mitarbeiter aus. Niemand verlangte kommunikativ zu sein; es wurde nur erwartet, dass ich die Aufgaben sorgfältig erledige. Und das tat ich. Am Ende bekam ich die Ausbildungsstelle; aber das ist wieder eine andere lange Geschichte. Die Ausbildung führte mich am Ende auf jeden Fall noch zum Abitur und zum anschließenden Studium; und mittlerweile habe ich den Bachelor abgeschlossen und befinde mich im Master. Ich bin in einem wissenschaftlichen Bereich mit Marktforschung als Schwerpunkt meines Studiums.

Mittwoch, 26. April 2017

Wortmeldung in der Uni

Heute in der Uni habe ich einen kleinen Fortschritt gemacht, der mich jedoch viel Energie gekostet hat. Ich hatte eine Wortmeldung. Unser Professur stellte einige Fragen, zu denen ich allesamt eine Antwort hatte, die jedoch einer längeren Erklärung bedurft hätten. Zugegeben; heute hatten wir eines meiner Lieblingsthemen in der 'Vorlesung'. Richtige Vorlesungen haben wir jetzt im Master eigentlich nicht mehr; es sind mehr Diskussionsrunden mit längeren Erklärungen seitens der Dozenten. Ich komme aber vom Thema ab. Ich wollte die Fragen unbedingt beantworten, wusste aber, dass ich dermaßen lange Erklärungen nicht zustande bringen würde. Das ärgerte mich ungemein, weil halt ein für mich spannendes Thema behandelt wurde.

Dann kam der Moment. Der Professor stellte eine Frage, die eine einzige Antwort verlangte. Ich brauchte also nur ein einziges Wort. Als die Frage gestellt war, begannen meine Hände schon leicht zu zittern. Ich lauschte der Stille. Und wunderte mich, weshalb niemand eine Antwort gab. Ich lauschte und lauschte. Dann atmete ich einmal tief durch und gab die Antwort. Ich hörte meine Stimme wie durch Watte. Sie klang seltsam, fast etwas schwach. Im ersten Moment wusste ich nicht einmal, ob überhaupt jemand meine Antwort gehört hatte.

Dann nickte der Professur und für einen Augenblick schien es mir, als wüsste er selbst plötzlich auch nicht mit der Situation umzugehen. Ich mein, er weiß schließlich von meinem Nachteilsausgleich und er weiß auch, dass mir während der Vorlesung niemand Fragen stellen darf. Das gehört mit zu meinem Nachteilsausgleich. Ich darf natürlich trotzdem jederzeit Fragen stellen und Antworten geben, aber bisher habe ich davon keinen Gebrauch gemacht. In den Vorlesungen der letzten zwei Jahre war ich immer still, sagte kein Wort. Und jetzt hatte ich plötzlich in zwei nacheinanderfolgenden Vorlesungen gesprochen.

Ja, genau. Ich habe letzte Woche in der Vorlesung bereits etwas gesagt; wenn es auch keine Antwort zu einer Wissensfrage war. Als unser Profesor fragte, ob wir seine Beschreibung verstanden hatten, da meldete sich auch niemand, obwohl ich es aus allen Ecken tuscheln hörte. Ich nahm deswegen an, dass es meinen Kommilitonen wie mir erging: Mir waren seine Erklärungen zu schnell gewesen. Er sagte also: "Haben Sie noch Fragen? Wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist, dann melden Sie sich bitte. Ansonsten nehme ich an, dass sie den Stoff verstanden haben und gehe weiter". Auch dort habe ich zuerst auf die Stille gelauscht, ehe ich ohne Meldung einfach sagte: "Also mir persönlich war Ihre Erklärung zu schnell". Und dann wiederholte er den Stoff und ich verstand es plötzlich.

Heute schien er zunächst etwas irritiert. Meine Antwort war richtig und ich hätte sogar noch mehr sagen können, aber meine Hände zitterten und in meinem Kopf entstand das übliche Chaos. Ich konnte mich zehn Minuten nicht mehr richtig konzentrieren; und stellte nach der Vorlesung fest, dass ich in einem Overload steckte. Auf der Gassirunde genoss ich daher die Ruhe auf einer Parkbank, wickelte mir den Schal um die Nase und beobachtete das 'sich im Wind wiegende' Gras. Das beruhigte mich. Mir einen Schal, ein Tuch oder eine Wolldecke an die Nase zu legen, ist übrigens ein "Stimuli" von mir. Wenn ich durch den Stoff atme, hat das eine beruhigende und positive Auswirkung auf mich. Das war schon als Kind so, weswegen ich immer und überallhin meine kleine Kuscheldecke mitnehmen wollte.

Ich weiß; letzte Woche war es nur ein Satz, heute nur ein Wort. Aber das sind immerhin Fortschritte für mich. Mich sprachlich vor einer Gruppe zu äußern, kostet viel Energie, Überwindung und Mut.

