Sonntag, 30. April 2017

Arbeitslosigkeit und Ausbildungssuche

Es ist genau so heikel für mich wie das Thema "Mobbing". Als Jugendliche, beziehungsweise junge Erwachsene, habe ich eine längere Zeit der Arbeitslosigkeit erlebt. Nach meiner zehnjährigen Schulzeit wechselte ich in eine Abiturklasse, in der ich gerade mal drei Schultage verbrachte. Der soziale Druck war groß und so entschied ich, dass ich die Angelegenheit abbrechen würde. Arbeitslos wurde ich daraufhin nur indirekt; da ich erst sechszehn Jahre alt und somit schulpflichtig war, wechselte ich in eine Klasse für "Jugendliche ohne Ausbildungsplatz". Der Unterricht hier fand nur einmal in der Woche statt; er bestand aus zusammengewürfelten Fächern. Meine damalige Therapeutin schrieb mich die Hälfte der Zeit krank, weil ich dem sozialen Druck nach wie vor nicht gewachsen war und mich sehr unwohl fühlte in dieser Klasse. Insgesamt war ich zwei Jahre dort, völlig orientierungslos und voller Ängste.

Nach den zwei Jahren verbrachte ich ein Jahr im Berufsgrundschuljahr für "Wirtschaft und Verwaltung". Ich wollte anschließend gerne wieder in die Abiturklasse wechseln, dieser Zugang wurde mir allerdings verwährt. Grund dafür war mein Schweigen und die Befürchtung, dass ich das Abitur aufgrund meiner Introversion nicht erreichen würde.

Also folgte erneut die Arbeitslosigkeit. Nun war ich allerdings nicht mehr schulpflichtig, weswegen ich zur "Agentur für Arbeit" ging. Damals war ich immer noch ohne autistische Diagnose. Mir wurde trotzdem prognostiziert, dass ich aufgrund meiner Problematik wohl niemals eine Ausbildung machen könnte. Ich sollte vielmehr darüber nachdenken, ob eine Werkstatt für Behinderte ein guter Weg für mich sei. Ich verzichtete auf die Hilfe der Agentur und hatte das Glück, dass zumindest meine Eltern mich unterstützten. Sie ließen mir 'alle Zeit der Welt'. Ich kümmerte mich fortan um den Haushalt meiner Eltern.

Insgesamt war ich drei weitere Jahre arbeitslos; und drei Jahre lang ließen meine Eltern mich gewähren. Irgendwann gab ich den Traum vom Abitur und einem Studium auf; ich begab mich auf die Suche nach einer Ausbildungsstelle. Und das war linde ausgedrückt eine furchtbare Zeit. Nachdem ich mich entschlossen hatte, mir aktiv eine Ausbildung zu suchen, schrieb ich unzählige Bewerbungen. Und ich bekam unzählige Absagen, was wohl auch an meinem Lebenslauf lag. Doch was viel nervenaufreibender war, waren die Vorstellungsgespräche, Eignungstests, Probearbeitstage und Praktika. Sie ließen mich immer wieder und wieder an mir zweifeln. Ich möchte gerne von meinen Erfahrungen berichten und davon, wie ich am Ende doch noch eine Stelle für mich fand.

Fachangestellte für Medien und Informationsdienste
Ich wollte ja unbedingt zur Uni; und hatte dann ausgerechnet dort auch meinen ersten Eignungstest. Allerdings für eine Ausbildung in der Bibliothek. Scheinbar lief der Eignungstest auch ganz gut, denn ich wurde anschließend noch zu einem Vorstellungsgespräch eingeaden. Damals immer noch ohne Diagnose, aber sehrwohl wissend, dass ich Probleme im kommunikativen Bereich habe. Ich versuchte mich innerlich auf das Vorstellungsgespräch vorzubereiten, aber vor Ort wurde ich dann doch hoffnungslos überrascht. Es fand nicht wie erwartet mit einer Person statt, sondern mit drei Angestellten der Bibliothek. Das hatte ich nicht erwartet. Am Anfang des Gesprächs wurde ich gefragt, ob ich ein Glas Wasser wolle und ich bejahte die Frage. Schließlich hatte ich im Internet gelesen, dass es die Atmosphäre auflockern würde. Anschließend wurden mir zahlreiche Fragen gestellt und ich versuchte so gut wie möglich zu antworten, wobei mich die Anwesenheit der drei Personen stresste. Ich gab kurze, knappe Antworten, manchmal verfiel ich in mein Schweigen. Das Glas Wasser hatte ich am Ende nicht ein einziges Mal angerührt. Es wunderte mich nicht, als einige Tage später bereits die Absage kam.

Hotelfachfrau (1)
Hier hatte ich zunächst ein Vorstellungsgespräch in einem kleinen Hotel. Wieder erwartete ich ein Vorstellungsgespräch 'unter vier Augen', aber am Ende kam es anders. Das Gespräch fand mit der Chefin und zwei weiteren Bewerbern statt. Das war für mich ein richtiger Schock. Zunächst stellte sich jeder vor, danach fand ein offenes Gespräch statt. Das hieß, dass es verschiedene Themen gab und jeder Bewerber sich selbstständig einbringen sollte. Nach der Vorstellungsrunde sagte ich somit tatsächlich kein einziges Wort mehr. Ich schwieg und lauschte den Worten der anderen zwei Bewerber. Sie waren wirklich gut in ihrer Sache. Sie wussten, wie 'sie sich zu verkaufen' hatten. Und sie wussten vor allem, wann sie an der Reihe waren. Ich staunte und verstand das System nicht. Zudem konnte ich mich nicht sprachlich vor anderen Bewerbern äußern. Am Abend rief die Chefin mich an, weil sie der Meinung war, dass sie ihre Absage noch erklären musste. Sie verstand nicht, weshalb ich kein einziges Wort gesagt hätte und riet mir, mich vom Hotelfachgewerbe fern zu halten.

Fotografin
Es freute mich sehr, als ich zum Vorstellungsgespräch im Fotoladen eingeladen wurde. Fotografie war neben der Literatur schon immer eines meiner liebsten Hobbys. Ich hatte die Bewerbung mit meinen Fotografien in der Leiste bestückt; und zum Vorstellungsgespräch brachte ich eine Fotomappe mit. Dem Chef gefielen meine Fotografien, aber dann brachte er Kritik an: "Sie fotografieren nicht gerne Menschen, oder? Sie wissen hoffentlich, dass wir hier im Laden nur wenig Tiere und keine Landschaften fotografieren". Upps! Ich suchte Ausflüchte. Dann sollte ich einen Tag lang zur Probe im Geschäft arbeiten.

Ich war total nervös! Dabei war am Anfang alles ganz locker, weil ich den Angestellten und Auszubildenden einfach nur zuschauen durfte. Ab und zu sollte ich kleine Erledigungen ausführen, aber ansonsten verbrachte ich den Vormittag in einer 'passiven Rolle'. Nach der Mittagspause hieß es dann allerdings, dass ich unten an die Theke gehen sollte. Ich durfte also zum Kundenkontakt. Zunächst sprach der Chef mit einem Kunden. Als dann die Kundendaten aufgenommen werden sollten, kam ich an die Reihe. Der Kunde sagte mir seinen Namen und ich notierte ihn. Danach folgte die Adresse mit Postleitzahl. Insgesamt viermal sagte der Kunde mir die Postleitzahl, aber in stressigen Situationen verdrehe ich Zahlen und es endete somit in einer Katastrophe. Ich wurde sofort nach oben geschickt, wo ich den restlichen Tag drei Auszubildenden bei der Arbeit mit Photoshop beobachten durfte. Ich saß einfach nur da und wusste nicht, was nun von mir verlangt wurde. Somit saß ich die Zeit ab und war abends daheim enttäuscht und am Ende meiner Kräfte. Natürlich folgte erneut eine Absage.

Hotelfachfrau (2)
Das nächste Vorstellungsgespräch folgte in einem größeren Hotel. Es war das erste Gespräch, dass tatsächlich nur zwischem dem Chef und mir stattfand. Keine anderen Leute. Anschließend wurde ich zum einwöchigen Praktikum eingeladen. Die ersten drei Tage verbrachte ich hier im Housekeeping. Das war ehrlich gesagt ein toller Bereich. Ich hatte hier nur eine einzige Kollegin, die mich von der Art und Weise her an meine Großmutter erinnerte. Sie war freundlich, akzeptierte meine schweigsame Art und zeigte mir sämtliche Aufgaben bis ins kleinste Detail. Das war eine große Erleichterung. Ich mochte die Aufgaben. Hauptsächlich musste ich die Minibars kontrollieren und auffüllen. Das war nicht schwer, zumal die meisten Hotelgäste mittags unterwegs waren und ich somit wenig mit Kommunikation konfrontiert wurde.

