Dienstag, 2. Mai 2017

Liebe Hundehalter

Warnung: Der folgende Text enthält Ironie und Sarkusmus

Liebe Hundehalter,
heute möchte ich mein Wort an Euch richten. Nicht an alle, sondern nur an ganz gewisse Hundehalter, die sich aber wahrscheinlich nicht in diesem Text wiedererkennen werden. Ich weiß das, weil diese gewissen Hundehalter sich nun mal gerne eins in die Tasche lügen.

Ich finde es immer wieder freundlich, wie viel Rücksicht Ihr auf andere Menschen nehmt. Schon auf hundert Meter Entfernung hören mein eigener Hund und ich Euch brüllen: "Ist das ein Huuund?" Ich sehe zu meinem Hund hinunter und denke: 'Nein, das ist ein Goldfisch in einem Hundekostüm'. Inzwischen liegen nur noch achtzig Meter zwischen uns und Ihr startet einen neuen Versuch: "Hallo? Ist das ein Rüüüde?" Noch immer sage ich kein Wort, während sich Eure "Ü's" wie Nadeln in meinen Schädel bohren.

Mein Hund ist nach wie vor an der Leine, während Euer Hund frei ist. Es liegen nur noch sechszig Meter zwischen uns und Ihr brüllt Eure nächste Phrase: "Mach doch frei! Der tut nix!" Mein Hund ist noch immer an der Leine, während Euer Hund nun auf uns zugelaufen kommt. Während mein Hund sich ängstlich hinter meine Beine verkriecht, stellen sich bei Eurem Hund die Nackenhaare auf. Euer Hund knurrt. Mein Hund und ich bleiben verängstigt stehen. Wir wollen in Ruhe eine Runde spazieren gehen, stattdessen versuchen wir irgendwie an Eurem Hund vorbei zu kommen. Unsicher, wie Euer Hund reagieren wird.

"Ich hab doch gesagt der tut nix!" Als letzte Instanz, da ich nun auch Angst um mich selbst habe, lasse ich meinen Hund von der Leine. Euer Hund stürzt sich zeitgleich knurrend und bellend auf meinen Hund. Mein Hund ergreift die Flucht, während Euer Hund immer noch aggressiv hinter ihm her eilt. "Das macht der doch sonst NIE!", beschwört Ihr. Ich möchte lachen, aber es bleibt mir in der Kehle stecken. Dann schaut Ihr mich an, als wäre es MEINE Schuld. Es kommt keine Entschuldigung von Euch, keine Reue. Natürlich nicht, denn Ihr seid ganz klar im Recht.

Ist ja auch klar, denn Euer Hund MUSS natürlich spielen. Er muss JEDEN anderen Hund begrüßen. Egal ob mein Hund und ich das wollen. Dann wollt Ihr auch noch eine Unterhaltung mit mir führen, obwohl ich bisher kein einziges Wort gesagt habe. Ich gehe indes weiter meines Weges und darf mir manchmal sogar noch Eure Komplimente anhören: "Selber Schuld! Seid halt beide unerzogen! Oder kannste nicht reden?!"

Es tut mir wirklich leid, dass mein Hund und ich nicht erzogen sind. Ich weiß, wir stören Euch in Eurer Harmonie. Weil ich Autistin bin und mit nur wenigen Menschen sprechen kann; und weil mein Hund Autismusbegleithund ist und den Kontakt zu den meisten Hunden scheut. Es ist ganz klar UNSERE Schuld. Euer Hund hat mit gutem Recht gebellt, weil wir so scheiße sind und Euer Leben stören. Nein, Ihr müsst nicht akzeptieren, dass wir einfach nur in Ruhe eine Runde spazieren wollen. Es ist schließlich das Recht Eures Hundes, dass er meinen Hund beschnüffeln und anknurren darf. Wir wissen, dass Euer Hund so etwas sonst auch nie macht; es ist klar und deutlich unsere Schuld.

Ich freue mich auch, wenn Euer Hund nicht bellt, aber stattdessen noch einen Kilometer lang hinter uns her läuft. Euer Hund ist zwar nicht mehr in Eurem Blickfeld, aber das ist ja nicht Euer Problem. Es ist unsere Schuld, dass Euer Hund hinter uns bleibt. Es ist auch unsere Schuld, wenn er vor lauter Freude in eine matschige Pfütze springt und mein Hund und ich von oben bis unten dreckig sind. Das finden wir wirklich sehr erfreulich, vielen Dank dafür. Wir lieben es auch, wenn Euer Hund uns verfolgt und anspringt. Ich mein: Welcher Hundehalter könnte da schon böse sein? Ist doch klar, dass ich mit meinem NICHT springenden und WASSERMEIDENDEN Hund niemals gute Kleidung anhabe.

Mein Hund und ich freuen uns auch, wenn wir mit dem Fahrrad unterwegs sind und Ihr einfach ignoriert, dass ich meinen Hund am Fahrrad an der Leine habe. Okay, Ihr habt Eure Hunde natürlich auch an der Leine. An einer langen Flexileine. Und mein Hund liebt es und freut sich, wenn ein an der Flexileine geführter Hund bellend und knurrend hinter ihm her sprintet. Und mich dabei fast vom Fahrrad reißt, weil er aus einem Angstreflex losrennt. Auch Eure Komplimente finde ich wieder sehr charmand und sozial: "Dann fahr doch nicht mit dem Rad, wenn dein Hund nicht hören kann".

Und es tut mir wieder leid, dass mein Hund und ich unsozial sind, während Ihr und Eure Hunde Euch immer richtig verhaltet. Es ist ja auch das gute Recht Eurer Hunde, dass sie sich an der Flexileine frei benehmen dürfen; sie sind ja schließlich AN DER LEINE. Während mein Hund bloß am Rad läuft und dabei kein Benehmen zeigt, weil er nicht bellt, nicht knurrt und auch sonst keine Auffälligkeiten aufweist. Ach nee, er zeigt ja einen Angstreflex; ein eindeutiges Zeichen dafür, dass mein Hund verhaltensauffällig ist. Was hab ich aber auch für einen unsozialisierten Mistköter. Ich entschuldige mich dafür gerne noch einmal bei Euch.

Bitte, fühlt Euch von uns nicht gestört. Kommt bitte nicht aus Eurer Seifenblase heraus, stellt bitte nicht fest, dass es auf der Welt mehr als nur Schwarzweiß gibt. Bleibt gerne weiter neben uns stehen, bedrängt uns, zwingt uns Euren Kontakt und Eure Sichtweise auf. Wir lieben das! EHRLICH!

Wir lieben es auch von wildfremden Menschen böse angeguckt zu werden, weil an jeder Ecke Hundehaufen liegen. Wir verstehen Euch da voll und ganz: Es macht einfach ZU VIEL Arbeit, die Haufen Eurer Hunde in eine Tüte zu stecken und in die Mülleimer zu werfen. Lasst sie einfach auf dem Gehweg liegen. Alles gut! Hauptsache ist ja, dass Ihr selbst nicht reintretet. Wir sind schließlich alle um Euer Wohl besorgt und Euer Wohl steht für uns alle an erster Stelle. Hier ein lieb gemeintes Angebot meinerseits: Ich könnte die Haufen Eurer Hunde auch einfach für Euch wegmachen; quasi als Wiedergutmachung für unser schreckliches Verhalten.

In dem Sinne danke ich Euch wirklich sehr! Ich danke Euch für NICHTS!

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