Ehrlich gesagt überlege ich, ob ich mit dem Dozenten noch sprechen soll. Also 'unter vier Augen'. Ich glaube es könnte mir schon helfen, wenn er seine Fragen in der Vorlesung anders formuliert, beziehungsweise wenn er die Fragen ausformuliert. Ganz oft bin ich mir nämlich unsicher, ob ich seine Fragen richtig verstehe und gebe deswegen auch keine Wortmeldung. Erst bei den Antworten von Kommilitonen merke ich dann manchmal, auf welche Richtung er hinauswollte. Ich weiß allerdings nicht, ob das eine gute Idee ist?! Also mir würde es schon oft helfen, wenn er die Fragen etwas..."barrierefreier" gestalten würde. Ähnlich wie in schriftlichen Klausuren, wo sie vorher auch noch etwas ausformuliert werden.

Montag, 24. April 2017

Begrüßungen und Floskeln

Begrüßungen, Floskeln und das Ignorieren von Fragen. Das ist ein Thema, welches mir jetzt schon seit einigen Tagen im Kopf schwirrt. Grund dafür ist ein Beitrag auf Twitter. Dort wurde gefragt, weshalb manche Autisten nicht auf Fragen oder eine direkte Ansprache antworten, beziehungsweise keine Begrüßungen aussprechen. Ich habe mich davon angesprochen gefühlt, weil ich bis zum heutigen Tage immer noch Schwierigkeiten in dieser Richtung habe. Es war dann aber gar nicht so einfach, eine logische Erklärung für dieses Verhalten zu finden.

Tatsache ist zunächst einmal, dass ich vor allem als Kind damit entscheidende Probleme hatte. Ich erinnere mich noch gut an einen Vorfall aus dem Kinderhort, als ich neun oder zehn Jahre alt war. Es war ein sonniger Tag, weshalb ich mit dem Fahrrad unterwegs war. Nach der Schule machte ich mich auf den Weg zum Kindergarten. Dort gab es eine seperate Eingangstür für uns Hortkinder. Diese Eingangstür ließ sich von außen jedoch nicht öffnen, weshalb es eine Klingel gab. Meist kam dann eine Erzieherin, um die Türe zu öffnen, manchmal war aber auch eines der Kinder schneller.

An diesem Tag kam "Vici" zur Eingangstüre. Vici war eine Erzieherin, die mir fast täglich die Türe öffnete und mich begrüßte: "Guten Tag, Sarinijha". Einige Wochen akzeptierte sie mein Schweigen, bis zu diesem ganz bestimmten Tag. Ich schloss mein Fahrrad vor dem Hort ab, begab mich zur Tür und klingelte wie an jedem anderen Tag. Vici öffnete, begrüßte mich und versperrte mir dann den Weg mit den Worten: "Guten Tag, Sarinijha". Ich wollte an Vici vorbei, aber sie blieb im Weg stehen und wartete: "Sarinijha, ich möchte das Du mich ebenfalls begrüßt". Es gab keinen Weg an Vici vorbei. Mir kam dann allerdings eine Idee.

Ich drehte mich herum und rannte zum Haupteingang des Kindergartens. Als ich dort ankam, stand Vici allerdings bereits vor der Tür. Sie schüttelte den Kopf und sagte: "Sarinijha, bitte wünsche mir einfach einen guten Tag". Mit ihren Worten klang es wirklich einfach, aber aus meinem Mund kam weiterhin kein Gruß. Voller Verzweiflung ging ich zurück zu meinem Fahrrad und überlegte, wie ich mit der Situation umgehen könnte und was ich jetzt machen sollte. Ich wusste nur, dass Vici mich ohne Begrüßung nicht in den Hort ließ und ich zur gleichen Zeit aber keine Begrüßung aussprechen konnte. Folglich schloss ich mein Fahrrad wieder auf und fuhr nach Hause.

Es war zwar nicht weit vom Hort bis zu unserer damaligen Wohnung, aber ich hatte nicht bedacht, dass meine Mutter nicht zuhause war und ich auch hier vor einer verschlossenen Tür stehen würde. Ich setzte mich also auf die Treppe vor unserem Haus. Noch immer verstand ich nicht, weshalb Vici mich nicht in den Hort gelassen hatte. Ich verstand es einfach NICHT. Natürlich hatte ich begriffen, dass sie eine Begrüßung von mir haben wollte, aber ich verstand nicht, weshalb sie so viel Wert darauf legte. Es waren doch nur Worte. Worte, die aus meiner Sicht auch noch vollkommen unnötig waren. Diese Worte zu sagen waren eine zu große Hürde für mich; wie Energieverschwendung. Da ich Vici übrigens im letzten Jahr wiedergesehen habe, weiß ich, dass sie mich damals einfach für sturr hielt; wir haben über die Situation damals gesprochen und ich habe ihr erklärt was wirklich los war.