Nach den drei Tagen im Housekeeping wurde ich allerdings in den Service geschickt; also in das Restaurant des Hotels. Gleich am Morgen schickte mich jemand raus zu den Hotelgästen, die gerade ihr Frühstück verspeisten. Ein Mitarbeiter sagte mir: "Geh und räum die Teller von den Tischen. Frag die Gäste, ob sie noch Kaffee wollen und verrechne den Kaffee, der kostet nämlich Geld". Ich stand dort auf einmal mitten im Restaurant, konnte mich nicht von der Stelle bewegen und verstand nicht, was hier meine Aufgaben waren. Die Leute frühstückten noch, also konnte ich keine Teller von den Tischen räumen. Ich hatte auch keine Ahnung, woher ich Kaffee bekommen geschweige denn wie ich ihn verrechnen sollte.

Irgendwann fand mich ein weiterer Mitarbeiter bewegungsunfähig im Weg herumstehen. Er zeigte mir, wo ich den Kaffee finden konnte und meinte: "Geh einfach zu den Gästen und räum die Sachen weg, die sie nicht mehr brauchen". Wie ich den Kaffee verrechnen sollte, zeigte mir allerdings niemand. Glück für die Gäste, denn so schenkte ich den halben Tag kostenlosen Kaffee aus. Mir war immer noch unklar, wie ich Geschirr von Gästen wegräumen sollte, die augenscheinlich immer noch mit ihrem Frühstück beschäftigt waren. Ich lief langsam durch das Restaurant. Hätte ich gewusst, wie ich alleine in den Keller gelangen konnte, hätte ich dort meine Sachen geholt und wäre geflohen. Allerdings erinnerte ich mich nicht mehr an den Weg.

Scheinbar wurde irgendwem klar, dass ich im Restaurant vollkommen deplatziert war; ich verbrachte die restliche Zeit im Service dann in der Küche und spülte Gläser. Ich hörte die Auszubildenden über mich reden und ihr Lachen, aber ich versuchte mich auf das Spülen zu konzentrieren und die restliche Zeit irgendwie zu überleben. Mir war klar, dass ich die Ausbildungsstelle niemals bekommen würde und sich alle über mich lustig machten, aber mir war nicht klar, wie ich in den Keller gelangen und abhauen könnte. Also stand ich die Situation durch. Die damalige Pein werde ich allerdings nie vergessen.

Floristin
Mein Vorstellungsgespräch im Blumenladen fand wieder mit zwei Personen statt; einmal war der Chef dabei und dann die Filialleiterin. Der Chef stellte mir zahlreiche Fragen, ehe er plötzlich einen Anruf bekam und vor dem Laden telefonierte. Auch die Filialleiterin verließ den Raum, stellte sich aber bloß zu ihrer Kollegin in den Laden und sagte: "Ohje, wenn DIE unsere neue Auszubildende wird. Prostmahlzeit!" Die Kollegin fragte genauer nach und bekam eine Antwort von der Filialleiterin: "Komisches Mädel halt! Hahahahaha!" Ich saß im Nebenraum und hörte ihre Lästereien. Es tat weh, dass ich schon wieder ausgelacht wurde und ich verstand nicht, weshalb ich mich von den anderen Menschen scheinbar so sehr unterschied. Als der Chef zurück kam boten mir beide einen Probearbeitstag an. Ich machte 'gute Miene zum bösen Spiel'. Also ich stimmte dem Probearbeiten zu, tauchte dann aber nie wieder in dem Laden auf; ich spürte sofort, dass ich mit der Filialleiterin nur weiteren Ärger haben würde. 

Einzelhandelsfachfrau
Es folgte ein Vorstellungsgespräch im Gartencenter als Einzelhandelsfachfrau. Das Gespräch führte der Chef mit mir alleine, womit ich bisher die besseren Erfahrungen gemacht hatte. Auch hier sollte ich zur Probe arbeiten. In der Floristikabteilung erledigte ich Aufgaben im Hintergrund und auch im Lager hatte ich keine Probleme. Am Nachmittag nahm mich eine Mitarbeiterin dann allerdings mit in den Laden. Hier sortierten wir Übertöpfe in die Regale.

Keine schwierige Aufgabe, aber mitten in ihrer Erklärung wurden wir von Kunden unterbrochen. Die Mitarbeiterin sagte dann wortwörtlich zu mir: "Oh, da sind Kunden. Bitte entschuldige mich und warte hier, Sarinijha!" Ich blieb also an Ort und Stelle stehen und wartete, wie die Mitarbeiterin es mir gesagt hatte. Während sie ein Stück weit entfernt mit den Kunden sprach, blickte ich immer wieder in ihre Richtung. Ich wartete und wartete; es vergingen zehn Minuten und ich wurde langsam nervös. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Dann kam die Mitarbeiterin zurück und sagte: "Sarinijha, bitte folge mir".

Es wunderte mich, weil wir die Aufgabe mit den Töpfen noch nicht erledigt hatten. Dennoch folgte ich ihr und stellte die Anweisung nicht infrage. Wir kamen dann beim Gemeinschaftsraum an und ich wunderte mich noch mehr, denn ich hatte doch vor einer Stunde bereits eine Pause gemacht. Die Mitarbeiterin sah mich an und meinte: "Du kannst jetzt nach Hause gehen!" Weg war sie, ohne jegliche Erklärung. Ich stand da und wusste nicht, welchen Fehler ich begangen hatte. Sie hatte mir gesagt ich solle warten, ich hatte gewartet. Erst Jahre später verstand ich, dass das ein Test war und die Mitarbeiterin etwas anderes erwartet hatte. Ich sollte nicht warten, sondern eigenständig die Töpfe weiter in die Regale sortieren. Doch ich hatte sie beim Wort genommen.

Und dann?
Dann hatte ich eines Tages ein Vorstellungsgespräch in einer Produktionsgärtnerei. Das Gespräch verlief anders als all meine bisherigen Gespräche. Es war nämlich weniger ein Gespräch, als vielmehr ein Rundgang durch den Betrieb. Der Chef zeigte mir sämtliche Gewächshäuser und erklärte mir, welche Aufgaben anfielen. Er gab mir noch einen kurzen Test, den ich an Ort und Stelle sofort ausfüllte. Er war zufrieden mit dem Ergebnis. Auch hier sollte ich wieder ein Praktikum machen. Einmal bei ihm im Betrieb und einmal im Nachbarbetrieb. Ich war nervös und voller Sorge. Es kam jedoch komplett anders als erwartet.

Beide Betriebe waren komplett auf die Produktion ausgelegt, also keinerlei Kundenkontakt. Ich hatte immer mindestens einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin an meiner Seite. Mir wurden die Aufgaben bis ins kleinste Detail erklärt; anschließend führte ich sie mit dem jeweiligen Mitarbeiter aus. Niemand verlangte kommunikativ zu sein; es wurde nur erwartet, dass ich die Aufgaben sorgfältig erledige. Und das tat ich. Am Ende bekam ich die Ausbildungsstelle; aber das ist wieder eine andere lange Geschichte. Die Ausbildung führte mich am Ende auf jeden Fall noch zum Abitur und zum anschließenden Studium; und mittlerweile habe ich den Bachelor abgeschlossen und befinde mich im Master. Ich bin in einem wissenschaftlichen Bereich mit Marktforschung als Schwerpunkt meines Studiums.

Mittwoch, 26. April 2017

Wortmeldung in der Uni

Heute in der Uni habe ich einen kleinen Fortschritt gemacht, der mich jedoch viel Energie gekostet hat. Ich hatte eine Wortmeldung. Unser Professur stellte einige Fragen, zu denen ich allesamt eine Antwort hatte, die jedoch einer längeren Erklärung bedurft hätten. Zugegeben; heute hatten wir eines meiner Lieblingsthemen in der 'Vorlesung'. Richtige Vorlesungen haben wir jetzt im Master eigentlich nicht mehr; es sind mehr Diskussionsrunden mit längeren Erklärungen seitens der Dozenten. Ich komme aber vom Thema ab. Ich wollte die Fragen unbedingt beantworten, wusste aber, dass ich dermaßen lange Erklärungen nicht zustande bringen würde. Das ärgerte mich ungemein, weil halt ein für mich spannendes Thema behandelt wurde.

