Diagnoseweg

Es war ein langer Weg für mich bis zu meiner Diagnose.

Bereits als Kind zeigte ich Auffälligkeiten und war deswegen in Behandlung bei einem psychologischen Dienst. Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau an diese Zeit, aber damals war ich vielleicht sieben Jahre alt. In dem Therapieraum selbst gab es einen Tisch mit zwei Stühlen, aber auch einige Spielsachen und ein Puppenhaus. Ich erinnere mich daran, wie ich mit der Psychologin an dem Tisch saß und sie mir einige Fragen stellte, auf die jedoch keine Antwort hatte. Es war vielleicht auch deswegen, weil ich damals gar nicht in der Lage dazu war die Antworten zu geben. Stattdessen saß ich ruhig auf meinem Platz. Ich weiß noch, wie ich dort saß und immer aus dem Fenster blickte und den gegenüberliegenden Baum beobachtete. Ich mochte es, wenn die Äste des Baumes sich im Wind wiegten. Minutenlang konnte ich dieses Schauspiel beobachten, ohne auch nur die geringste Langeweile zu verspüren.

Irgendwann sollte ich dann mit dem Puppenhaus spielen, während die Psychologin sich neben mich setzte und beim Spiel zuschauen wollte. Ich saß wieder stocksteif auf meinem Stuhl, konnte mich keinen Millimeter rühren. Die Psychologin sprach mit mir, versuchte mich mit Worten zum Spielen zu verleiten. Sie nahm selbst die Figuren in die Hand, führte sie durch das Puppenhaus und zeigte mir, wie ich das Spiel beginnen könnte. Ich wiederum saß weiter auf meinem Stuhl. Bewegungsunfähig. An einem anderen Tag ging die Psychologin mit mir hinunter in den Keller, in dem es einen Sportraum und ein Kreativzimmer gab. Sie sagte mir, dass ich gerne an den Geräten turnen durfte, während sie in der Nähe blieb. Ich stand wieder stocksteif auf der Stelle, an der mich die Psychologin hingestellt hatte und berührte mich nicht vom Fleck. Eines Tages sagte ich zu meiner Mutter, dass ich den psychologischen Dienst nicht mehr besuchen wolle, weil er für mich einfach keinen Sinn ergab.

An dieser Stelle muss ich allerdings gestehen, dass ich knapp zehn Jahre später noch einmal zum psychologischen Dienst gefahren bin. Da war ich ungefähr sechszehn Jahre alt, auf der Suche nach mir selbst. Ich traf auch tatsächlich auf die damalige Psychologin. Viel ist mir von dem Gespräch nicht in Erinnerung geblieben, aber ein Satz von ihr prägte mich sehr: "Sarinijha war bei den Therapien häufig abwesend; sie schaute aus dem Fenster und schien in einer anderen Welt zu sein". Wenn ich heute darüber nachdenke, bekomme ich eine Gänsehaut, weil diese einfachen Worte schon so viel über mich aussagen und es mich wundert, dass niemand zu dieser Zeit auf die Diagnose Autismus gekommen war.

Als Jugendliche litt ich dann sehr unter dem Mobbing von Mitschülern und Lehrern, die mich immer wieder auf meine Andersartigkeit ansprachen und mir das Gefühl gaben, als gehörte ich nicht auf diese Welt. Die Menschen sagten mir immer wieder, dass ich mich ändern müsste und ich prägte mir immer intensiver ein, dass ich falsch und weniger wert war als andere Leute. Ich bekam schwere Depressionen. Eigentlich wollte ich nur in Ruhe leben, aber stattdessen entwickelte ich zunehmend Misstrauen und zweifelte an mir und meinem Verstand. Ich zog mich immer weiter zurück, entfernte mich auch von den wenigen Freunden. Oft saß ich allein in meinem Zimmer, ließ tagsüber die Rollläden runter, um die Welt dort draußen auszuschließen und mich allen Reizen zu entziehen. Durch dieses Verhalten gelangte ich im Alter von fünfzehn Jahren zu der Sozialpädagogin an meiner damaligen Schule. Sie konnte mir jedoch auch nicht weiterhelfen, sondern legte mir immer wieder ans Herz, dass ich in eine Klinik gehen soll.

So kam es, dass ich am Ende in eine psychiatrische Klinik ging. Ich hatte damals eine eher naive Vorstellung von diesen Kliniken. Ehrlich gesagt dachte ich, dass ich in die Klinik gehe, mich dort behandeln lasse und am Ende als gesunder und 'normaler' Mensch in die Welt zurückgehe. Tatsächlich war das meine feste Überzeugung. Aus heutiger Sicht kann ich darüber nur noch traurig lachen. Ich habe damals quasi gedacht, dass ich als Autistin in die Klinik gehe und sie als 'neurotypischer Mensch' verlasse. Natürlich wusste ich zu der Zeit noch nichts vom Autismus, aber im Großen und Ganzen ging es in diese Richtung.

Beim Vorgespräch in der Klinik stellte der zuständige Therapeut fest, dass bei mir ein selektiver Mutismus vorliegt. Während des ganzen Gesprächs sprach ich nicht ein einziges Mal mit dem Therapeuten, sondern blickte immer meine Mutter oder die uns begleitende Sozialpädagogin an. Stellte der Therapeut eine Frage, schaute ich wie in meiner Kindheit zum Fenester raus und fand keine Worte. Wiederholte die Sozialpädagogin die Frage, sah ich in ihre Richtung und versuchte eine Antwort darauf zu geben. Am Ende des Gesprächs sagte der Therapeut dann: "Mh, das ist in der Tat sehr auffällig. Sarinijha spricht nur mit der Sozialpädagogin. Sie hat mir während des gesamten Gesprächs nicht eine Frage beantwortet, sondern immer nur mit ihr vertrauten Personen gesprochen. Äußerst interessant!"