Noch schlimmer fand ich es nur, wenn fremde Menschen zu uns nach Hause kamen. Ich erinnere mich nicht, dass ich als Kind jemals einen Besucher begrüßt hätte. Ganz im Gegenteil. Sobald es an der Tür klingelte, verschwand ich auf dem schnellsten Weg in mein Zimmer. Hier lauschte ich dann an der Tür, ob der Besuch mir bekannt oder fremd war. War die Person bekannt, öffnete ich meine Tür und verließ mein Zimmer; allerdings ohne Begrüßung meinerseits. War die Person jedoch unbekannt, dann blieb ich in meinem Zimmer und hoffte, dass der Besuch nicht zu lange bei uns sein würde. Besucher waren für mich Eindringlinge in meinem sichersten Bereich. Meine Mutter erzählte dem Besuch stets, dass ich schüchtern sei und ich muss gestehen, dass das Wort zu meinem Hasswort wurde. Manchmal baute ich mir übrigens Höhlen in meinem Zimmer, so dass ich mich innerhalb meines Versteckes noch einmal verstecken konnte. Das gab mir mehr Sicherheit.

Meine erste 'erlernte' Floskel war "Danke". Das ist übrigens auch die einzige Floskel, die ich bis zum heutigen Tag noch am Besten von mir geben kann. Alles andere sprach ich als Kind kaum oder vielleicht sogar nicht aus. Also "Guten Tag", "Guten Abend" und "Gute Nacht" waren für mich ausgeschlossen, während ein "Hallo" vielleicht noch in Ordnung ging. Wobei ich damit nicht sagen möchte, dass ich einfach unfreundlich war und es nicht sagen wollte. Ich KONNTE nicht. Theoretisch natürlich schon, praktisch war das aber nicht der Fall. Vielleicht auch wegen des vorhandenen selektiven Mutismus.

Manchmal lag es aber auch einfach daran, dass ich die Worte der anderen Menschen nicht einmal mitbekommen habe. Ich weiß noch, wie im Hort einmal ein Mädchen zu mir kam und sagte: "Sarinijha, was war am Samstag mit dir los? Ich hab dich gesehen und nach dir gerufen, aber du hast gar nicht auf mich reagiert!" Ich konnte mich nicht erinnern, sie an dem Samstag gesehen oder gehört zu haben. Wenn meine Aufmerksamkeit auf irgendetwas Spannendes gerichtet war, ließ ich mich von keinem Menschen ablenken. Ich schätze das ist es, was einige in dem Beitrag bei Twitter als Hyperfokus bezeichnen.

Doch nicht immer war und ist so, dass mich eine interessante Sache ablenkt. Noch heute ist es leider der Fall, dass ich nur wenige Menschen begrüßen kann. Oft raubt mir solch eine Begrüßung einfach zu viel Energie, gerade bei fremden Menschen. Ich schätze, dass zum großen Teil einfach immer noch der selektive Mutismus hier 'an der Macht' ist. Ich weiß zwar, dass die Höflichkeit etwas anderes gebietet, aber bei fremden Menschen kostet mich die 'Überwindung' zu viel Kraft. Wenn das der Fall ist, versuche ich manchmal wenigstens zu lächeln oder mit dem Kopf zu nicken; doch auch diese Bewegungen sind oft noch zu kräfteraubend.

Das Gleiche gilt auch für diese ganzen Phrasen zu Feiertagen, also "Herzlichen Glückwunsch", "Frohe Weihnachten" und "Frohes neues Jahr" beispielsweise. Zu Weihnachten kam es daher auch vor, dass mir meine Eltern ein 'Frohes Weihnachten' auf mein Handy schickten und ich ihnen mit einem Bild antwortete. Was seltsamerweise funktioniert, während es mir in den meisten Fällen nach wie vor nicht über die Lippen kommt.

Auch auf Fragen gebe ich nicht immer eine Antwort, was manche Menschen auch sehr aufregen kann. Das ist meist aber keine böse Absicht. Entweder ich höre die Frage nicht oder manchmal höre ich die Frage auch, aber hab nicht sofort eine Antwort parat. Ich könnte natürlich einfach sagen: "Entschuldige, da hab ich grad keine Antwort. Ich muss darüber nochmal nachdenken!" Aber oft bin ich dann so in Gedanken, dass ich diese einfache Antwort auch schon mal vergesse.