Dann kam der Moment. Der Professor stellte eine Frage, die eine einzige Antwort verlangte. Ich brauchte also nur ein einziges Wort. Als die Frage gestellt war, begannen meine Hände schon leicht zu zittern. Ich lauschte der Stille. Und wunderte mich, weshalb niemand eine Antwort gab. Ich lauschte und lauschte. Dann atmete ich einmal tief durch und gab die Antwort. Ich hörte meine Stimme wie durch Watte. Sie klang seltsam, fast etwas schwach. Im ersten Moment wusste ich nicht einmal, ob überhaupt jemand meine Antwort gehört hatte.

Dann nickte der Professur und für einen Augenblick schien es mir, als wüsste er selbst plötzlich auch nicht mit der Situation umzugehen. Ich mein, er weiß schließlich von meinem Nachteilsausgleich und er weiß auch, dass mir während der Vorlesung niemand Fragen stellen darf. Das gehört mit zu meinem Nachteilsausgleich. Ich darf natürlich trotzdem jederzeit Fragen stellen und Antworten geben, aber bisher habe ich davon keinen Gebrauch gemacht. In den Vorlesungen der letzten zwei Jahre war ich immer still, sagte kein Wort. Und jetzt hatte ich plötzlich in zwei nacheinanderfolgenden Vorlesungen gesprochen.

Ja, genau. Ich habe letzte Woche in der Vorlesung bereits etwas gesagt; wenn es auch keine Antwort zu einer Wissensfrage war. Als unser Profesor fragte, ob wir seine Beschreibung verstanden hatten, da meldete sich auch niemand, obwohl ich es aus allen Ecken tuscheln hörte. Ich nahm deswegen an, dass es meinen Kommilitonen wie mir erging: Mir waren seine Erklärungen zu schnell gewesen. Er sagte also: "Haben Sie noch Fragen? Wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist, dann melden Sie sich bitte. Ansonsten nehme ich an, dass sie den Stoff verstanden haben und gehe weiter". Auch dort habe ich zuerst auf die Stille gelauscht, ehe ich ohne Meldung einfach sagte: "Also mir persönlich war Ihre Erklärung zu schnell". Und dann wiederholte er den Stoff und ich verstand es plötzlich.

Heute schien er zunächst etwas irritiert. Meine Antwort war richtig und ich hätte sogar noch mehr sagen können, aber meine Hände zitterten und in meinem Kopf entstand das übliche Chaos. Ich konnte mich zehn Minuten nicht mehr richtig konzentrieren; und stellte nach der Vorlesung fest, dass ich in einem Overload steckte. Auf der Gassirunde genoss ich daher die Ruhe auf einer Parkbank, wickelte mir den Schal um die Nase und beobachtete das 'sich im Wind wiegende' Gras. Das beruhigte mich. Mir einen Schal, ein Tuch oder eine Wolldecke an die Nase zu legen, ist übrigens ein "Stimuli" von mir. Wenn ich durch den Stoff atme, hat das eine beruhigende und positive Auswirkung auf mich. Das war schon als Kind so, weswegen ich immer und überallhin meine kleine Kuscheldecke mitnehmen wollte.

Ich weiß; letzte Woche war es nur ein Satz, heute nur ein Wort. Aber das sind immerhin Fortschritte für mich. Mich sprachlich vor einer Gruppe zu äußern, kostet viel Energie, Überwindung und Mut.

Ehrlich gesagt überlege ich, ob ich mit dem Dozenten noch sprechen soll. Also 'unter vier Augen'. Ich glaube es könnte mir schon helfen, wenn er seine Fragen in der Vorlesung anders formuliert, beziehungsweise wenn er die Fragen ausformuliert. Ganz oft bin ich mir nämlich unsicher, ob ich seine Fragen richtig verstehe und gebe deswegen auch keine Wortmeldung. Erst bei den Antworten von Kommilitonen merke ich dann manchmal, auf welche Richtung er hinauswollte. Ich weiß allerdings nicht, ob das eine gute Idee ist?! Also mir würde es schon oft helfen, wenn er die Fragen etwas..."barrierefreier" gestalten würde. Ähnlich wie in schriftlichen Klausuren, wo sie vorher auch noch etwas ausformuliert werden.

Montag, 24. April 2017

Begrüßungen und Floskeln

Begrüßungen, Floskeln und das Ignorieren von Fragen. Das ist ein Thema, welches mir jetzt schon seit einigen Tagen im Kopf schwirrt. Grund dafür ist ein Beitrag auf Twitter. Dort wurde gefragt, weshalb manche Autisten nicht auf Fragen oder eine direkte Ansprache antworten, beziehungsweise keine Begrüßungen aussprechen. Ich habe mich davon angesprochen gefühlt, weil ich bis zum heutigen Tage immer noch Schwierigkeiten in dieser Richtung habe. Es war dann aber gar nicht so einfach, eine logische Erklärung für dieses Verhalten zu finden.

Tatsache ist zunächst einmal, dass ich vor allem als Kind damit entscheidende Probleme hatte. Ich erinnere mich noch gut an einen Vorfall aus dem Kinderhort, als ich neun oder zehn Jahre alt war. Es war ein sonniger Tag, weshalb ich mit dem Fahrrad unterwegs war. Nach der Schule machte ich mich auf den Weg zum Kindergarten. Dort gab es eine seperate Eingangstür für uns Hortkinder. Diese Eingangstür ließ sich von außen jedoch nicht öffnen, weshalb es eine Klingel gab. Meist kam dann eine Erzieherin, um die Türe zu öffnen, manchmal war aber auch eines der Kinder schneller.

An diesem Tag kam "Vici" zur Eingangstüre. Vici war eine Erzieherin, die mir fast täglich die Türe öffnete und mich begrüßte: "Guten Tag, Sarinijha". Einige Wochen akzeptierte sie mein Schweigen, bis zu diesem ganz bestimmten Tag. Ich schloss mein Fahrrad vor dem Hort ab, begab mich zur Tür und klingelte wie an jedem anderen Tag. Vici öffnete, begrüßte mich und versperrte mir dann den Weg mit den Worten: "Guten Tag, Sarinijha". Ich wollte an Vici vorbei, aber sie blieb im Weg stehen und wartete: "Sarinijha, ich möchte das Du mich ebenfalls begrüßt". Es gab keinen Weg an Vici vorbei. Mir kam dann allerdings eine Idee.

Ich drehte mich herum und rannte zum Haupteingang des Kindergartens. Als ich dort ankam, stand Vici allerdings bereits vor der Tür. Sie schüttelte den Kopf und sagte: "Sarinijha, bitte wünsche mir einfach einen guten Tag". Mit ihren Worten klang es wirklich einfach, aber aus meinem Mund kam weiterhin kein Gruß. Voller Verzweiflung ging ich zurück zu meinem Fahrrad und überlegte, wie ich mit der Situation umgehen könnte und was ich jetzt machen sollte. Ich wusste nur, dass Vici mich ohne Begrüßung nicht in den Hort ließ und ich zur gleichen Zeit aber keine Begrüßung aussprechen konnte. Folglich schloss ich mein Fahrrad wieder auf und fuhr nach Hause.

Es war zwar nicht weit vom Hort bis zu unserer damaligen Wohnung, aber ich hatte nicht bedacht, dass meine Mutter nicht zuhause war und ich auch hier vor einer verschlossenen Tür stehen würde. Ich setzte mich also auf die Treppe vor unserem Haus. Noch immer verstand ich nicht, weshalb Vici mich nicht in den Hort gelassen hatte. Ich verstand es einfach NICHT. Natürlich hatte ich begriffen, dass sie eine Begrüßung von mir haben wollte, aber ich verstand nicht, weshalb sie so viel Wert darauf legte. Es waren doch nur Worte. Worte, die aus meiner Sicht auch noch vollkommen unnötig waren. Diese Worte zu sagen waren eine zu große Hürde für mich; wie Energieverschwendung. Da ich Vici übrigens im letzten Jahr wiedergesehen habe, weiß ich, dass sie mich damals einfach für sturr hielt; wir haben über die Situation damals gesprochen und ich habe ihr erklärt was wirklich los war.

