Montag, 17. April 2017

Grenzen der Belastbarkeit

In den letzten Tagen befinde ich mich in einer Spirale aus Sensibilität, Verzweiflung und chaotischen Gefühlen. Sämtliche Aussagen, Kommentare und Handlungen gehen mir im Moment sehr an die Substanz. Unabhängig davon, ob sie nun in der Realität ausgesprochen und ausgeführt wurden oder mir im Internet begegneten. Ich lege sprichwörtlich alles auf die Goldwaage und merke, dass meine seelische und körperliche Belastbarkeit rapide abgenommen hat.

Allein die Zugfahrt von meinem Studienort in meine Heimat war eine Tortur. Nach kürzester Zeit konnte ich kein Wort mehr sprechen, jegliche Gespräche und Geräusche in den Zügen fühlten sich in meinem Kopf furchtbar an. Eine Frau sprach mich im Zug an, die ich zum Glück mit Hilfe von Gebärdensprache von mir fern halten konnte. Ich war einfach nicht mehr in der Lage, auch nur ein einziges Wort zu sprechen. In meinem Abteil waren ständig Menschen, die zahlreiche Geräusche machten. Ob es nun das Schreien der Kinder war, die Gespräche einiger junger Leute oder eine Großfamilie, die eine Packung Kaugummis unter sich aufteilte und diese voller Genuss schmatzte. Jeder andere Mensch wäre einfach aus dem Abteil geflohen, hätte sich vermutlich nach einem ruhigeren Ort umgesehen. Ich hingegen konnte mich einfach nicht mehr bewegen. Es dauerte zahlreiche Minuten, ehe ich überhaupt in der Lage war mein Mobiltelefon zur Hand zu nehmen. Diese winzige Bewegung bedeutete für mich bereits eine enorme Anstrengung. Ich wollte gerne das Abteil wechseln, aber mein Körper fühlte sich starr an.

Auch in meiner Heimat brauchte es nur Kleinigkeiten, um mich in Verzweiflung zu stürzen. Als meine Mutter zum Beispiel Zucker an den Spargel machte, brauchte ich eine Stunde allein in meinem Zimmer, um über diese Tatsache hinweg zu kommen. Ich mache nie Zucker an den Spargel, also bedeutete diese "winzige Kleinigkeit" bereits eine Katastrophe für mich. Eine Veränderung, mit der ich in diesem Augenblick nicht umgehen konnte. An anderen Tagen bin ich bereits toleranter, aber in den letzten Tagen falle ich viel in 'alte Muster' zurück. Wobei das vielleicht der falsche Ausdruck ist. Ich falle weniger in alte Muster zurück, als dass ich vermehrt wieder Sicherheit und Routine brauche. Es ist derzeit einfach besser, wenn alles nach den gewohnten Mustern verläuft.

Das hat mir viele Gedanken gemacht. Ich musste tief in mein Unterbewusstsein abtauchen um zu erfahren, weswegen Routine und Gewohnheit wieder an Bedeutung für mich gewonnen haben. Dann erkannte ich, dass mein Studium der Grund dafür ist. Am Anfang fühlte ich mich im Masterstudiengang sehr wohl; ich hatte Motivation und freute mich auf die neuen Lerninhalte. Ich war sogar motiviert genug um mir zu sagen, dass ich den Master ohne Nachteilsausgleich versuche. In weiser Voraussicht kümmerte ich mich trotzdem darum, dass der Nachteilsausgleich noch aktuell bleibt und ich ihn im Notfall nutzen kann. Das war vermutlich eine gute Entscheidung.

Zum jetzigen Zeitpunkt fühle ich mich einfach nur voller Selbstzweifel. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr, ob der Masterstudiengang die richtige Entscheidung war. Es erwarten mich viele Aufgaben, die mir im Moment einfach nur Angst machen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich diese Aufgaben bewältigen soll.

Jetzt im Master haben wir kaum noch Vorlesungen. Wir lernen nicht mehr einfach den Stoff aus den Vorlesungen und am Ende gibt es Klausuren. Es ist vielmehr so, dass wir verschiedene Projekte haben. Und diese Projekte "verlangen" Dinge, die mir in diesem Ausmaße einfach nicht möglich sind. Ich stoße extrem an meine Grenzen. An meine Grenzen des Machbaren, an meine Grenzen der Belastbarkeit. Und folglich routieren meine Gedanken. Die Spirale beginnt sich zu drehen, sie verschlingt mich und alle meine Gedanken und Gefühle, all meine Zuversicht und Hoffnung.

Das Problem an diesen Projekten ist nicht, dass es viel Eigenverantwortlichkeit ist. Manche der Projekt verlangen einfach Handlungen. Also beispielsweise haben wir ein Projekt im Marketing, wo wir Kundenbefragungen machen müssen. Diese Befragungen finden nur leider nicht barrierefrei im Internet statt, sondern an einem Ort mit realen menschlichen Begegnungen. Und das ist für mich einfach eine extreme Hürde. Ich verstumme oft, wenn ich zu viel Kontakt zu Menschen habe. Ich kann allerdings keine Kundenbefragung durchführen, wenn ich gleichzeitig kein Wort mehr sagen kann und im Mutismus gefangen bin.

Ein anderes Projekt verlangt die Kontaktaufnahme zu einem Betrieb. Ich dachte bereits an meinen damaligen Ausbildungsbetrieb oder an meinen Praktikumsbetrieb, aber beides sind dermaßen große Hürden, dass ich nur noch Furcht davor empfinde. Ich habe mit den Betrieben längst abgeschlossen und muss nun wieder Kontakt zu einem von ihnen aufnehmen, ihnen das Vorhaben erklären und sie um Daten bitten, die ich auswerten und am Schluss wieder mit ihnen besprechen muss. Besprechen. Sprechen.

Bei einem anderen Projekt müssen wir 45 Minuten lang einen Vortrag halten, was ich mit viel Übung und Zuspruch noch hinbekommen werde; aber danach wird eine lebhafte Diskussion mit der Gruppe verlangt. Also eine Situation, auf die ich mich kaum bis gar nicht vorbereiten kann, weil ich die Fragen der Gruppe nicht erahnen kann. Eine "lebhafte Diskussion" ist auch wieder solch eine Aussage, die mir zum jetzigen Zeitpunkt nur zusätzlich Angst macht. Ich bin für solche lebhaften Diskussionen einfach nicht gemacht; zumal ich nie weiß, wann mich das Schweigen überkommt. In unserer Gruppe sind jetzt auch noch neue, also fremde Menschen, was die Angelegenheit nicht leichter für mich macht.

Alles in allem mache ich mir einfach extrem viele Gedanken und Sorgen und fühle mich mit diesen Aufgaben derzeit einfach alleine gelassen. Sie überfordern mich und daher bin ich einfach nicht sicher, ob der Masterstudiengang wirklich die beste Idee für mich war. Vermutlich sollte ich auf meinen Nachteilsausgleich zurückgreifen, aber das ist ebenfalls immer eine Überwindung für mich und ich hatte doch die Motivation, es auch ohne den Nachteilsausgleich zu schaffen. Einfach zu sein wie die anderen Studenten. Auch, wenn ich vielleicht nie sein werde wie die anderen und mir der Nachteilsausgleich zusteht. Es ist trotzdem ein schwieriger Weg für mich.

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