Samstag, 22. April 2017

Essensgewohnheiten

Mir ist heute wieder extrem aufgefallen, dass ich beim Thema Essen schon immer meine Regeln hatte und diese Regeln sich teilweise noch bis zum heutigen Tag nicht geändert haben. Als Kind war ich eine "schwierige Esserin", so zumindest drückten die Erwachsenen es damals aus. Essen an sich war früher schon eine lästige Angelegenheit für mich, der ich am liebsten aus dem Weg gegangen wäre. Viele Lebensmittel wollte ich nicht essen und zwar aus den verschiedensten Gründen. Ich mochte ihren Geschmack nicht, ihre Konsistenz oder aber sie waren zu einem bunten Haufen gemischt.

Es war für mich an der Tagesordnung, dass ich die Lebensmittel auf meinem Teller nacheinander gegessen habe. Gab es zum Beispiel ein Reisgericht mit Karotten, Erbsen und Hühnchenfleisch, so wurde das Gericht von mir nicht gemischt gegessen, sondern jede Zutat für sich. Und auch dort gab es keine Mischung, sondern eine Zutat wurde erst einmal komplett aus dem Gericht weggegessen, ehe die nächste Zutat folgte. Im Falle des Reisgerichts sah das dann so aus, dass ich erst die Karotten aß, dann die Erbsen, anschließend den Reis und zum Schluss das Hühnchenfleisch. Diese Auswahl traf ich nicht wahllos, sondern nach meinem ganz persönlichen Geschmack. Die für mich am wenigsten leckere Zutat wurde zuerst gegessen, hier also die Karotten, und die für mich leckerste Zutat zum Schluss, in diesem Fall das Hähnchenfleisch.

Es gab Erwachsene, die mein Verhalten vor allem deswegen seltsam fanden, weil sie die Reihenfolge nicht verstanden. Bleibe ich bei dem oben genannten Reisgericht, so fragten mich zum Beispiel die Erzieher aus dem Kinderhort: "Sarinijha, magst Du das Hähnchenfleisch nicht?" Und ich antwortete: "Doch, ich esse das Hähnchenfleisch am liebsten". Daraufhin antworteten sie: "Ich würde das anders machen. Die leckerste Zutat würde ich zuerst essen, denn wenn du keinen Hunger mehr hast, bleibt die weniger leckere Zutat auf dem Teller liegen". Wenn ich jedoch alles aufessen wollte, ergab diese Methode keinen Sinn. Ich aß das weniger leckere schließlich zuerst, damit ich mich am Ende auf das Leckerste freuen konnte. Quasi nach dem Motto: Das Beste kommt zum Schluss.

Lebensmittel, die ich nicht mochte, durfte ich im Normalfall sowieso nicht essen. Wurde ich zum Essen gezwungen, musste ich mich oft wenige Stunden später bereits übergeben. So gab es im Kinderhort einmal Blattsalat. Blattsalat aß ich an sich gerne, aber ich reagiere allergisch auf das Chlorophyll im ungekochten Zustand. Eine Erzieherin aus dem Hort zwang mich den Salat dennoch zu essen, so dass meine Mutter abends dann zuhause 'die Bescherung' hatte. Doch nicht nur mit Salat ging es mir so, sondern mit allen Lebensmittel, die ein Erwachsener mir aufzwang. Magenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen waren daher häufige Symptome in meiner Kindheit.

Als Kleinkind scheiterte schon mein leiblicher Vater an meinem Essverhalten. Dieser ließ mich nämlich gerne stundenlang am Tisch sitzen, mit den Worten: "Du darfst erst aufstehen, Sarinijha, wenn dein Teller leer gegessen ist". Ich weiß noch, wie ich dort Stunde um Stunde am Tisch saß und das Essen auf meinem Teller herumschob. Gegessen habe ich es nicht; wäre es nach mir gegangen, ich hätte eher zehn Tage am Stück dort gesessen als auch nur ein weiteres Stück zu essen.

Als Jugendliche aß ich dann nur noch, was ich auch wirklich essen wollte; meine Ernährung war damals vermutlich nicht gerade die Beste. Ich verabscheute noch etliche Jahre lang viele Gemüsesorten, weil ich sie als Kind zwanghaft essen musste. Zudem wurde Essen für mich zur Quelle der Sicherheit. Ich aß immer noch keine Unmengen, aber oft gab es bei mir tagtäglich die gleichen Mahlzeiten. So aß ich einmal ganze sechs Wochen am Stück jeden Mittag meine Spaghetti mit Tomatensauce. Diese Art der Routine war für mich eine Erleichterung.

Und ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich noch heute manchmal in dieses Verhalten zurückfalle. Vor allem in Klausurphasen oder zu anderen stressigen Zeiten, esse ich oft jeden Tag die gleichen Lebensmittel. Das ist keine Essstörung. Es liegt einfach daran, dass das Essen auf mich wie eine Reizüberflutung wirkt. Wenn ich jeden Tag das Gleiche esse, halte ich die Reize gering. In stressigen Zeiten wirken schon genug andere Reize auf mich ein, so dass ich diese Belastung nicht auch noch in meiner Ernährung ertragen kann. Gesund ist vermutlich anders, aber für mich wird das quasi zur Überlebensstrategie. Von Tag zu Tag die gleichen Lebensmittel zu essen gibt mir dann ein Gefühl von Sicherheit.