Noch schlimmer fand ich es nur, wenn fremde Menschen zu uns nach Hause kamen. Ich erinnere mich nicht, dass ich als Kind jemals einen Besucher begrüßt hätte. Ganz im Gegenteil. Sobald es an der Tür klingelte, verschwand ich auf dem schnellsten Weg in mein Zimmer. Hier lauschte ich dann an der Tür, ob der Besuch mir bekannt oder fremd war. War die Person bekannt, öffnete ich meine Tür und verließ mein Zimmer; allerdings ohne Begrüßung meinerseits. War die Person jedoch unbekannt, dann blieb ich in meinem Zimmer und hoffte, dass der Besuch nicht zu lange bei uns sein würde. Besucher waren für mich Eindringlinge in meinem sichersten Bereich. Meine Mutter erzählte dem Besuch stets, dass ich schüchtern sei und ich muss gestehen, dass das Wort zu meinem Hasswort wurde. Manchmal baute ich mir übrigens Höhlen in meinem Zimmer, so dass ich mich innerhalb meines Versteckes noch einmal verstecken konnte. Das gab mir mehr Sicherheit.

Meine erste 'erlernte' Floskel war "Danke". Das ist übrigens auch die einzige Floskel, die ich bis zum heutigen Tag noch am Besten von mir geben kann. Alles andere sprach ich als Kind kaum oder vielleicht sogar nicht aus. Also "Guten Tag", "Guten Abend" und "Gute Nacht" waren für mich ausgeschlossen, während ein "Hallo" vielleicht noch in Ordnung ging. Wobei ich damit nicht sagen möchte, dass ich einfach unfreundlich war und es nicht sagen wollte. Ich KONNTE nicht. Theoretisch natürlich schon, praktisch war das aber nicht der Fall. Vielleicht auch wegen des vorhandenen selektiven Mutismus.

Manchmal lag es aber auch einfach daran, dass ich die Worte der anderen Menschen nicht einmal mitbekommen habe. Ich weiß noch, wie im Hort einmal ein Mädchen zu mir kam und sagte: "Sarinijha, was war am Samstag mit dir los? Ich hab dich gesehen und nach dir gerufen, aber du hast gar nicht auf mich reagiert!" Ich konnte mich nicht erinnern, sie an dem Samstag gesehen oder gehört zu haben. Wenn meine Aufmerksamkeit auf irgendetwas Spannendes gerichtet war, ließ ich mich von keinem Menschen ablenken. Ich schätze das ist es, was einige in dem Beitrag bei Twitter als Hyperfokus bezeichnen.

Doch nicht immer war und ist so, dass mich eine interessante Sache ablenkt. Noch heute ist es leider der Fall, dass ich nur wenige Menschen begrüßen kann. Oft raubt mir solch eine Begrüßung einfach zu viel Energie, gerade bei fremden Menschen. Ich schätze, dass zum großen Teil einfach immer noch der selektive Mutismus hier 'an der Macht' ist. Ich weiß zwar, dass die Höflichkeit etwas anderes gebietet, aber bei fremden Menschen kostet mich die 'Überwindung' zu viel Kraft. Wenn das der Fall ist, versuche ich manchmal wenigstens zu lächeln oder mit dem Kopf zu nicken; doch auch diese Bewegungen sind oft noch zu kräfteraubend.

Das Gleiche gilt auch für diese ganzen Phrasen zu Feiertagen, also "Herzlichen Glückwunsch", "Frohe Weihnachten" und "Frohes neues Jahr" beispielsweise. Zu Weihnachten kam es daher auch vor, dass mir meine Eltern ein 'Frohes Weihnachten' auf mein Handy schickten und ich ihnen mit einem Bild antwortete. Was seltsamerweise funktioniert, während es mir in den meisten Fällen nach wie vor nicht über die Lippen kommt.

Auch auf Fragen gebe ich nicht immer eine Antwort, was manche Menschen auch sehr aufregen kann. Das ist meist aber keine böse Absicht. Entweder ich höre die Frage nicht oder manchmal höre ich die Frage auch, aber hab nicht sofort eine Antwort parat. Ich könnte natürlich einfach sagen: "Entschuldige, da hab ich grad keine Antwort. Ich muss darüber nochmal nachdenken!" Aber oft bin ich dann so in Gedanken, dass ich diese einfache Antwort auch schon mal vergesse.

Samstag, 22. April 2017

Essensgewohnheiten

Mir ist heute wieder extrem aufgefallen, dass ich beim Thema Essen schon immer meine Regeln hatte und diese Regeln sich teilweise noch bis zum heutigen Tag nicht geändert haben. Als Kind war ich eine "schwierige Esserin", so zumindest drückten die Erwachsenen es damals aus. Essen an sich war früher schon eine lästige Angelegenheit für mich, der ich am liebsten aus dem Weg gegangen wäre. Viele Lebensmittel wollte ich nicht essen und zwar aus den verschiedensten Gründen. Ich mochte ihren Geschmack nicht, ihre Konsistenz oder aber sie waren zu einem bunten Haufen gemischt.

Es war für mich an der Tagesordnung, dass ich die Lebensmittel auf meinem Teller nacheinander gegessen habe. Gab es zum Beispiel ein Reisgericht mit Karotten, Erbsen und Hühnchenfleisch, so wurde das Gericht von mir nicht gemischt gegessen, sondern jede Zutat für sich. Und auch dort gab es keine Mischung, sondern eine Zutat wurde erst einmal komplett aus dem Gericht weggegessen, ehe die nächste Zutat folgte. Im Falle des Reisgerichts sah das dann so aus, dass ich erst die Karotten aß, dann die Erbsen, anschließend den Reis und zum Schluss das Hühnchenfleisch. Diese Auswahl traf ich nicht wahllos, sondern nach meinem ganz persönlichen Geschmack. Die für mich am wenigsten leckere Zutat wurde zuerst gegessen, hier also die Karotten, und die für mich leckerste Zutat zum Schluss, in diesem Fall das Hähnchenfleisch.

Es gab Erwachsene, die mein Verhalten vor allem deswegen seltsam fanden, weil sie die Reihenfolge nicht verstanden. Bleibe ich bei dem oben genannten Reisgericht, so fragten mich zum Beispiel die Erzieher aus dem Kinderhort: "Sarinijha, magst Du das Hähnchenfleisch nicht?" Und ich antwortete: "Doch, ich esse das Hähnchenfleisch am liebsten". Daraufhin antworteten sie: "Ich würde das anders machen. Die leckerste Zutat würde ich zuerst essen, denn wenn du keinen Hunger mehr hast, bleibt die weniger leckere Zutat auf dem Teller liegen". Wenn ich jedoch alles aufessen wollte, ergab diese Methode keinen Sinn. Ich aß das weniger leckere schließlich zuerst, damit ich mich am Ende auf das Leckerste freuen konnte. Quasi nach dem Motto: Das Beste kommt zum Schluss.

Lebensmittel, die ich nicht mochte, durfte ich im Normalfall sowieso nicht essen. Wurde ich zum Essen gezwungen, musste ich mich oft wenige Stunden später bereits übergeben. So gab es im Kinderhort einmal Blattsalat. Blattsalat aß ich an sich gerne, aber ich reagiere allergisch auf das Chlorophyll im ungekochten Zustand. Eine Erzieherin aus dem Hort zwang mich den Salat dennoch zu essen, so dass meine Mutter abends dann zuhause 'die Bescherung' hatte. Doch nicht nur mit Salat ging es mir so, sondern mit allen Lebensmittel, die ein Erwachsener mir aufzwang. Magenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen waren daher häufige Symptome in meiner Kindheit.

Als Kleinkind scheiterte schon mein leiblicher Vater an meinem Essverhalten. Dieser ließ mich nämlich gerne stundenlang am Tisch sitzen, mit den Worten: "Du darfst erst aufstehen, Sarinijha, wenn dein Teller leer gegessen ist". Ich weiß noch, wie ich dort Stunde um Stunde am Tisch saß und das Essen auf meinem Teller herumschob. Gegessen habe ich es nicht; wäre es nach mir gegangen, ich hätte eher zehn Tage am Stück dort gesessen als auch nur ein weiteres Stück zu essen.

Als Jugendliche aß ich dann nur noch, was ich auch wirklich essen wollte; meine Ernährung war damals vermutlich nicht gerade die Beste. Ich verabscheute noch etliche Jahre lang viele Gemüsesorten, weil ich sie als Kind zwanghaft essen musste. Zudem wurde Essen für mich zur Quelle der Sicherheit. Ich aß immer noch keine Unmengen, aber oft gab es bei mir tagtäglich die gleichen Mahlzeiten. So aß ich einmal ganze sechs Wochen am Stück jeden Mittag meine Spaghetti mit Tomatensauce. Diese Art der Routine war für mich eine Erleichterung.

