Dienstag, 14. Februar 2017

Das Kolloquium und seine Folgen

Seit heute Mittag bin ich wieder in meiner Heimat. Und nun sitze ich hier in meinem ehemaligen Zimmer, die Tränen laufen mir übers Gesicht und an einen erholsamen Schlaf ist überhaupt nicht zu denken. Das liegt ganz einfach an den vergangenen Tagen, die ich tief in meinem Inneren immer noch nicht verarbeitet habe.

Im Grunde genommen begann alles am Dienstag vor acht Tagen. Meine Kommilitonin Blair hatte mich zum Geburtstag eingeladen, was eine große Überraschung für mich war, weil wir außerhalb der Uni kaum Kontakt haben. Ich wusste ehrlich gesagt nicht, ob ich mich über die Einladung freuen oder in Tränen ausbrechen sollte. Es war auf der einen Seite ganz charmant, dass ausgerechnet ICH eingeladen war; aber auf der anderen Seite überkam mich auch sofort die Panik. Die Tage vor dem Geburtstag schrieb ich noch mit anderen Kommilitonen, die ebenfalls eingeladen waren, was sich am Ende als Fehler herausstellte. So erfuhr ich dann, dass alle anderen bereits Tage zuvor eingeladen wurden. Vermutlich sollte mir das egal sein, aber es spielte halt eine Rolle und dieses Wissen verletzte mich. Ich wusste einfach, dass ich nur eine Einladung bekommen hatte, weil ich durch die anderen irgendwie zur Gruppe gehörte.

Am Geburtstag selbst fuhr ich mit drei Kommilitonen zu Blair. Ich war noch nie zuvor bei Blair zuhause, im Gegensatz zu meinen anderen Kommilitonen. Die fremde Umgebung, die unbekannten zwei Menschen (die Mutter und Schwester von Blair) und die Anwesenheit von Fina, einer weiteren Kommilitonin, versetzten mich in meinen "ursprünglichen Zustand". Es war mir einfach nicht mehr möglich, die Normalität aufrecht zu erhalten. Fina sah mich ständig seltsam an. Ich vermute, dass sie einen Blick hinter meine Fassade geworfen hat. Sie gehört jedoch nicht zu den Menschen, die mich auf meine Art und Weise akzeptieren, sondern zu denen, die mich aufgrund meiner Andersartigkeit nicht leiden können. Fina zeigt das nicht offensichtlich, denn die drei besagten Kommilitonen von der Autofahrt mögen und akzeptieren mich und deswegen hält Fina sich zurück. Ich spüre trotzdem ihre Blicke auf mir, als würden ihre Augen mich auseinandernehmen.

Ich saß also am Geburtstagstisch und sagte kein Wort. Als Roman in die Runde fragte, ob jemand mit ihm und meinem Hund eine Runde spazieren wolle, hörte ich seine Worte nicht einmal. Die Situation stresste mich dermaßen, dass ich die ganze Zeit nur daran dachte, wann der Abend endlich vorbei sein würde. Ich hörte einige Gesprächsfetzen und bekam mit, wie die anderen über gemeinsame Erlebnisse sprachen. Erlebnisse, bei denen ich NIE dabei gewesen bin. Nicht einmal gefragt wurde. Und auf einmal fühlte ich mich wieder sehr, sehr einsam. Irgendwie gehöre ich zur Gruppe, aber irgendwie gehöre ich also auch nicht zur Gruppe. Der ganze Geburtstag kam mir mittlerweile vor, als wäre es eine einzigartige Foltermethode für mich. Fina fragte dreimal, was mit mir los sei, weshalb ich kein Wort sagte. Ich schwieg und zuckte die Schultern. Einen winzigen Moment dachte ich darüber nach einfach zu antworten: "Ich bin Autistin und Situationen wie diese sind für mich die Hölle. Danke übrigens, dass ich heute dabei sein darf, aber während der anderen Ereignisse ausgeschlossen werde". Aber natürlich hielt ich meinen Mund. Als ich abends zuhause war schrieb ich meiner Mutter, dass der Abend schrecklich war und ich nie richtig zu einer Gruppe gehören würde. Ich hätte geweint, aber ich war inzwischen dermaßen erschöpft, dass ich nicht einmal mehr Kraft für Tränen hatte.

Die darauf folgenden Tage versuchte ich mich für mein Kolloquium vorzubereiten. Ich ging die Präsentation immer wieder und wieder durch, sprach laut meinen Text und versuchte mich auf die anschließende Diskussion vorzubereiten. Das alles sprach gegen meine Natur. Ich habe die ersten zwei Jahrzehnte meines Lebens die meiste Zeit geschwiegen; vor Menschen zu reden ist nach wie vor die Hölle für mich. Äußerlich wirke ich normal, aber niemand sieht, welche Anstrengeng hinter dieser Normalität steckt. Mein Hals schmerzte nach jeder Übung, weil ich nicht gewohnt bin, dreißig Minuten am Stück zu reden.