Das war schon in der Grundschule wichtig für mich. Der Klassenraum und Schulhof waren schon genug Reizüberflutung, so dass das Frühstück zumindest eine sichere Routine sein musste. Ich aß tagtäglich in jeder Pause mein Toastbrot mit Salami. Und ich weiß noch sehr genau, als meine Mutter einmal keine Salami hatte und ich in der Pause ein Toast mit Schokoaufstrich auspackte. Das war eine Katastrophe. Zumal sie mich auf diese 'Überraschung' nicht vorbereitet hatte. An diesem Schultag aß ich dann also gar nichts zum Frühstück, mein Tag war hinüber. Zuhause konnte meine Mutter nicht verstehen, dass ich das Toast nicht angerührt hatte.

Sie versteht auch heute noch nicht wirklich, dass es beim Essen einfach Regeln gibt. Wie als sie neulich den Zucker an den Spargel machte und ich aufgrund meines sowieso schon schlechten Zustands daraufhin eine halbe Stunde allein in meinem Zimmer sein musste. Für mich gehört an den Spargel kein Zucker. Deswegen bin ich was das Thema Essen betrifft lieber an meinem Studienort. Hier kann ich alles nach meinem Geschmack und Gedenken zubereiten.

Mittlerweile esse ich auch gerne Gemüse. Und ich schaffe es auch etwas Gemischtes zu essen, wobei ich nicht bestreiten möchte, dass das auf meinen Zustand und das Gericht ankommt. Macht meine Mutter beispielsweise Eintopf aus Stangenbohnen, Karotten und Kartoffeln, so neige ich noch immer zu meinen ursprünglichen Verhaltensweisen. Zuerst werden die Karotten gegessen, dann die Bohnen und zum Schluss die Kartoffeln. Und vor einigen Monaten sagte meine Mutter wieder: "Wenn du die Karotten so gerne isst, dann hol dir doch noch welche aus dem Topf". Wo ich dann erneut erklären musste, dass ich mir das Leckerste zum Schluss bewahre.

Ich habe auch manchmal das Gefühl, dass ich mich erklären und rechtfertigen muss, obwohl doch letzt endlich jeder Mensch für sich selbst entscheiden muss. So war ich im letzten Jahr mit zwei ganz lieben Mädels in Hamburg, wo ich immer eine ganz bestimmte Gemüsetasche aus einem ganz bestimmten Laden essen wollte. Das gab mir in der fremden Umgebung einfach Sicherheit. Eine der beiden Mädels sagte dann aber: "Die Macht der Gewohnheit"; und ich fühlte mich von dieser Aussage erwischt und angegriffen. Und ich traute mich danach auch nicht mehr zu sagen, dass ich nur diese Gemüsetasche essen wollte und nichts anderes. Die beiden Mädels hätten das sicher akzeptiert und es wäre ja auch mein gutes Recht gewesen, aber so eine winzige (gar nicht böse gemeinte und unbedachte) Aussage verwirrte mich.

Bis zum heutigen Tag darf ich auch nichts essen, was nicht meinem Geschmack entspricht; denn noch immer hätte ich sofort mit Übelkeit und Erbrechen zu kämpfen. Wenn ich also irgendwo zu Besuch bin und alles aufgegessen habe, bedeutet es in meinem Fall tatsächlich, dass mir das Essen geschmeckt hat.

Freitag, 21. April 2017

Mobbing

Mobbing ist aus meiner Sicht ein sehr sensibles und heikles Thema. An sich würde ich sagen, dass ich meine Vergangenheit dahingehend verarbeitet habe. Trotzdem löst allein das Wort in mir sehr viele negative Gefühle aus. Und für mich ist es einfach Tatsache, dass die Folgen des Mobbings für Jahre und Jahrzehnte bleiben (können). Vor kurzem sagte ich einem Menschen, dass ich in meiner Vergangenheit gemobbt wurde und bekam daraufhin eine seltsame Antwort. Sie lautete: "Ach, im Grunde genommen wurde jeder Mensch irgendwann in seinem Leben gemobbt". Vermutlich entspricht das nahezu der Wahrheit, aber dieser Satz machte auf mich den Eindruck, als wäre Mobbing nur halb so schlimm und kein großes Problem. Ich sehe das anders, denn aus meiner Sicht ist Mobbing kein Kavaliersdelikt. Es klingt vielleicht überspitzt, nahezu übertrieben, aber ich wäre als Jugendliche fast am Mobbing gestorben.

