Montag, 1. Mai 2017

Mutismus, Shutdown und Kommunikationsprobleme

Ursprünglich wollte ich heute zu einem anderen Thema bloggen, aber dann bekam ich heute Mittag eine private Nachricht bei Twitter. Auf die Nachricht selbst möchte ich an dieser Stelle gar nicht eingehen, aber sie führte mich letzt endlich zu meinem Blog und dem Bedürfnis, über meine Probleme im kommunikativen Bereich zu schreiben. Dabei ist es schwierig für mich zwischen den einzelnen Faktoren zu unterscheiden, denn Kommunikation ist aus vielerlei Sicht für mich eine oft unüberwindbare Hürde.

Die Grenzen sind für mich einfach sehr schwammig und kaum überschaubar; also die Grenzen zwischen Autismus, Mutismus und sozialen Ängsten. In meinem Fall gibt es vermutlich oft auch gar keine Grenzen, die Komponenten gehen dann übereinander. Den selektiven Mutismus gibt es zudem als einzelnes Störungsbild, aber er kann auch ein Symptom vom Autismus sein. Ich nenne den Mutismus in meinem Fall jedoch immer gretrennt von meiner Autismusdiognose. Vielleicht, weil ich Mutismus eher diagnostiziert bekam, aber vielleicht auch, weil der Mutismus für mich mehrere Seiten hat.

Ich versuche heute etwas Ordnung in das Chaos zu bringen und meine Problematik zu beschreiben, wobei ich nicht auf genaue Definitionen zurückgreifen werde; diese lassen sich allerdings schnell übers Internet mit Hilfe von Suchmaschinen finden.

Selektiver Mutismus
Seit meiner frühen Kindheit liegt ein selektiver Mutismus bei mir vor, der sich bis zum heutigen Tage erfolgreich in meinem Leben gehalten hat. Der selektive Mutismus hat für mich wie gesagt zwei Seiten. Ich reagiere einmal selektiv mutistisch in Bezug auf Menschen, und dann wiederum auch selektiv mutistisch auf Situationen bezogen.

Mein Stiefvater stellte mir dazu einmal eine Frage: "Die Leute mit denen du sprechen kannst; wählst du diese Menschen bewusst oder unbewusst aus?" Dazu möchte ich an dieser Stelle noch einmal deutlich sagen: Ich wähle NIE bewusst aus. Könnte ich bewusst auswählen, hätte ich vermutlich deutlich weniger Probleme in meinem Leben. Die ganze Sache ist weitaus komplizierter, als ich zu erklären in der Lage bin. Viele, viele Faktoren spielen hier eine Rolle.

Ich versuche es dennoch: Es fühlt sich ein wenig so an, als wären die Menschen in drei Bereiche eingeteilt. Es gibt einen grünen Bereich, einen orangen Bereich und einen roten Bereich. Im grünen Bereich sind die Menschen, mit denen ich sprechen kann, wie beispielsweise meine Eltern und meine beste Freundin. Im orangen Bereich sind die Menschen, mit denen ich eingeschränkt sprechen kann, wie beispielsweise mir vertraute Kommilitonen, mir vertraute Dozenten und mir nahe stehende Bekanntschaften. Im roten Bereich sind die Menschen, mit denen ich nicht sprechen kann, wie beispielsweise mir nicht vertraute Menschen, mir nicht vertraute Kommilitonen und mir nicht vertraute Dozenten. Es gibt die Möglichkeit, vom roten in den orangen Bereich zu wechseln und vom orangen in den grünen Bereich zu wechseln. Der Wechsel in den grünen Bereich ist jedoch selten; dazu zählen im Moment nur meine Eltern und meine beste Freundin. Es gibt auch Menschen, die immer im roten Bereich bleiben, egal welche Anstrengung sie unternehmen. In diesem Fall gehört der Mutismus für mich persönlich nicht zum Autismus. Ich schätze, weil hier keine Reizüberflutung die Ursache ist, sondern eine selektive Wahrnehmung.