Am Montag, dem Tag meines Kolloquiums, wachte ich morgens um fünf Uhr auf. Dann um sieben Uhr. Schließlich gab ich auf und startete den Tag. Das Kolloquium fand am Nachmittag statt, also hatte ich einen ganzen Morgen, einen ganzen Vormittag und einen ganzen Mittag Zeit, mir viele Gedanken zu machen und meine Nervosität richtig auszuleben. Schließlich war es endlich 15 Uhr, der Hörsaal aber nach wie vor belegt. Es kam also auch noch zu Verspätungen. Mein Korreferent, Herr Professor Doktor Chain, traf pünktlich auf die Minute ein und stellte sich zu uns auf den Flur. Ich ermahnte mich, zu lächeln, denn bei mir funktioniert das mit dem automatischen Lächeln nicht. Das muss ich mir in Erinnerung rufen und anwenden, als hätte ich eine Schauspielschule besucht. Mir war ganz und gar nicht zum Lächeln zumute. Die Verspätung machte mich zusätzlich nervös. Es bedeutete, dass ich flexibel sein musste, obwohl ich mich den ganzen Tag auf 15 Uhr eingerichtet hatte.

Fünfzehn Minuten später stand ich endlich vor Herrn Chain und Frau Loum, meine Referentin. Beide blickten mich erwartungsvoll an, während ich vergeblich versuchte in meinem Kopf die Worte zu finden. Das war dieser winzige entscheidende Moment. In diesem Moment kann alles passieren. Es kann sein, dass ich in diesem winzigen Augenblick die Nerven verliere und vollkommen in mein Schweigen inklusive Bewegungsunfähigkeit falle. Oder es kann sein, dass die Worte ein Erbarmen haben und ich einen Anfang finde. Ich hatte Glück. Langsam sprach ich die Worte aus, die ich mühevoll in meinem Kopf suchte. Die Worte, die ich mehrere Tage lang immer wieder und wieder geübt hatte. Äußerlich wirkte ich immer noch normal, innerlich unterdrückte ich meine wahre Person. Ich unterdrückte die schweigende Sarinijha. Ich unterdrückte die Sarinijha, die ihren Körper wiegen und ihre Finger verdrehen möchte. Ich unterdrückte die Sarinijha, die auf einen Punkt starrt und sich so besser konzentrieren kann.

Stattdessen blickte ich immer wieder vom Laptop zu den Dozenten und von den Dozenten zum Laptop. Dann passierte es. Ich blickte Frau Loum in die Augen. Und stockte. Plötzlich waren da keine Worte mehr in meinem Kopf. Alles weg. Ich entschuldigte mich für meinen trockenen Hals und nahm einen Schluck aus meiner Wasserflasche. So viel hatte ich inzwischen immerhin gelernt; ich ließ mir nichts anmerken und fand zu den Worten zurück. Herr Chain verunsicherte mich, da er nur selten zur Präsentation sah und noch seltener zu mir. Frau Loum verunsicherte mich noch stärker, weil sie wiederum die ganze Zeit fast nur auf mich blickte und mich beobachtete. Ich gab trotzdem alles, um weiterhin so normal wie möglich zu sein und mich auf die Worte zu konzentrieren. Als ich mit der Präsentation fertig war, begann die Diskussion. Ich fürchtete mich vor den Fragen, weil ich mich darauf im Vorfeld nur bedingt vorbereiten konnte. Ich konnte lernen, aber welche Fragen und wie die Fragen gestellt würden, lag nicht in meiner Hand.

Bei jeder Frage benötigte ich meine volle Konzentration. Ich versuchte den Worten zu lauschen und aus dem Gesagten schlau zu werden, obwohl die ganze Situation mich überforderte und ich mich nur in eine Ecke setzen und mir eine Decke über den Kopf stülpen wollte. Dann versuchte ich die Fragen zu beantworten und es kostete meine gesamte Energie, die Worte zu finden und sie dann auch noch auszusprechen. Alles war gegen meine Natur und gegen meine wahre Person. Ich fühlte mich schrecklich. Irgendwie schaffte ich es dennoch Worte zu finden. Es kam mir vor, als würde ich in einem dunklen Raum nach einem Krümel suchen; die Worte fühlten sich zäh und verborgen an. Am Ende wurde ich aus dem Hörsaal geschickt, denn die Note wurde besprochen. Draußen empfingen mich meine zwei Kommilitoninnen. Ulrike und Laura. Wieder lächelte ich und gab mich normal, spielte meine Rolle, obwohl ich mich in meinem Inneren nach wie vor furchtbar fühlte.