Und ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich noch heute manchmal in dieses Verhalten zurückfalle. Vor allem in Klausurphasen oder zu anderen stressigen Zeiten, esse ich oft jeden Tag die gleichen Lebensmittel. Das ist keine Essstörung. Es liegt einfach daran, dass das Essen auf mich wie eine Reizüberflutung wirkt. Wenn ich jeden Tag das Gleiche esse, halte ich die Reize gering. In stressigen Zeiten wirken schon genug andere Reize auf mich ein, so dass ich diese Belastung nicht auch noch in meiner Ernährung ertragen kann. Gesund ist vermutlich anders, aber für mich wird das quasi zur Überlebensstrategie. Von Tag zu Tag die gleichen Lebensmittel zu essen gibt mir dann ein Gefühl von Sicherheit.

Das war schon in der Grundschule wichtig für mich. Der Klassenraum und Schulhof waren schon genug Reizüberflutung, so dass das Frühstück zumindest eine sichere Routine sein musste. Ich aß tagtäglich in jeder Pause mein Toastbrot mit Salami. Und ich weiß noch sehr genau, als meine Mutter einmal keine Salami hatte und ich in der Pause ein Toast mit Schokoaufstrich auspackte. Das war eine Katastrophe. Zumal sie mich auf diese 'Überraschung' nicht vorbereitet hatte. An diesem Schultag aß ich dann also gar nichts zum Frühstück, mein Tag war hinüber. Zuhause konnte meine Mutter nicht verstehen, dass ich das Toast nicht angerührt hatte.

Sie versteht auch heute noch nicht wirklich, dass es beim Essen einfach Regeln gibt. Wie als sie neulich den Zucker an den Spargel machte und ich aufgrund meines sowieso schon schlechten Zustands daraufhin eine halbe Stunde allein in meinem Zimmer sein musste. Für mich gehört an den Spargel kein Zucker. Deswegen bin ich was das Thema Essen betrifft lieber an meinem Studienort. Hier kann ich alles nach meinem Geschmack und Gedenken zubereiten.

Mittlerweile esse ich auch gerne Gemüse. Und ich schaffe es auch etwas Gemischtes zu essen, wobei ich nicht bestreiten möchte, dass das auf meinen Zustand und das Gericht ankommt. Macht meine Mutter beispielsweise Eintopf aus Stangenbohnen, Karotten und Kartoffeln, so neige ich noch immer zu meinen ursprünglichen Verhaltensweisen. Zuerst werden die Karotten gegessen, dann die Bohnen und zum Schluss die Kartoffeln. Und vor einigen Monaten sagte meine Mutter wieder: "Wenn du die Karotten so gerne isst, dann hol dir doch noch welche aus dem Topf". Wo ich dann erneut erklären musste, dass ich mir das Leckerste zum Schluss bewahre.

Ich habe auch manchmal das Gefühl, dass ich mich erklären und rechtfertigen muss, obwohl doch letzt endlich jeder Mensch für sich selbst entscheiden muss. So war ich im letzten Jahr mit zwei ganz lieben Mädels in Hamburg, wo ich immer eine ganz bestimmte Gemüsetasche aus einem ganz bestimmten Laden essen wollte. Das gab mir in der fremden Umgebung einfach Sicherheit. Eine der beiden Mädels sagte dann aber: "Die Macht der Gewohnheit"; und ich fühlte mich von dieser Aussage erwischt und angegriffen. Und ich traute mich danach auch nicht mehr zu sagen, dass ich nur diese Gemüsetasche essen wollte und nichts anderes. Die beiden Mädels hätten das sicher akzeptiert und es wäre ja auch mein gutes Recht gewesen, aber so eine winzige (gar nicht böse gemeinte und unbedachte) Aussage verwirrte mich.

Bis zum heutigen Tag darf ich auch nichts essen, was nicht meinem Geschmack entspricht; denn noch immer hätte ich sofort mit Übelkeit und Erbrechen zu kämpfen. Wenn ich also irgendwo zu Besuch bin und alles aufgegessen habe, bedeutet es in meinem Fall tatsächlich, dass mir das Essen geschmeckt hat.

Freitag, 21. April 2017

Mobbing

Mobbing ist aus meiner Sicht ein sehr sensibles und heikles Thema. An sich würde ich sagen, dass ich meine Vergangenheit dahingehend verarbeitet habe. Trotzdem löst allein das Wort in mir sehr viele negative Gefühle aus. Und für mich ist es einfach Tatsache, dass die Folgen des Mobbings für Jahre und Jahrzehnte bleiben (können). Vor kurzem sagte ich einem Menschen, dass ich in meiner Vergangenheit gemobbt wurde und bekam daraufhin eine seltsame Antwort. Sie lautete: "Ach, im Grunde genommen wurde jeder Mensch irgendwann in seinem Leben gemobbt". Vermutlich entspricht das nahezu der Wahrheit, aber dieser Satz machte auf mich den Eindruck, als wäre Mobbing nur halb so schlimm und kein großes Problem. Ich sehe das anders, denn aus meiner Sicht ist Mobbing kein Kavaliersdelikt. Es klingt vielleicht überspitzt, nahezu übertrieben, aber ich wäre als Jugendliche fast am Mobbing gestorben.

Dabei spielte Mobbing bereits eine Rolle in meinem Leben, als ich noch nicht einmal in der Lage gewesen wäre, dieses Wort überhaupt zu schreiben. Im Kindergarten hörte ich erwachsene Menschen sagen: "Wenn dich jemand ärgert oder hänselt, dann ignorier die Person einfach. Nichts wird die Person mehr verärgern als deine Ignoranz und dein Schweigen". Viele Jahre später verstand ich, dass die Kindergärtner damit vermutlich nur Gewaltausbrüche verhindern wollten; in mir setzte sich diese Aussage allerdings fest. Ich dachte damals, dass das ein weiser und guter Ratschlag von den Erwachsenen sei. Und ich hielt mich an diese Regel.

Im ersten Schuljahr der Grundschule machte ich dann meine ersten Erfahrungen mit Mobbing. Ich wurde von zwei Mitschülern verfolgt, geschubst und getreten. Das Mädchen kam morgens auf dem Schulhof häufiger zu mir und versprach, dass sie meine beste Freundin sein und mich beschützen würde. Ich glaubte ihr ehrlich gesagt immer wieder und wieder. Dabei fand ich einfach keinen Zusammenhang zwischen den Situationen. Nach Schulschluss liefen wir dann gemeinsam auf dem Gehweg. Ich glaubte, dass sie nun endlich meine Freundin sei und vertraute ihr. Doch ehrlich gesagt wurde ich jedes Mal enttäuscht. Sie packte mich immer irgendwann am Arm und rief nach ihrem Kumpel. Der tauchte auf einmal hinter uns auf, hielt mich nun gleichfalls fest und schubste mich in Dornengebüsche oder trat nach mir. Auf diese Weise lernte ich zu rennen. Sobald sie mich auch nur für einen Moment losließen, rannte ich den restlichen Weg bis zum Kinderhort ohne Pause.

Ich versuchte die Situation zu ignorieren und schwieg, aber das machte die Angelegenheit nicht besser. Es wurde meinen zwei Mitschüler auch nie langweilig mich zu verfolgen. Ich glaubte dem Mädchen wieder und wieder, wenn sie versprach, dass sie fortan meine beste Freundin sein würde. Damals fand ich keinen Zusammenhang zwischen den Situationen. Ich erkannte ihre Lügen nicht, sondern glaubte ihren Worten. Wochenlang sagte ich niemandem ein Wort. Die Schikanen hörten schlagartig auf, als das Mädchen von der Schule genommen wurde. Ich hatte eine Weile meine Ruhe, aber irgendwann verfolgte mich der Junge erneut. Dann begann er Sachen aus meiner Schultasche zu stehlen. Abends fragte mich meine Mutter, wo mein Hausaufgabenheft sei und ich erzählte, dass der Junge es gestohlen hatte. Meine Mutter widerrum rief sofort meine Grundschullehrerin an, so dass der Junge fortan nach dem Unterricht noch fünfzehn Minuten im Klassenzimmer verbleiben musste und ich in Ruhe verschwinden konnte.

Nach der Grundschule wechselte ich auf eine weiterführende Schule. Mein Leben wurde hier sehr chaotisch, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Zumindest meine Mitschüler ließen mich in Ruhe; einmal wurde ich sogar zu einen Geburtstag eingeladen. Als ich im sechsten Schuljahr war, zogen meine Eltern und ich jedoch in die Nachbarstadt und somit wechselte ich erneut die Schule. Hier war ich also mittem im Schuljahr die "Neue". Eine Mitschülerin konnte mich vom ersten Tag an nicht leiden, so dass die Schikanen nach kürzester Zeit bereits begannen. Sie lief in den kurzen Pausen zwischen den Unterrichtseinheiten häufig an meinem Tisch vorbei, rümpfte die Nase und schrie dann quer durch den Klassenraum: "Ihhh! Hier stinkt es! Das ist ja ekelhaft!" Ich versuchte wirklich sie zu ignorieren und hoffte, dass es ihr langweilig und sie mit den Sprüchen aufhören würde. Stattdessen überlegte sie sich immer neue Gehässigkeiten. Nach einer Weile nannten mich alle in der Klasse nur noch "Stille Quelle" und lachte über mein Schweigen.