Dabei spielte Mobbing bereits eine Rolle in meinem Leben, als ich noch nicht einmal in der Lage gewesen wäre, dieses Wort überhaupt zu schreiben. Im Kindergarten hörte ich erwachsene Menschen sagen: "Wenn dich jemand ärgert oder hänselt, dann ignorier die Person einfach. Nichts wird die Person mehr verärgern als deine Ignoranz und dein Schweigen". Viele Jahre später verstand ich, dass die Kindergärtner damit vermutlich nur Gewaltausbrüche verhindern wollten; in mir setzte sich diese Aussage allerdings fest. Ich dachte damals, dass das ein weiser und guter Ratschlag von den Erwachsenen sei. Und ich hielt mich an diese Regel.

Im ersten Schuljahr der Grundschule machte ich dann meine ersten Erfahrungen mit Mobbing. Ich wurde von zwei Mitschülern verfolgt, geschubst und getreten. Das Mädchen kam morgens auf dem Schulhof häufiger zu mir und versprach, dass sie meine beste Freundin sein und mich beschützen würde. Ich glaubte ihr ehrlich gesagt immer wieder und wieder. Dabei fand ich einfach keinen Zusammenhang zwischen den Situationen. Nach Schulschluss liefen wir dann gemeinsam auf dem Gehweg. Ich glaubte, dass sie nun endlich meine Freundin sei und vertraute ihr. Doch ehrlich gesagt wurde ich jedes Mal enttäuscht. Sie packte mich immer irgendwann am Arm und rief nach ihrem Kumpel. Der tauchte auf einmal hinter uns auf, hielt mich nun gleichfalls fest und schubste mich in Dornengebüsche oder trat nach mir. Auf diese Weise lernte ich zu rennen. Sobald sie mich auch nur für einen Moment losließen, rannte ich den restlichen Weg bis zum Kinderhort ohne Pause.

Ich versuchte die Situation zu ignorieren und schwieg, aber das machte die Angelegenheit nicht besser. Es wurde meinen zwei Mitschüler auch nie langweilig mich zu verfolgen. Ich glaubte dem Mädchen wieder und wieder, wenn sie versprach, dass sie fortan meine beste Freundin sein würde. Damals fand ich keinen Zusammenhang zwischen den Situationen. Ich erkannte ihre Lügen nicht, sondern glaubte ihren Worten. Wochenlang sagte ich niemandem ein Wort. Die Schikanen hörten schlagartig auf, als das Mädchen von der Schule genommen wurde. Ich hatte eine Weile meine Ruhe, aber irgendwann verfolgte mich der Junge erneut. Dann begann er Sachen aus meiner Schultasche zu stehlen. Abends fragte mich meine Mutter, wo mein Hausaufgabenheft sei und ich erzählte, dass der Junge es gestohlen hatte. Meine Mutter widerrum rief sofort meine Grundschullehrerin an, so dass der Junge fortan nach dem Unterricht noch fünfzehn Minuten im Klassenzimmer verbleiben musste und ich in Ruhe verschwinden konnte.

Nach der Grundschule wechselte ich auf eine weiterführende Schule. Mein Leben wurde hier sehr chaotisch, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Zumindest meine Mitschüler ließen mich in Ruhe; einmal wurde ich sogar zu einen Geburtstag eingeladen. Als ich im sechsten Schuljahr war, zogen meine Eltern und ich jedoch in die Nachbarstadt und somit wechselte ich erneut die Schule. Hier war ich also mittem im Schuljahr die "Neue". Eine Mitschülerin konnte mich vom ersten Tag an nicht leiden, so dass die Schikanen nach kürzester Zeit bereits begannen. Sie lief in den kurzen Pausen zwischen den Unterrichtseinheiten häufig an meinem Tisch vorbei, rümpfte die Nase und schrie dann quer durch den Klassenraum: "Ihhh! Hier stinkt es! Das ist ja ekelhaft!" Ich versuchte wirklich sie zu ignorieren und hoffte, dass es ihr langweilig und sie mit den Sprüchen aufhören würde. Stattdessen überlegte sie sich immer neue Gehässigkeiten. Nach einer Weile nannten mich alle in der Klasse nur noch "Stille Quelle" und lachte über mein Schweigen.

Irgendwann bemerkten meine Eltern, dass meine Stimmung sich veränderte. Erneut brach ich das Schweigen und erzählte ihnen von dem tagtäglichen Mobbing. Ich hatte damals zwei Klassenlehrer, die gemeinsam mit dem Direktor über die Vorfällte unterrichtet wurden. Und dann stand meine Klassenlehrerin eines Tages vorne an der Tafel und beteiligte sich am Mobbing. Sie malte Kreise auf die Tafel. Auf die linke Seite der Tafel malte sie viele kleine Kreise und sagte: "Das hier ist die gesamte Klasse". Auf die rechte Seite der Tafel malte sie einen mittelgroßen Kreis und meinte daraufhin: "Das hier ist Sarinijha". Ich zitterte auf einmal am ganzen Körper. Sie fuhr mit ihrer Geschichte fort: "Sarinijha sagt, dass die gesamte Klasse etwas gegen sie hat. Das ist jedoch eine Lüge! In Wahrheit steht Sarinijha hier ganz alleine und hat etwas gegen die Klasse, also gegen Euch alle. Und dieses Verhalten ist einfach nur asozial!" Ich wollte aus dem Klassenzimmer fliehen, aber stattdessen saß ich steif und bewegungsunfähig auf meinem Stuhl.