Würde bei mir ausschließlich ein selektiver Mutismus vorliegen, wäre die Sache an dieser Stelle unter Umständen jetzt erklärt. Nun kommen aber weitere Faktoren ins Spiel. Das sind in meinem Fall der selektive Mutismus in bestimmten Situationen, der Autismus mit weiteren Problemen in der Kommunikation und mit sogenannten Shutdowns, und auch soziale Ängste aufgrund meiner Vergangenheit. Theoretisch kann ich also mit Menschen aus dem grünen und orangen Bereich sprechen, praktisch sieht die Angelegenheit leider aber anders aus.

Der selektive Mutismus bezieht sich bei mir nicht nur auf Personen, sondern auch auf Orte und Situationen. Ein Beispiel: Mit viel Vorbereitung schaffe ich es mit einem Dozenten aus dem orangen Bereich zu sprechen und ein kurzes Gespräch zu führen. Würde dieser Dozent jedoch unvorbereitet nach der Vorlesung zu mir kommen und das Gespräch suchen, lande ich sehr schnell wieder im selektiven Mutismus. An sich betrachtet gehört dieser Dozent zwar zu den Menschen, mit denen ich (eingeschränkt) sprechen kann, aber abhängig von der Situation verfalle ich dann doch in mein Schweigen. Mit viel Glück finde ich noch vereinzelnd Worte, wie "Okay" oder "Ja", aber auch das muss nicht der Fall sein. Es kann auch passieren, dass ich in solchen Situationen zu keinen sprachlichen Äußerungen fähig bin. In diesem Fall gehört der Mutismus für mich persönlich zum Autismus. Das liegt für mich daran, dass hier zeitgleich auch eine Reizüberflutung vorliegt.

Unabhängig davon kenne ich auch noch Overloads und Shutdowns. Andere Blogger im Internet haben dazu wirklich tolle Definitionen geschrieben; einfach Overload oder Shutdown in Verbindung mit Autismus in die Suchmaschine eingeben. Bei einem Shutdown bin ich ebenfalls nicht mehr in der Lage dazu mich sprachlich zu äußern; auch hier wieder wegen der Reizüberflutung. Der Unterschied ist jedoch, dass die Reize noch nicht einmal Komminikation beinhalten müssen. Und ein Shutdown ist auch eine wesentlich 'heftigere' Reaktion für mich als der selektive Mutismus. Dazu vielleicht besser ein Beispiel:

Vor kurzem bin ich mit der Regionalbahn in meine Heimat gefahren. Die vielen Menschen, Geräusche und Gerüche in der Bahn waren zu viel für mich. Es verlangte zwar keiner Kommunikation von mir, aber die vielen Reize die auf mich einströmten, verursachten innerhalb kürzester Zeit eine Überlastung bei mir. Also einen Overload. Da ich allerdings noch zweimal umsteigen musste und der Situation mit der Bahn nicht aus dem Weg gehen konnte, landete ich schlussendlich in einem Shutdown. Ich konnte nicht mehr reden, mich nicht mehr bewegen; verschloss mich voll und ganz in mein Inneres. Auch wenn meine Mutter oder meine beste Freundin in der Situation plötzlich aufgetaucht wären, hätte ich nicht mit diesen Menschen sprechen oder auf sie reagieren können.

Und das alles ist immer noch nur ein Bruchteil von dem, weswegen Kommunikation solch ein Problem für mich darstellt. Es gibt noch weitere Störfaktoren, wie beispielsweise mein Unverständnis bei Ironie und Sarkasmus und das ich viele Sprüche plus Redewendungen wortwörtlich nehme. Auch Smalltalk empfinde ich als unnötig und schwierig. All das sind nur ein paar weitere Gründe, weshalb Kommunikation in meinem Fall nicht reibungslos verläuft. Es spielen auch Dinge eine Rolle, die ich in manchen Situationen nicht einmal erklären oder benennen kann.

Und dann schätze ich, dass auch psychologische Komponenten noch einen Anteil ausmachen. Aufgrund von Mobbing, Sprüchen und Schikanenen in meiner Vergangenheit, und dem Wissen meiner kommunikativen Defizite, bin ich bei sprachlichen Äußerungen sehr vorsichtig. Und nicht nur bei sprachlichen Äußerungen; auch beim Schreiben in Chats und in privaten Nachrichten fühle ich mich unsicher.