Irgendwann bemerkten meine Eltern, dass meine Stimmung sich veränderte. Erneut brach ich das Schweigen und erzählte ihnen von dem tagtäglichen Mobbing. Ich hatte damals zwei Klassenlehrer, die gemeinsam mit dem Direktor über die Vorfällte unterrichtet wurden. Und dann stand meine Klassenlehrerin eines Tages vorne an der Tafel und beteiligte sich am Mobbing. Sie malte Kreise auf die Tafel. Auf die linke Seite der Tafel malte sie viele kleine Kreise und sagte: "Das hier ist die gesamte Klasse". Auf die rechte Seite der Tafel malte sie einen mittelgroßen Kreis und meinte daraufhin: "Das hier ist Sarinijha". Ich zitterte auf einmal am ganzen Körper. Sie fuhr mit ihrer Geschichte fort: "Sarinijha sagt, dass die gesamte Klasse etwas gegen sie hat. Das ist jedoch eine Lüge! In Wahrheit steht Sarinijha hier ganz alleine und hat etwas gegen die Klasse, also gegen Euch alle. Und dieses Verhalten ist einfach nur asozial!" Ich wollte aus dem Klassenzimmer fliehen, aber stattdessen saß ich steif und bewegungsunfähig auf meinem Stuhl.

Ich schwieg wie an jedem anderen Tag, doch als meine Klassenlehrerin diese Worte aussprach, da glaubte ich eine einzige Sache begriffen zu haben: Ich war Schuld. Ich war Schuld, ich hatte das Mobbing verdient,  ich war ein falscher Mensch. Diese Erkenntnis 'brannte' sich in meinen Kopf. Wenn selbst eine Lehrerin das Wort gegen mich richtete, dann konnten all die Gemeinheiten und Schikanen gegen mich nur gerechtfertigt sein. Ich war vierzehn Jahre alt, als ich eine schwere Depression aufgrund von Mobbing entwickelte. Und daraus entstand mein Selbsthass und folglich auch meine Selbstverletzung. Vielleicht war es unter diesen Umständen gar nicht mehr verwunderlich, dass ich die Diagnose Borderline Persönlichkeitsstörung erhielt, aber die Angelegenheit war weitaus komplizierter. Als Autistin mit selektivem und teilweise totalem Mutismus geriet ich in eine Spirale aus Mobbing, die in mir viele chaotische Gefühle auslöste. Ich wurde aufgrund des Mobbings krank.

Seitdem sind Jahre vergangen, aber ich zehre noch heute an den Folgen. Den Selbsthass und die Selbstverletzung habe ich lange hinter mir gelassen, aber die Narben bleiben. Noch heute mache ich mir sehr, sehr viele Gedanken und Sorgen. Mir fehlt noch immer oft das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Es ist ein sehr langsamer Prozess sie zurück zu erhalten. Mobbing ist kein Kavaliersdelikt. Es hätte mich fast mein Leben gekostet. Deswegen ist es mir wichtig, dass Mobbing ernst genommen wird. Nicht die Opfer tragen die Schuld. Nicht die Opfer müssen sich verändern.

Und trotzdem möchte ich noch mit einer kleinen Anekdote abschließen, um diesen Blogeintrag positiv zu verlassen. Es geht um mein studentisches Praktikum im letzten Jahr. Ich hatte zwar einige Kollegen, aber "in meinem Bereich" gab es vor allem eine einzige Kollegin, mit der ich sehr oft gemeinsame Arbeiten ausführen musste. Schon nach kürzester Zeit habe ich erfahren, dass diese Frau einem gerne ins Gesicht lächelt und Lob ausspricht, zu anderen Kollegen dann aber genau das Gegenteil erzählt und lästert. Eines Tages gab sie mir einen Arbeitsauftrag. Sie war nicht zufrieden mit mir, obwohl ich die Aufgabe gut gelöst hatte; nur halt auf meine Art und Weise. Sie meckerte auf einmal los: "Ich hatte doch genau das Gegenteil gesagt, aber scheinbar hörst du einfach nicht zu". Ich wurde in dem Moment richtig wütend. Die Tage zuvor hatte ich einige Male geschwiegen, aber auf einmal hatte ich wirklich genug von ihren blöden Aussagen und meinte: "Was ist dein Prolem? Der Arbeitsauftrag ist erledigt, oder? Wenn du es anders haben möchtest, dann musst du es beim nächsten Mal halt genauer erklären". Ohje! Innerlich machte ich mich auf alles gefasst. Aber auf einmal wurde sie richtig 'kleinlaut': "Oh, nein, nein. Du warst gar nicht gemeint. Ich ärgere mich über das Regal hier". Ihre Aussage ergab überhaupt keinen Sinn, aber sie hatte scheinbar nicht mit Widerworten gerechnet und suchte nach Ausflüchten. Für mich war das eine Genugtuung.

Donnerstag, 20. April 2017

Fehldiagnose "Borderline"

Heute habe ich in einem Blog gelesen, dass autistische Menschen gehäuft die Fehldiagnose "Borderline Persönlichkeitsstörung" erhalten. Bei dem Abschnitt musste ich stocken und die Zeilen mehrfach lesen, ehe die Worte sich endlich einen Weg in mein Bewusstsein bahnten. Bisher habe ich nicht bewusst wahrgenommen, dass es auch andere Menschen gibt, die vor der Diagnose Autismus die Diagnose Borderline erhielten. Bei mir war das tatsächlich der Fall.

Zur kurzen Übersicht meiner Diagnosen:
2002 (Selektiver Mutismus)
2004 (Borderline Persönlichkeitsstörung)
2010 (Asperger Syndrom)

So ein Aha-Erlebnis hatte ich schon einmal, als ich in einem Buch darüber las, dass der selektive Mutismus ein Symptom vom Autismus sein kann. Ausschlaggebend für die Diagnose Borderline waren für meine damalige Therapeutin die Symptome der Selbstverletzung, Dissoziationen und depressive Verstimmungen. Seltsam war schon damals für mich, dass meine Therapeutin sehrwohl Zweifel zu haben schien. Sie sagte in zwei zeitlich voneinander getrennten Sitzungen zu mir: "Vieles deutet auf Borderline hin, aber viele Begebenheiten sprechen auch dagegen". Nichtsdestotrotz war sie nicht abgeneigt, die Diagnose dann trotzdem schriftlich festzuhalten. Verstanden habe ich das damals nicht, denn ich konnte mich nie mit der Diagnose Borderline identifizieren.

Obwohl ich meine damalige Therapeutin mochte, erscheint mir die Therapie aus heutiger Sicht eher verquer. Ich weiß noch wie ich meiner Therapeutin von der Diagnose Mutismus erzählte, die ich in der Jugendpsychiatrie erhalten hatte. Meine Therapeutin verneinte diese Diagnose. Sie erzählte mir von einer anderen Patientin mit selektivem Mutismus, um mir zu zeigen, dass dieses Mädchen sich von mir unterschied. Damit erreichte sie aber nur das Gegenteil. Ihre Beschreibung von dem Mädchen passte auch perfekt auf mein Schweigen. Sie berichtete auch von dem Mädchen, dass diese sich nicht einmal äußern konnte, wenn sie dringend zur Toilette musste. Auch diese Situation passte auf mein Leben, denn in der Grundschule harrte ich oft bis zur Pause aus, um dann schnellstmöglich zur Schultoilette zu flitzen. Ich konnte mich einfach nicht melden und darum bitten, den Klassenraum verlassen zu dürfen. Es hätte Worte gebraucht, gesprochene Worte. Dazu war ich nicht in der Lage.

Damals habe ich viel über die Borderline Persönlichkeitsstörung gelesen. Ich besuchte sogar eine Selbsthilfegruppe mit Betroffenen, aber ich fand nur wenige Gemeinsamkeiten mit den Menschen in der Gruppe. Hier erfuhr ich auch schnell, dass Ärzte und Therapeuten bei "Selbstverletzendem Verhalten" gerne die Diagnose Borderline stellen. Aus meiner Sicht ist das fatal. Es gibt Menschen, die sich selbst verletzten und keine Persönlichkeitsstörung haben. Und es gibt im umgekehrten Fall auch Menschen mit der Persönlichkeitsstörung, bei denen keine Selbstverletzung vorliegt.