Ich wurde zurück in den Hörsaal gerufen und Frau Loum sagte, ich könne mir gerne einen Stuhl nehmen und mich zu ihnen setzen. Und was tat ich?! Ich KONNTE das einfach NICHT. Ich konnte es wirklich nicht, auf keinen Fall. Ich stellte mich an den vorderen Tisch. Mir einen Stuhl zu nehmen und mich zu setzen war mir schlicht und ergreifend nicht möglich; das kam mir in diesem Augenblick vor wie eine Meisterleistung. Ich fühlte mich beobachtet und mir waren einfach keine weiteren Bewegungen möglich. Gleichzeitig fühlte ich mich noch schlechter, weil ich diese 'normale' Handlung nicht zustande brachte und stattdessen einfach stehen blieb.

Mir wurde dann gratuliert und die Note mitgeteilt. Ich hatte es geschafft; sogar mit einer Note, die bedeutete, dass ich ab März noch den Masterstudiengang belegen kann. Wieder lächelte ich. Und wieder war das Lächeln nicht echt. Mir war nach wie vor nicht zum Lächeln zumute. Noch immer fühlte ich mich beobachtet, in einer stressigen Situation, weil noch weitere Kommunikation von mir verlangt wurde. Beide sagten mir noch, wie es zu der Note gekommen war. Ich hörte zu, lächelte und nickte. Am Schluss fragte Frau Loum mich, ob ich etwas von den Süßigkeiten wolle; quasi um meine Nerven zu beruhigen oder einfach nur als nett gemeinte Geste. Ich verneinte ungeschickt und hatte erneut das Gefühl, dass ich mich hier eher blamierte und einen seltsamen Eindruck hinterließ. Nach wie vor war ich jedoch angespannt und nervös. Selbst wenn ich etwas von den Süßigkeiten gewollt hätte, wäre mir diese Handlung nicht möglich gewesen. Und zwar aus den gleichen Gründen, weswegen ich mir auch keinen Stuhl hatte nehmen können.

Ich ging aus dem Hörsaal, während Laura hineinkam. Nun war sie an der Reihe. Am Ende verletzte mich nicht, dass sie eine bessere Note hatte. Ich freute mich für sie und verspürte keinen Neid. Was mich aber verletzte war die Tatsache, wie Laura über ihre Diskussion und das Gespräch mit den Dozenten sprach. Sie hatten sie gelobt, weil ihr Vortrag so lebhaft war. Und sie hatten noch zehn Minuten Smalltalk mit ihr gehalten. Es machte mir wieder schmerzhaft bewusst, wie anders ich bin. Ulrike, Laura und ich gingen an dem Abend noch gemeinsam essen, aber meine Stimmung war miserabel. Nach wie vor versuchte ich so normal wie möglich zu sein, aber tief in meinem Inneren wollte ich zuhause sein und weinen.

Eigentlich hätte ich glücklich sein müssen: Ich hatte es geschafft. Der Vortrag, die Diskussion, das Kolloquium und sogar das gesamte Bachelorstudium lagen nun erfolgreich hinter mir; sogar mit einer guten Note. Und ich?! Ich wollte nach Hause, das Licht ausschalten und den Tränen freien Lauf lassen. Alles woran ich dachte war die Tatsache, dass Laura es besser hinbekommen hatte. Und das nicht wegen der Note, sondern wegen dem ganzen Drumherum. Dem lebhaften Vortrag und dem Smalltalk.

Und wie immer gehe ich wieder und wieder und wieder meinen eigenen Vortrag durch, die anschließende Diskussion. Es fällt mir schwer das alles zu verarbeiten. Und das alles lastet auf mir. ALLES. Der Geburtstag, die Tatsache mit der Gruppenzugehörigkeit, das Kolloquium. Es führt mir irgendwie wieder vor Augen... Ja, was eigentlich?! Es macht mir klar, dass ich immer wieder gegen mich selbst arbeite. Die Gesellschaft sieht es anders: Für die Menschen arbeite ich an mir, füge mich in Gruppen ein, versuche mich in die Gesellschaft zu integrieren. Aber für mich selbst?! Für mich selbst fühlt es sich an, als würde ich immer mehr eine Rolle spielen, mich verstellen - und das obwohl ich mir einfach nur wünsche, dass ich auf meine eigene Art und Weise akzeptiert werde. Es fühlt sich an... Es fühlt sich an, als würde ich nur in meiner gespielten Rolle akzeptiert werden.

Dabei habe ich es versucht. Noch am Montagabend. Ich habe versucht Ulrike und Laura eine Tür zu mir zu öffnen. Ich hatte schon angesetzt, die ersten Worte ausgesprochen, um ihnen von meinem "wahren Ich" zu erzählen. Und dann haben sie mich abgeblockt. Ehrlich gesagt war es nicht das erste Mal. Sie wollen ganz eindeutig nichts von der Welt hinter der Fassade wissen. Nur wenige Menschen wollen das. Sie akzeptieren meine Rolle, meine Maske, aber nicht die Sarinijha dahinter. Und deswegen sitze ich jetzt hier mitten in der Nacht an meinem Laptop, mit Tränen in den Augen - und frage mich einfach, was so schrecklich an der Person hinter der Fassade ist. Wieso muss ich mich eigentlich immer verstellen?!