Dienstag, 16. Mai 2017

Meine mündliche Prüfung

Heute hatte ich also meine erste mündliche Prüfung an der Uni. Das war eine freiwillige Entscheidung, denn eigentlich habe ich einen Nachteilsausgleich und darf die mündlichen Prüfungen als schriftliche Klausuren ableisten. Im Vorfeld hatte ich bereits mit der Dozentin gesprochen und ihr erklärt, dass ich einen Versuch starten möchte. Sie war begeistert und machte mir Mut. Doch schon bei dem Gespräch brachte sie die Bemerkung, dass ich nur genügend Übung bräuchte und eine mündliche Prüfung eine gute Idee sei, damit ich die Diskussion am Prüfungstag lenken könnte. Diese Bemerkungen verletzten und ärgerten mich, weil aus meiner Sicht einfach keine Person über mich und meine Situation urteilen kann, die nur schwammige Informationen hat. Die Dozentin weiß zwar von einer Behinderung, aber sie kennt keine genaue Diagnose.

(Pause)

Diese Bemerkung ärgert mich, weil ich bereits mein Leben lang übe und sich die Prüfungssituation für mich dadurch nicht ändert. Es impliziert mir, dass es mein Fehler ist und ich nur nicht genug an mir und meiner Person gearbeitet hätte. Ich weiß, dass die Dozentin es gut meinte und ich hätte meine erste Prüfung auch nicht bei ihr gemacht, wenn ich nicht dennoch ein gutes Gefühl und Vertrauen zu ihr gehabt hätte. Dennoch ist diese Bemerkung für mich ein Tabu. Eine Bemerkung, die ich oft in meinem Leben gehört habe und das nie im positiven Sinne.

(Pause)

Dieser Text und die Erinnerung an die Prüfung sind gerade unheimlich schwer für mich. Ich muss zwischendurch pausieren; dann forme ich mit meinen Händen längere 'Schlangen' aus meiner Knete. Ich lasse meine Hände immer wieder über die Knete rollen, bis diese lang genug ist, um aus ihr eine 'Schnecke' zu drehen.

(Pause)

Zur eigentlichen Prüfung. Irgendwann war meine Kommilitonin fertig und sagte mir, dass ich jetzt in das Zimmer gehen darf. Meine Dozentin hatte im Vorfeld schon mit mir besprochen, dass ich den letzten Prüftermin bekomme, damit ich unter Umständen mehr Zeit habe. Tatsächlich brauchte ich diese Zeit auch, denn ich habe tatsächlich doppelt so lang wie meine Kommilitonen gebraucht. Es gab zwei Prüfer. Einmal meine Dozentin und dann noch den Tutor. Ein Tutor ist eine Person, die Studenten betreut und mit ihnen den Lehrstoff durcharbeitet. Meine Dozentin bat mich zu Beginn, dass ich frei über den Prüfinhalt reden sollte. Ich fand jedoch keinen Anfang. Ehrlich gesagt war ich mir unsicher, ob ich bei der Erklärung im Vorfeld beginnen sollte oder direkt mit der Übung. Ich verfiel also sogleich ins Schweigen.

(Pause)

Ich brauch das Schweigen sehr mühevoll mit: "Ich finde keinen Anfang". Die Worte wogen unendlich schwer. Meine Dozentin machte dann den Anfang für mich und erzählte über das Projekt. Nur sehr zaghaft fand ich einen Weg zu den nächsten Schritten. Es kostete mich unendlich viel Kraft und Konzentration. Meine Hände waren unter dem Tisch und hielten die Knete, mit der ich verschiedene Formen bildete. Unauffällig. Nach jeder Frage meiner Dozentin stockte ich und brauchte mehrere Minuten, um mich in das nächste Thema einzufinden. Wieder ein Blackout. Wieder die Suche nach den Worten. Vorher konnte ich den Lernstoff, aber auf einmal wogen Worte wieder schwer und bildeten eine zehe Masse in meinem Kopf. Häufig verstand ich die Fragen der Dozentin nicht. Immer fiel ich erst ins Schweigen, mehrfach bat ich sie darum die Frage zu wiederholen. Zweimal schrieb sie mir die Fragen auf ein Blatt Papier, aber das änderte nichts an der Sache.

(Pause)

Es lag an meiner Konzentration, den Reizen und der Tatsache, dass gesprochene Sprache eine große Hürde für mich ist. Ich wurde gefragt, ob das Fenster geschlossen werden soll und ich bejahte, weil draußen Bauarbeiten stattfanden. Später wurde ich gefragt, ob sie noch irgendwelche anderen Reize für mich verhindern könnten und ich verneinte, weil das bedeutet hätte, dass alle außer mir den Raum verlassen müssten - und dann hätte wohl keine Prüfung mehr stattfinden können. Die meiste Zeit starrte ich auf den Tisch und versuchte aus den Fragen und dem Gesagten einen Sinn zu erkennen, aber manchmal erkannte ich keinen Sinn und verlor mich. Irgendwann beendete die Dozentin die Prüfung und es bereitete mir Kummer. Ich wollte gern noch mehr Wissen preisgeben, aber ich spürte auch, dass ich mittlerweile am Ende meiner Kräfte war.

(Pause)

Ich ging vor die Tür, weil die Prüfer meine Note besprechen wollten. Hier weinte ich, wischte die Tränen aber schnell weg. Vor der Tür spürte ich sofort meine unermessliche Erschöpfung. Zum ersten Mal nach sehr langer Zeit verspürte ich den Wunsch in mir, keine Autistin zu sein. Ich wollte mich am liebsten auf dem Boden zusammenrollen. Stattdessen ging ich nach fünf Minuten zurück in den Raum. Ich erfuhr die Note für die schriftliche Ausarbeitung zum Projekt und die Note für den mündlichen Teil. Der schriftliche Teil war eindeutig wieder meine Rettung und brachte mich auf eine gute Note. Dann kam wieder die Bemerkung, dass ich nur mehr Übung bräuchte und im Grunde genommen ALLE Studenten ihre Probleme mit den mündlichen Prüfungen und auch Blackouts hätten.

(Pause)

Natürlich stimmt es, dass viele Menschen nervös sind und sich vor den mündlichen Prüfungen fürchten, aber diese Bemerkung ist für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich versuchte mich noch irgendwie zu erklären, aber mir fehlten wieder die Worte und auch die dazu nötige Kraft. Fast hätte ich gesagt: "Und trotzdem ist es anders als Autistin". Aber das kam mir falsch vor. Mit letzter Kraft fuhr ich mit dem Rad nach Hause. Für die Fahrt brauchte ich die doppelte Zeit. Zuhause schaffte ich es nicht meinen Hund zu begrüßen, sondern fiel einfach nur noch auf mein Sofa und brauchte Zeit für mich ganz alleine. So erschöpft hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt. Als ich dalag wünschte ich mir tief und fest, dass die Prüfer und die gesamte Menschheit alle mal für eine Woche autistisch wären und verstünden, was das tatsächlich bedeutet. Später rief ich noch meine Eltern an. Ich war noch immer total erschöpft, hatte aber zumindest wieder genug Kraft zum Sprechen und Weinen.

(Pause)

Ich versuche Stolz auf mich zu sein, weil ich es mich gewagt und geschafft habe. Trotzdem sind da zur gleichen Zeit noch viele andere Gefühle in mir.

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