Als ich dann im Diagnoseverfahren bezüglich des Autismus steckte, erzählte ich auch von meinen bisherigen Diagnosen: Sozialphobie, Angststörung und Borderline Persönlichkeitsstörung. Ich berichtete, dass ich mich in den jeweiligen Selbsthilfegruppen aber nie wohl gefühlt hätte, weil ich mich zu sehr von den Menschen dort unterschied. An einem Tag nickte der Arzt dann und sagte, dass das kein Wunder sei. Er empfahl mir eine Selbsthilfegruppe mit Asperger Autisten. Ich hatte Zweifel, aber er erklärte, dass ich jetzt bei der richtigen Diagnose angekommen sei und mir der Kontakt zu anderen Betroffenen helfen könnte. Es versprach mir, dass ich überrascht sein würde. Tatsächlich besuchte ich die Selbsthilfegruppe auch einige Wochen lang und der Arzt hatte nicht zu viel versprochen; zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich "angekommen". Es gab in dieser 'großen weiten Welt' tatsächlich Menschen, die ähnliche Probleme hatten wie ich.

Es klingt vielleicht seltsam, aber diesen "Überraschungsmoment" habe ich nie überwunden. Wann immer bei Twitter jemand über seine Erfahrungen schreibt und ich mich wiedererkenne, überkommt mich so ein leichter "Schauer" und ich fühle mich tatsächlich für einen Augenblick weniger allein. Das Gleiche gilt natürlich auch für Bücher, Interviews und Artikel. Ich weiß längst, dass ich mit meinem "Verhalten" nicht alleine bin, aber trotzdem ist jeder Bericht "Balsam für meine Seele". Ich glaube das liegt einfach daran, dass ich mich mehr als zwei Jahrzehnte sehr einsam und außerirdisch gefühlt habe. Und ja; es hat mich heute tatsächlich beruhigt zu lesen, dass ich nicht allein bin mit der Erstdiagnose Borderline. Es beruhigt mich, aber zur gleichen Zeit erschreckt es mich auch.

Mittwoch, 19. April 2017

Gedanken zum Thema "Outing"

In den letzten Wochen denke ich immer häufiger über ein mögliches "Outing" nach, aber zu einer wirklichen Lösung bin ich bisher nicht gekommen. In mir befindet sich einfach dieser Zwiespalt. Einerseits denke ich, dass meine Diagnose nicht für jeden Menschen bestimmt ist. Letzt endlich werde ich auch kein anderer Mensch dadurch, dass die Leute über meinen Autismus bescheid wissen. Ein Outing erfordert auch Selbstbewusstsein, Mut und Kraft. Das habe ich schon erlebt, als ich mir vertrauten Menschen von der Diagnose erzählt habe.

Zuletzt habe ich einem Kommilitonen anvertraut, dass ich Autistin bin und habe mal wieder einen Standardsatz zu hören bekommen: "Respekt! Das sieht man dir gar nicht an!" Er meinte es ganz und gar nicht böse, aber dieser Satz vermittelt mir immer ein ganz seltsames Gefühl. So, als wäre der Autismus nur halb so schlimm und ich würde ein viel zu großes Drama darum machen. Ich möchte keine Aufmerksamkeit aufgrund meiner Behinderung, sondern einfach nur Verständnis. Manchmal noch nicht einmal Verständnis. Manchmal möchte ich einfach nur Aufklärungsarbeit leisten und den Menschen einen "Zugang" zu mir öffnen, also Vertrauen aufbauen und Ehrlichkeit zeigen. Ich möchte dann nicht das Gefühl haben, dass ich um Aufmerksamkeit ringe oder die Leute mit meinem 'Outing' nerve.

Auf der anderen Seite denke ich halt immer wieder, dass ein Outing auch positive Dinge bewirken kann. Wenn autistische Menschen sich outen, könnte das Thema Autismus 'sensibilisiert' werden. Außerdem sehe ich auch nicht ein, weshalb ich mich für den Autismus schämen oder mich verstecken sollte. Denn wie ich bereits schrieb: Ich bin durch ein Outing doch nicht plötzlich ein anderer Mensch. Schwierig ist es dennoch. Für mich vor allem deswegen, weil ich nicht gerade das beste Selbstbewusstsein habe und es verabscheue, wenn andere Menschen mich in Schubladen stecken oder plötzlich "falsche Rücksichtsnahme" verüben.

Ganz aktuell ist das Thema Outing für mich im Moment, weil ich jetzt im Mai gerne eine mündliche Prüfung in der Uni ablegen möchte. Ich habe noch immer einen Nachteilsausgleich und kann daher die mündlichen Prüfungen als schriftliche Klausuren ablegen, aber dennoch möchte ich es gerne mit einer mündlichen Prüfung versuchen. Natürlich habe ich mich auch schon gefragt, wieso ich mir "diesen Stress" eigentlich machen möchte. Es ist doch viel einfacher, wenn ich einfach wieder eine schriftliche Klausur ablege. Trotzdem habe ich derzeit diese innere Motivation. Es ist leichter alles nach den gewohnten Mustern zu machen, keine Frage. Gleichzeitig mag ich einfach probieren, ob mir eine mündliche Prüfung nicht doch möglich ist und vielleicht sogar den besseren Weg darstellt. Ich kann das wohl kaum beurteilen, ohne wenigstens den Versuch gestartet zu haben.

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Ich weiß aus der Vergangenheit, dass ich bei mündlichen Prüfungen nicht gut funktioniere. Ein Grund ist mein vorhandener Mutismus. In schwierigen Situationen neige ich zur vollkommenen Verstummung. Es ist anderen Menschen dann nicht möglich, mich aus dem Schweigen zu befreien. In der Vergangenheit war oft sogar das Gegenteil der Fall. Je mehr andere Menschen versuchen mich aus dem Mutismus zu befreien, desto tiefer sinke ich in die Verstummung ab. Dann kann es passieren, dass mich die Situationen so sehr belastet, dass ich in einem Shutdown ende und nicht mal mehr in der Lage dazu bin, mich oder ein Körperteil zu bewegen. Und ich weiß, wie 'verstörend' ich dann auf andere Menschen wirke.

Während der mündlichen Prüfung werde ich den zwei Prüfern auch nicht in die Augen sehen können. Jeglicher Augenkontakt führt in solch einer Situation für mich zu Blackouts. Um mich auf die Prüfung und die Inhalte konzentrieren zu können, muss ich auf eine möglichst reizarme Oberfläche sehen. Selbst in schriftlichen Klausuren habe ich oft das Problem, dass jegliche Reize mich von der Prüfung ablenken. Ein runterfallender Stift, das Rascheln von Papier, ein vorbeifliegender Vogel, das Räuspern der Aufsichtsperson, ein hupendes Auto; um nur einige Beispiele zu nennen. In einer mündlichen Prüfung reagiere ich allerdings noch sensibler, weil die Situation an sich für mich einen höheren Stressfaktor ausmacht. Augenkontakt sorgt jedoch dafür, dass das Gelernte sich für den Moment aus einem Kopf radiert.

Schlussendlich denke ich dann noch über ein Outing nach, weil ich bei einer mündlichen Prüfung definitiv auch noch sogenanntes "Stimming" brauche. Diesen Punkt werde ich bei diesem Stresspegel sicherlich nicht vermeiden können. Bei schriftlichen Klausuren, bei Gesprächen und während der Vorlesungen kann ich es gut verstecken. Ich habe halt unauffällige Methoden, wie das Verdrehen meiner Finger, ein Haargummi aus diesem Telefonkabelmaterial, einen Noppenball oder dieses Spielzeug, das sich auch zum Fingertraining eignet. In weniger stressigen Momenten habe ich das ganz gut im Griff und versuche unauffällig zu sein. Eine mündliche Prüfung wird aber stressig und ich befürchte, dass ich das Stimming nicht mehr ganz so gut unter Kontrolle haben werde.

Alles in allem werde ich bei der mündlichen Prüfung also nicht verstecken können, dass bei mir eine Behinderung vorliegt und ich alternative Methoden brauche. Ich mein, die Dozenten wissen ja sowieso schon von dem Nachteilsausgleich und das bei mir Probleme vorliegen, also eine große Überraschung wird das unter diesen Umständen wohl kaum sein. Wobei ich bisher nur mit einer einzigen Dozentin gesprochen habe; also ich werde mit ihr gemeinsam im Mai erstmal schauen, ob und wie eine mündliche Prüfung für mich in Frage kommt.