All diese Punkte ergeben ein Gesamtpaket.

Für mich persönlich fühlt es sich einfach richtig und 'normal' an zu schweigen, während das Reden immer eine Überwindung ist. Immer wieder und wieder. Schreiben ist leichter, aber Reden wiegt schwer. Und meine Erfahrung ist leider auch, dass andere Menschen einen schweigenden Menschen nur schwer akzeptieren können. Mein Blogeintrag ist schon wieder lang geworden, aber zwei kleine Situationen, die mich sehr mitgenommen haben, möchte ich trotzdem noch gerne beschreiben.

Vor zwei Jahren war ich an meinem Studienort mit meinem Hund auf dem Weg zum Fluss. Eine mir unbekannte Frau mit Hund kam uns entgegen, blieb drei Meter entfernt von uns stehen und sagte wie aus dem Nichts heraus: "Was ist eigentlich dein Problem? Hm? Kannst du nicht sprechen oder was?"  Ich kannte die Frau nicht, vermutete aber, dass sie mich schon häufiger am Fluss gesehen hatte. Vielleicht war ich schon mal an ihr vorbei gegangen, hatte sie aber nicht bewusst wahrgenommen. Ich war zutiefst erschrocken, weil sie eine Fremde für mich war. In ihrer Stimme lag Verachtung. Ich ging ohne ein Wort an ihr vorüber, zitterte aber am ganzen Körper. Bis heute verstehe ich ihre Reaktion und den Sinn ihrer Reaktion nicht.

Auch an meinem Heimatort bin ich im vergangenen Jahr in eine ähnliche Situation geraten. Ein Bekannter meiner Eltern hat ebenfalls einen Hund. Durch mein Praktikum im letzten Jahr bin ich morgens immer mit meinem Hund und dem Hund meiner Eltern unterwegs gewesen. Bei diesen Spaziergängen traf ich einige Male auf diesen Bekannten. Er gehört aber zu den Menschen aus dem roten Bereich. Ich bin also nicht in der Lage, mit diesem Mann zu sprechen. Also kein einziges Wort. Eines Tages stand er mit zwei anderen Leuten an der Ecke. Ich ging an der Gruppe vorbei und hörte den Mann zu den anderen zwei Leuten sagen: "Die Mutter von ihr ist total nett. Ich weiß gar nicht, wie so ein stures Mädchen aus der werden konnte". Schon an der Gruppe vorbei zu gehen bedeutete für mich eine extreme Belastung, aber die Worte des Mannes lösten eine Panikattacke in mir aus. Und aus der Panikattacke wurde schnell ein Meltdown (sieht von außen wie ein Wutausbruch aus, ist aber mehr eine Reizüberflutung mit Verzweiflung und Hilflosigkeit).

Es war mein erster Meltdown (in der Öffentlichkeit) seit unzähligen Jahren. Ich schrie und weinte und rannte später mit beiden Hunden schnell wieder nach Hause. Ich erzählte meinen Eltern davon und einige Zeit später trafen meine Mutter und ich gemeinsam auf den Mann. Meine Mutter hielt ihn an und stellte ihn zur Rede: "Wieso lästern Sie über meine Tochter?" Ich stand abseits und zitterte wieder am ganzen Körper. Der Mann lachte nur und sagte: "Also Entschuldigung, aber wie kann eine Person auch dermaßen stur sein? Nicht einmal eine Begrüßung bringt sie zustande?" Wieder schrie und weinte ich. Ich erinnere mich nicht mehr genau, aber ich brüllte etwas von Autismus und Schwierigkeiten und ehrlicherweise auch einen vulgären Begriff. Stolz bin ich darauf nicht, aber diese Überreaktion meinerseits ließ sich leider nicht verhindern. Der Mann ergriff erschrocken die Flucht, entschuldigte sich später allerdings bei meinem Stiefvater (und nicht bei mir!).

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