Ich schwieg wie an jedem anderen Tag, doch als meine Klassenlehrerin diese Worte aussprach, da glaubte ich eine einzige Sache begriffen zu haben: Ich war Schuld. Ich war Schuld, ich hatte das Mobbing verdient,  ich war ein falscher Mensch. Diese Erkenntnis 'brannte' sich in meinen Kopf. Wenn selbst eine Lehrerin das Wort gegen mich richtete, dann konnten all die Gemeinheiten und Schikanen gegen mich nur gerechtfertigt sein. Ich war vierzehn Jahre alt, als ich eine schwere Depression aufgrund von Mobbing entwickelte. Und daraus entstand mein Selbsthass und folglich auch meine Selbstverletzung. Vielleicht war es unter diesen Umständen gar nicht mehr verwunderlich, dass ich die Diagnose Borderline Persönlichkeitsstörung erhielt, aber die Angelegenheit war weitaus komplizierter. Als Autistin mit selektivem und teilweise totalem Mutismus geriet ich in eine Spirale aus Mobbing, die in mir viele chaotische Gefühle auslöste. Ich wurde aufgrund des Mobbings krank.

Seitdem sind Jahre vergangen, aber ich zehre noch heute an den Folgen. Den Selbsthass und die Selbstverletzung habe ich lange hinter mir gelassen, aber die Narben bleiben. Noch heute mache ich mir sehr, sehr viele Gedanken und Sorgen. Mir fehlt noch immer oft das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Es ist ein sehr langsamer Prozess sie zurück zu erhalten. Mobbing ist kein Kavaliersdelikt. Es hätte mich fast mein Leben gekostet. Deswegen ist es mir wichtig, dass Mobbing ernst genommen wird. Nicht die Opfer tragen die Schuld. Nicht die Opfer müssen sich verändern.

Und trotzdem möchte ich noch mit einer kleinen Anekdote abschließen, um diesen Blogeintrag positiv zu verlassen. Es geht um mein studentisches Praktikum im letzten Jahr. Ich hatte zwar einige Kollegen, aber "in meinem Bereich" gab es vor allem eine einzige Kollegin, mit der ich sehr oft gemeinsame Arbeiten ausführen musste. Schon nach kürzester Zeit habe ich erfahren, dass diese Frau einem gerne ins Gesicht lächelt und Lob ausspricht, zu anderen Kollegen dann aber genau das Gegenteil erzählt und lästert. Eines Tages gab sie mir einen Arbeitsauftrag. Sie war nicht zufrieden mit mir, obwohl ich die Aufgabe gut gelöst hatte; nur halt auf meine Art und Weise. Sie meckerte auf einmal los: "Ich hatte doch genau das Gegenteil gesagt, aber scheinbar hörst du einfach nicht zu". Ich wurde in dem Moment richtig wütend. Die Tage zuvor hatte ich einige Male geschwiegen, aber auf einmal hatte ich wirklich genug von ihren blöden Aussagen und meinte: "Was ist dein Prolem? Der Arbeitsauftrag ist erledigt, oder? Wenn du es anders haben möchtest, dann musst du es beim nächsten Mal halt genauer erklären". Ohje! Innerlich machte ich mich auf alles gefasst. Aber auf einmal wurde sie richtig 'kleinlaut': "Oh, nein, nein. Du warst gar nicht gemeint. Ich ärgere mich über das Regal hier". Ihre Aussage ergab überhaupt keinen Sinn, aber sie hatte scheinbar nicht mit Widerworten gerechnet und suchte nach Ausflüchten. Für mich war das eine Genugtuung.

Donnerstag, 20. April 2017

Fehldiagnose "Borderline"

Heute habe ich in einem Blog gelesen, dass autistische Menschen gehäuft die Fehldiagnose "Borderline Persönlichkeitsstörung" erhalten. Bei dem Abschnitt musste ich stocken und die Zeilen mehrfach lesen, ehe die Worte sich endlich einen Weg in mein Bewusstsein bahnten. Bisher habe ich nicht bewusst wahrgenommen, dass es auch andere Menschen gibt, die vor der Diagnose Autismus die Diagnose Borderline erhielten. Bei mir war das tatsächlich der Fall.