Heute Mittag habe ich erst mit der Dozentin gesprochen. Sie war auf jeden Fall sehr lieb und sagte, dass ich mir keinen Stress machen soll und wir zur Not immer noch auf eine schriftliche Klausur übergehen können. Natürlich mache ich mir trotzdem Stress. Leider bin ich einfach so, denn ich kann die Gedanken und Überlegungen nicht ausstellen. Leider hat die Dozentin heute auch einige Dinge gesagt, deren Formulierung ich nicht so toll fand; allerdings kann ich ihr kaum einen Vorwurf machen, da sie die genaue Diagnose nicht weiß. Ich vermute derzeit, dass sie es für Prüfungsangst hält oder eine Art von Sozialphobie vermutet. Gerade das lässt mich aber wieder vermehrt über ein Outing nachdenken; vielleicht auch, damit ich die "richtige" Hilfe erhalte.

Es sind einfach viele Gedanken und Überlegungen. Letzt endlich werde ich selbst eine Entscheidung treffen müssen, aber diese Entscheidung ist gar nicht so einfach.

Montag, 17. April 2017

Grenzen der Belastbarkeit

In den letzten Tagen befinde ich mich in einer Spirale aus Sensibilität, Verzweiflung und chaotischen Gefühlen. Sämtliche Aussagen, Kommentare und Handlungen gehen mir im Moment sehr an die Substanz. Unabhängig davon, ob sie nun in der Realität ausgesprochen und ausgeführt wurden oder mir im Internet begegneten. Ich lege sprichwörtlich alles auf die Goldwaage und merke, dass meine seelische und körperliche Belastbarkeit rapide abgenommen hat.

Allein die Zugfahrt von meinem Studienort in meine Heimat war eine Tortur. Nach kürzester Zeit konnte ich kein Wort mehr sprechen, jegliche Gespräche und Geräusche in den Zügen fühlten sich in meinem Kopf furchtbar an. Eine Frau sprach mich im Zug an, die ich zum Glück mit Hilfe von Gebärdensprache von mir fern halten konnte. Ich war einfach nicht mehr in der Lage, auch nur ein einziges Wort zu sprechen. In meinem Abteil waren ständig Menschen, die zahlreiche Geräusche machten. Ob es nun das Schreien der Kinder war, die Gespräche einiger junger Leute oder eine Großfamilie, die eine Packung Kaugummis unter sich aufteilte und diese voller Genuss schmatzte. Jeder andere Mensch wäre einfach aus dem Abteil geflohen, hätte sich vermutlich nach einem ruhigeren Ort umgesehen. Ich hingegen konnte mich einfach nicht mehr bewegen. Es dauerte zahlreiche Minuten, ehe ich überhaupt in der Lage war mein Mobiltelefon zur Hand zu nehmen. Diese winzige Bewegung bedeutete für mich bereits eine enorme Anstrengung. Ich wollte gerne das Abteil wechseln, aber mein Körper fühlte sich starr an.

Auch in meiner Heimat brauchte es nur Kleinigkeiten, um mich in Verzweiflung zu stürzen. Als meine Mutter zum Beispiel Zucker an den Spargel machte, brauchte ich eine Stunde allein in meinem Zimmer, um über diese Tatsache hinweg zu kommen. Ich mache nie Zucker an den Spargel, also bedeutete diese "winzige Kleinigkeit" bereits eine Katastrophe für mich. Eine Veränderung, mit der ich in diesem Augenblick nicht umgehen konnte. An anderen Tagen bin ich bereits toleranter, aber in den letzten Tagen falle ich viel in 'alte Muster' zurück. Wobei das vielleicht der falsche Ausdruck ist. Ich falle weniger in alte Muster zurück, als dass ich vermehrt wieder Sicherheit und Routine brauche. Es ist derzeit einfach besser, wenn alles nach den gewohnten Mustern verläuft.

Das hat mir viele Gedanken gemacht. Ich musste tief in mein Unterbewusstsein abtauchen um zu erfahren, weswegen Routine und Gewohnheit wieder an Bedeutung für mich gewonnen haben. Dann erkannte ich, dass mein Studium der Grund dafür ist. Am Anfang fühlte ich mich im Masterstudiengang sehr wohl; ich hatte Motivation und freute mich auf die neuen Lerninhalte. Ich war sogar motiviert genug um mir zu sagen, dass ich den Master ohne Nachteilsausgleich versuche. In weiser Voraussicht kümmerte ich mich trotzdem darum, dass der Nachteilsausgleich noch aktuell bleibt und ich ihn im Notfall nutzen kann. Das war vermutlich eine gute Entscheidung.

Zum jetzigen Zeitpunkt fühle ich mich einfach nur voller Selbstzweifel. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr, ob der Masterstudiengang die richtige Entscheidung war. Es erwarten mich viele Aufgaben, die mir im Moment einfach nur Angst machen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich diese Aufgaben bewältigen soll.

Jetzt im Master haben wir kaum noch Vorlesungen. Wir lernen nicht mehr einfach den Stoff aus den Vorlesungen und am Ende gibt es Klausuren. Es ist vielmehr so, dass wir verschiedene Projekte haben. Und diese Projekte "verlangen" Dinge, die mir in diesem Ausmaße einfach nicht möglich sind. Ich stoße extrem an meine Grenzen. An meine Grenzen des Machbaren, an meine Grenzen der Belastbarkeit. Und folglich routieren meine Gedanken. Die Spirale beginnt sich zu drehen, sie verschlingt mich und alle meine Gedanken und Gefühle, all meine Zuversicht und Hoffnung.

Das Problem an diesen Projekten ist nicht, dass es viel Eigenverantwortlichkeit ist. Manche der Projekt verlangen einfach Handlungen. Also beispielsweise haben wir ein Projekt im Marketing, wo wir Kundenbefragungen machen müssen. Diese Befragungen finden nur leider nicht barrierefrei im Internet statt, sondern an einem Ort mit realen menschlichen Begegnungen. Und das ist für mich einfach eine extreme Hürde. Ich verstumme oft, wenn ich zu viel Kontakt zu Menschen habe. Ich kann allerdings keine Kundenbefragung durchführen, wenn ich gleichzeitig kein Wort mehr sagen kann und im Mutismus gefangen bin.

Ein anderes Projekt verlangt die Kontaktaufnahme zu einem Betrieb. Ich dachte bereits an meinen damaligen Ausbildungsbetrieb oder an meinen Praktikumsbetrieb, aber beides sind dermaßen große Hürden, dass ich nur noch Furcht davor empfinde. Ich habe mit den Betrieben längst abgeschlossen und muss nun wieder Kontakt zu einem von ihnen aufnehmen, ihnen das Vorhaben erklären und sie um Daten bitten, die ich auswerten und am Schluss wieder mit ihnen besprechen muss. Besprechen. Sprechen.

Bei einem anderen Projekt müssen wir 45 Minuten lang einen Vortrag halten, was ich mit viel Übung und Zuspruch noch hinbekommen werde; aber danach wird eine lebhafte Diskussion mit der Gruppe verlangt. Also eine Situation, auf die ich mich kaum bis gar nicht vorbereiten kann, weil ich die Fragen der Gruppe nicht erahnen kann. Eine "lebhafte Diskussion" ist auch wieder solch eine Aussage, die mir zum jetzigen Zeitpunkt nur zusätzlich Angst macht. Ich bin für solche lebhaften Diskussionen einfach nicht gemacht; zumal ich nie weiß, wann mich das Schweigen überkommt. In unserer Gruppe sind jetzt auch noch neue, also fremde Menschen, was die Angelegenheit nicht leichter für mich macht.

Alles in allem mache ich mir einfach extrem viele Gedanken und Sorgen und fühle mich mit diesen Aufgaben derzeit einfach alleine gelassen. Sie überfordern mich und daher bin ich einfach nicht sicher, ob der Masterstudiengang wirklich die beste Idee für mich war. Vermutlich sollte ich auf meinen Nachteilsausgleich zurückgreifen, aber das ist ebenfalls immer eine Überwindung für mich und ich hatte doch die Motivation, es auch ohne den Nachteilsausgleich zu schaffen. Einfach zu sein wie die anderen Studenten. Auch, wenn ich vielleicht nie sein werde wie die anderen und mir der Nachteilsausgleich zusteht. Es ist trotzdem ein schwieriger Weg für mich.