Donnerstag, 25. Mai 2017

Verhaltensweisen und Sprüche

Aufgrund eines Beitrags ist mir heute eingefallen, dass ich als Kind oft als 'stur' bezeichnet wurde.

Eine Freundin meiner Mutter schrieb damals in mein Poesiealbum:
Liebe Sarinijha,
wenn du Kummer oder Sorgen hast,
musst du darüber sprechen und nicht auf stur schalten.
Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden!

Dieser Spruch verletzte mich sehr. Immer sollte ich mein Verhalten ändern, aber nie erklärte mir ein Mensch die Vorgehensweise für solche Veränderungen. Ich strengte mich an, aber am Ende verhielt ich mich doch wieder auf die gleiche Weise. Das war sehr frustrierend!

Ich war stur, weil ich in gewissen Situationen schwieg.
Ich war stur, weil ich Aufgaben nicht erledigte.
Ich war stur, weil ich bei einem Meltdown schrie.

Meine Mutter kaufte sich sogar eines dieser Horoskopbücher über den Steinbock, weil sie endlich Erklärungen für mein Verhalten haben wollte. Mein Sternzeichen sollte scheinbar Auskunft darüber geben, weshalb ich mich nicht wie andere Kinder verhielt. Dabei handelte meine Mutter sicher nicht nach bösen Absichten.

Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie schwierig es auch für meine Mutter gewesen sein muss. Sie musste sich immer wieder für meine Verhaltensweisen rechtfertigen.

Eines Nachmittags, ich war vielleicht sieben oder acht Jahre alt, hatte ich einen Meltdown. Ich erinnere mich nur noch an diesen einen Meltdown, obwohl es laut meiner Mutter nicht der Einzige war. Und ich weiß noch genau, dass er aufgrund der fremden Person in unserer Wohnung entstand. Ich stand auf dem Bett meiner Mutter, dabei schrie und 'wütete' ich ohne Pause. Meine Mutter und ihr damaliger Freund packten mich und zehrten mich zum Auto. Ich schrie weiter, während sie mich ins Auto setzten und zum Arzt fuhren. Meine Mutter hoffte, dass der Arzt eine Erklärung für mein Verhalten hätte. Autofahren hatte allerdings schon immer eine beruhigende Wirkung auf mich, so dass ich beim Arzt angekommen wieder ruhig und schweigsam war. Der Arzt fand natürlich keine Erklärung und schickte uns nach Hause. Ich sei halt einfach 'bockig'.

Auch Verhaltensweisen kopierte ich. In der Grundschule hatten wir eine Pflanze auf dem Schulhof, die zu einer bestimmten Jahrzeit gerne als Juckpulver verwendet wurde. Bei den Jungs war das eine Art von Spiel. Sie schnappten sich das Juckpulver und liefen sich gegenseitig hinterher, immer mit der Drohung, jemandem das Juckpulver von hinten in den Pullover zu stecken. Ich beobachtete das Treiben. Dann hob auch ich das Juckpulver auf, rannte zu einer Mitschülerin und steckte das Pulver an die vorgesehene Stelle. Schockiert drehte sie sich rum und kratzte sich den Nacken. Später fragte mich meine Lehrerin, was mich zu dieser Tat bloß getrieben hätte. Ich gab ihr keine Antwort. Ich hatte doch bloß bei dem Spiel mitmachen wollen.

In der Grundschule und bei Besuch galt ich stets als 'schüchtern'. In der weiterführenden Schule wurde mein Schweigen meist als "Arbeitsverweigerung" ausgelegt. Hier hieß es dann wieder, dass ich 'stur', 'faul' und 'unflexibel' sei. Niemand kam auf die Idee, dass ich nicht in der Lage war mich sprachlich zu äußern.

Gerade in der weiterführenden Schule erschien mir die Welt sehr 'chaotisch'. Aus heutiger Sicht denke ich, dass mir eine Schulbegleitung sehr geholfen hätte. Ich fand die Klassenräume nicht und das Verhalten meiner Mitmenschen war für mich damals undurchschaubar. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, sehe ich viele verwirrende Muster und Farben. Ein Chaos ohne Sinn.

Als ich erneut die Schule wechselte, bekam ich dann zum ersten Mal einen Spitznamen: "Stille Quelle". Aus heutiger Sicht klingt es fast 'niedlich', aber damals wurde dieser Spitzname immer mit einem negativen Unterton gerufen. Meine Mitschüler machten sich darüber lustig, dass ich in der Schule nicht sprach. Eine Freundin sagte immer: "Aber stille Wasser sind tief!" Ich verstand diese Aussage damals nicht (Anmerkung: Damit ist gemeint, dass hinter der zurückhaltenden Art oft ungeahnte Fähigkeiten eines Menschen verborgen sind). Ich fühlte mich bloß unverstanden und nicht akzeptiert

Mein Schweigen war sehr häufig die größte Angriffsfläche.

In einer anderen Schulklasse sollte ich im Unterricht etwas sagen. Ich konnte es nicht und schwieg. Eine Mitschülerin lachte daraufhin und sagte: "DIE sollte besser auf eine Schule für 'Taubstumme' gehen!" Die Menschen sprachen über mich und behandelten mich, als wäre ich 'minderbemittelt' und würde ihre Worte nicht hören. Leider hörte und verstand ich alles. Es verletzte mich sehr, dass ich immer wieder am Rand stand, ausgeschlossen und beleidigt wurde.

In der Berufsschule hatte ich zum Beispiel eine Mitschülerin, die der Meinung war, dass ich keinen Humor hätte. Einfach aus dem Grund, weil ich über ihre Witze nicht lachte. Sie sagte dann immer: "Du gehst wohl auch zum Lachen in den Keller". Unwillkürlich stellte ich mir einen Kellerraum vor. Wieso sollte ich zum Lachen in einen Keller gehen?!

Dabei galt ich auch zuhause als 'humorlos'. Ich verstand Witze, Ironie und Sarkasmus nicht.

"Wann fahren wir?", fragte ich einmal meinen Stiefvater.
"Gleich", antwortete er.
"Und wann ist gleich?"
"Gleich halt".
"Ja, aber wann?"
"Gleich heißt gleich".
"Aber wann ist denn gleich?"
"Vielleicht fahren wir auch gar nicht", sagte er dann und lachte.
Frustriert und 'beleidigt' ging ich in mein Zimmer.

Meine Eltern verstanden das damals nicht. Sie sagten: "Das war doch nur ein Witz". Aber wie konnte das ein Witz sein?! Aus meiner Sicht war das kein Spaß, denn ich stellte mich auf Unternehmungen ein und ein 'Vielleicht fahren wir auch gar nicht' brachte mich vollkommen aus dem Konzept.

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