Zur kurzen Übersicht meiner Diagnosen:
2002 (Selektiver Mutismus)
2004 (Borderline Persönlichkeitsstörung)
2010 (Asperger Syndrom)

So ein Aha-Erlebnis hatte ich schon einmal, als ich in einem Buch darüber las, dass der selektive Mutismus ein Symptom vom Autismus sein kann. Ausschlaggebend für die Diagnose Borderline waren für meine damalige Therapeutin die Symptome der Selbstverletzung, Dissoziationen und depressive Verstimmungen. Seltsam war schon damals für mich, dass meine Therapeutin sehrwohl Zweifel zu haben schien. Sie sagte in zwei zeitlich voneinander getrennten Sitzungen zu mir: "Vieles deutet auf Borderline hin, aber viele Begebenheiten sprechen auch dagegen". Nichtsdestotrotz war sie nicht abgeneigt, die Diagnose dann trotzdem schriftlich festzuhalten. Verstanden habe ich das damals nicht, denn ich konnte mich nie mit der Diagnose Borderline identifizieren.

Obwohl ich meine damalige Therapeutin mochte, erscheint mir die Therapie aus heutiger Sicht eher verquer. Ich weiß noch wie ich meiner Therapeutin von der Diagnose Mutismus erzählte, die ich in der Jugendpsychiatrie erhalten hatte. Meine Therapeutin verneinte diese Diagnose. Sie erzählte mir von einer anderen Patientin mit selektivem Mutismus, um mir zu zeigen, dass dieses Mädchen sich von mir unterschied. Damit erreichte sie aber nur das Gegenteil. Ihre Beschreibung von dem Mädchen passte auch perfekt auf mein Schweigen. Sie berichtete auch von dem Mädchen, dass diese sich nicht einmal äußern konnte, wenn sie dringend zur Toilette musste. Auch diese Situation passte auf mein Leben, denn in der Grundschule harrte ich oft bis zur Pause aus, um dann schnellstmöglich zur Schultoilette zu flitzen. Ich konnte mich einfach nicht melden und darum bitten, den Klassenraum verlassen zu dürfen. Es hätte Worte gebraucht, gesprochene Worte. Dazu war ich nicht in der Lage.

Damals habe ich viel über die Borderline Persönlichkeitsstörung gelesen. Ich besuchte sogar eine Selbsthilfegruppe mit Betroffenen, aber ich fand nur wenige Gemeinsamkeiten mit den Menschen in der Gruppe. Hier erfuhr ich auch schnell, dass Ärzte und Therapeuten bei "Selbstverletzendem Verhalten" gerne die Diagnose Borderline stellen. Aus meiner Sicht ist das fatal. Es gibt Menschen, die sich selbst verletzten und keine Persönlichkeitsstörung haben. Und es gibt im umgekehrten Fall auch Menschen mit der Persönlichkeitsstörung, bei denen keine Selbstverletzung vorliegt.

Als ich dann im Diagnoseverfahren bezüglich des Autismus steckte, erzählte ich auch von meinen bisherigen Diagnosen: Sozialphobie, Angststörung und Borderline Persönlichkeitsstörung. Ich berichtete, dass ich mich in den jeweiligen Selbsthilfegruppen aber nie wohl gefühlt hätte, weil ich mich zu sehr von den Menschen dort unterschied. An einem Tag nickte der Arzt dann und sagte, dass das kein Wunder sei. Er empfahl mir eine Selbsthilfegruppe mit Asperger Autisten. Ich hatte Zweifel, aber er erklärte, dass ich jetzt bei der richtigen Diagnose angekommen sei und mir der Kontakt zu anderen Betroffenen helfen könnte. Es versprach mir, dass ich überrascht sein würde. Tatsächlich besuchte ich die Selbsthilfegruppe auch einige Wochen lang und der Arzt hatte nicht zu viel versprochen; zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich "angekommen". Es gab in dieser 'großen weiten Welt' tatsächlich Menschen, die ähnliche Probleme hatten wie ich.

Es klingt vielleicht seltsam, aber diesen "Überraschungsmoment" habe ich nie überwunden. Wann immer bei Twitter jemand über seine Erfahrungen schreibt und ich mich wiedererkenne, überkommt mich so ein leichter "Schauer" und ich fühle mich tatsächlich für einen Augenblick weniger allein. Das Gleiche gilt natürlich auch für Bücher, Interviews und Artikel. Ich weiß längst, dass ich mit meinem "Verhalten" nicht alleine bin, aber trotzdem ist jeder Bericht "Balsam für meine Seele". Ich glaube das liegt einfach daran, dass ich mich mehr als zwei Jahrzehnte sehr einsam und außerirdisch gefühlt habe. Und ja; es hat mich heute tatsächlich beruhigt zu lesen, dass ich nicht allein bin mit der Erstdiagnose Borderline. Es beruhigt mich, aber zur gleichen Zeit erschreckt es mich auch.