Dienstag, 9. Mai 2017

Stimming

Stimming bedeutet 'Selbststimulierendes Verhalten' und dient der Reizregulierung. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um negative oder positive Reize handelt. Zu diesen Reizen gehören Geräusche, Berührungen, Geschmäcker, Lichter, Gerüche und auch Gefühle. Alles strömt ohne Filter auf einen ein, so dass die Reize sich intensiv und explosionsartig ausbreiten. Das 'Stimming' hilft in solchen Momenten diese Reize zu kontrollieren, und irgendwie auch auf die eigene Art und Weise zu verarbeiten. Ein sehr bekanntes Stimming ist vermutlich das Wiegen des Körpers oder auch das Flattern mit den Händen.

Ich selbst beschäftige mich erst seit einigen Wochen mit dem Thema, obwohl ich vor sieben Jahren meine Diagnose erhielt und seit meiner frühesten Kindheit bereits Stimming anwende. Begriffen habe ich das allerdings erst in der letzten Zeit.

Mit dem Körper zu schaukeln oder die Hände flattern zu lassen sind aus meiner Sicht 'auffälligere Methoden' des Stimmings; das ist allerdings keine 'Wertung' meinerseits. Diese Methoden sind in Ordnung, denn sie helfen bei der Reizregulierung. Gesellschaftlich sind sie unter Umständen noch immer etwas verpönt oder unsittlich; wobei ich finde, dass da 'die Gesellschaft' an mehr Akzeptanz arbeiten sollte. Ich vermute jedoch, dass sie aufgrund der 'Auffälligkeit' nie eine Möglichkeit für mich persönlich darstellten.

Schon als Kleinkind war ich sehr introvertiert und darauf bedacht, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf meine Person zu lenken (meine Mutter sagte beim Vorlesen gerade an dieser Stelle, dass meine Meltdowns eine Ausnahme waren). Aus diesem Grund wählte ich 'unauffälligere Methoden'. Das geschah jedoch unbewusst und ist momentan eine Vermutung. Aufgrund dieser Unauffälligkeit dachte ich auch lange Zeit, dass ich gar kein Stimming anwenden würde. Die für mich hilfreichste Methode als Kind war mein Schnuffeltuch. Das war meine blaue Babydecke, die ich liebevoll "Nucki" nannte. Nucki deutet zwar eher auf einen Schnuller hin, aber Schnuller mochte ich laut meiner Mutter nie.

Nucki war immer an meiner Seite, was aus heutiger Sicht auch ganz logisch ist. Es beruhigte mich, wenn ich mir Nucki vor die Nase hielt; sein vertrauter Geruch und der weiche Stoff waren mir eine unfassbar große Hilfe. Er hielt meine Welt in Ordnung; und der Stoff schirmte mich von der Welt und den vielen Reizen ab. Katastrophal hingegen war es, wenn ich mittags oder abends nach Hause kam und feststellte, dass meine Mutter mein Schnuffeltuch in die Waschmaschine gesteckt hatte. Ich schrie und weinte, weil der vertraute Geruch weg war und Nucki sich nach dem Waschen anders anfühlte. Meine Mutter wiederum verstand das Problem nicht, denn natürlich musste die Decke regelmäßig gesäubert werden.

Einmal erzählte mir meine Mutter, dass Nucki sogar mit ins Kino sollte. Mein leiblicher Vater befand jedoch, dass die Kuscheldecke nichts in der Öffentlichkeit zu suchen hätte. Ich schrie und weinte und wollte ohne Nucki nicht aus dem Haus. Ich kämpfte solange, bis auch mein leiblicher Vater endlich nachgab. Nucki war damals eher unauffällig, weil viele Kinder Plüschtiere hatten und die Leute ihn als Ersatz dafür verstanden. Meist legte ich mir eine ganz bestimmte Ecke der Decke vor die Nase, so dass mit der Zeit ein Loch entstand. Mittlerweile ist Nucki in meinem Bettkasten 'in Rente'.

Erst neulich ist mir aufgefallen, dass das mit dem Stoff noch heute mein Stimming ist. Nur ein weiterer Grund, weshalb ich den Winter liebe. Noch immer halte ich mir in stressigen (reizüberfluteten) Situation gerne einen Stoff vor die Nase, wie etwa meinen Schal oder ein Tuch. Leider ist diese Methode im Sommer unmöglich, beziehungsweise wäre sie im Sommer eher auffällig. Manchmal hilft es mir aber auch, wenn ich mir einfach meine eigene Hand vor die Nase halte und quasi 'durch meine Finger' atme. Es hilft ebenfalls, aber etwas geringer als es bei einem Stoff der Fall ist.

Als Kind gehörten zu meinem persönlichen Stimming auch noch das Verdrehen der Finger und das Zwirbeln der Haare. Meine Finger verdrehe ich auch heute noch gerne, alternativ 'knacke' ich gerne mit den Fingern (was allerdings auch eine auffälligere Methode ist). Seit einigen Wochen nutze ich gerne diese Haargummis, die aussehen wie die damaligen Telefonkabel. Das ist vor allem sehr unauffällig, weil ich sie am Handgelenk trage und jeder denkt, dass ich sie für einen möglichen Haarzopf bei mir trage. Zudem habe ich noch einen Igelball und ein Fingerspiel zum Trainieren der Hände. Und vor kurzem wurde mir noch kinetischer Sand empfohlen, der jetzt zum Testen hier auf dem Tisch bereitliegt.

Ich versuche immer mal wieder hilfreiche Alternativen zu finden, aber nicht jedes Stimming funktioniert in jeglicher Situation. Sind die äußeren Reize besonders stark, hilft mir persönlich nur noch die Methode mit dem Stoff vor der Nase. Halten sich die Reize in Grenzen, wie bei mir zum Beispiel in der Vorlesung innerhalb der Uni, dann reicht das Haargummi für diesen Moment vollkommen aus. Wenn ich das Stimming komplett unterdrücke, lande ich am Ende viel schneller in einem Overload und brauche allgemein mehr Zeit um mich nachher zu erholen.

Es kommt aber auch auf die Art der Reize an. Bei intensiven Gerüchen und Geräuschen hilft mir persönlich oft nur die Flucht. Beispielsweise wenn ich im Zug bin und eine Großfamilie sitzt bei mir in der Nähe und schmatzt mit ihren Kaugummis. Dann merke ich, wie die Aufregung und der Ärger sich in mir ausbreiten; und dann hilft auch kein Stimming. Genauso wenn meine Familie auf dem Sofa ihre Erdnussflips isst; entweder esse ich dann auch welche oder ich muss die Flucht ergreifen. Andernfalls bohren sich die Geräusche tief in meinen Kopf. Mit Gerüchen ist es ähnlich; vor allem mit Räucherstäbchen oder anderen für mich negativen Gerüchen.

Manchmal sind es auch schon 'kleine' Geräusche, die mich fast in den Wahnsinn treiben können. Bestes Beispiel erlebe ich just in diesem Augenblick. Ich sitze in meinem Elternhaus im Wohnzimmer und schreibe diesen Text. Es ist vollkommen ruhig hier; bis sich meine Mutter an den anderen Tisch setzt und anfängt die Kartoffeln zu schälen. Es ist nur ein 'winziges' Geräusch, aber in meinem Kopf ist es gerade laut und unerträglich. Ich versuche mich auf den Text zu konzentrieren, höre aber nur noch das Geräusch des Schälens.

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