Ich frage mich bis heute, wie ein Therapeut von meinen Schwierigkeiten wissen kann, mir dann aber während des gesamten Klinikaufenthalts nicht einmal entgegen kam. Das Problem in der Klinik war, dass ich mich für meine Therapien selber anmelden musste. Wenn ich eine Gesprächstherapie haben wollte, musste ich nach vorne ins Büro gehen und um einen Termin bitten. So kam es, dass ich während meines achtwöchigen Aufenthalts dort, nur einen einzigen Termin hatte. Und diesen Termin hatte eine andere Patientin für mich gemacht. Ansonsten hatte ich eine einzige interaktive Therapie und drei Stunden Kunsttherapie. Die restliche Zeit verbrachte ich wie zuhause in meinem Zimmer.

Als ich ziemlich am Anfang eine Krise in der Klinik hatte und seit einer halben Stunde weinte, kam eine andere Patientin zu mir und versuchte mich zu trösten. Als ein Betreuer vom Personal das sah, kam er direkt zu uns gelaufen und sagte: "Weg da! Sarinijha braucht niemanden, der ihr den Rücken tätschelt". Ich glaube, ich hatte mich noch nie in meinem Leben so einsam gefühlt wie in diesem Moment. Es war eine erneute Bestätigung für mich, dass ich keine Liebe und Zuversicht verdient hatte. Ich kam mir vor, als wäre ich anders als alle anderen Menschen und deswegen nur ein Stück Dreck. Auch eine der Nachtschwestern stürzte mich nur noch weiter in eine tiefe Verzweiflung. Jeden Abend, wenn sie auf die Station kam, sah sie mich an und meinte: "Sarinijha, du bist eine Zicke!" Ich verstand nicht, wie ich eine Zicke sein konnte, wo ich doch kein einziges Wort in der Klinik sprach und die meiste Zeit in meinem Zimmer verbrachte. Eines Tages nahm ich jedoch meinen Mut zusammen und fragte: "Wieso bin ich eine Zicke?" Die Nachtschwester sah mich an und antwortete: "Das ist ganz einfach: Du zeigst nie Emotionen. Wie jetzt in diesem Moment. Du hast überhaupt keine Mimik, keine Gestik. Und aus diesem Grund bist Du für mich eine Zicke". Ich wusste immer noch nicht, weshalb ich eine Zicke war.

Nach den acht Wochen in der Klinik entließen mich meine Eltern. Ich kehrte sofort in mein 'normales' Leben zurück, obwohl es mir mittlerweile noch schlechter als vor dem Klinikaufenthalt ging. Ich fühlte mich plötzlich fremd in mir und meiner Umgebung. Oft hatte ich das Gefühl, dass ich mich selbst von oben beobachte und das die Welt nur ein wilder Traum von mir sei. Es war klar, dass ich wieder eine Therapie brauchte und so landete ich einer ambulanten Gesprächstherapie. Meine damalige Therapeutin war eine sehr fähige und einfühlsame Frau, die sich leider jedoch nicht mit dem Thema Autismus auskannte. Ich selbst war zu der Zeit im hohen Maße seelisch angeschlagen, so dass meine psychischen Probleme überwiegten und ich mittlerweile tatsächlich glaubte, dass ich wohl einfach 'verrückt' sei.

Wenn ich heute an meine dreijährige Therapie zurückdenke, sehe ich seltsamerweise vor allem den Teppich vor mir. Es gab in der Praxis diesen Teppich, der mich voll und ganz in seinen Bann zog. Er hatte ein Muster aus Rechtecken und Quadraten in unterschiedlichen Farben. Die Rechtecke und Quadrate ergaben für mich aber keinen Sinn, weil sie keiner bestimmten Ordnung folgten. Zudem waren die Farben seltsam, weil manche Quadrate ausgebleicht wirkten und ich nicht wusste, ob die Farben von der Sonne heller geworden waren oder der Hersteller dieses Chaos beabsichtigt hatte. Mal abgesehen von diesem Teppich, brauchte ich ganze acht Monate, um halbwegs unproblematisch mit meiner Therapeutin sprechen zu können. Hier erhielt ich Diagnosen wie eine generalisierte Angststörung und Sozialphobie.

Und aus diesem Grund besuchte ich nach einer Weile auch Selbsthilfegruppen. Ich war immer noch auf der Suche nach mir selbst und der Antwort auf die Frage, weshalb ich mich in vielen Bereichen von anderen Menschen unterschied. Also suchte ich verschiedene Gruppen auf: Eine Selbsthilfegruppe zum Thema Angststörung, eine zum Thema Sozialphobie und am Ende noch eine allgemeine Gruppe für Menschen mit seelischen Erkrankungen. Doch ich fühlte mich immer Fehl am Platz. Die Menschen in diesen Gruppen und ich hatten nicht viele Gemeinsamkeiten. Vor allem sagten die Leute dort immer den gleichen Satz: "Ich möchte mein Leben zurück. Ich möchte wieder so sein wie früher, bevor diese Probleme auftauchten". Ich saß dort und schüttelte innerlich den Kopf. Ich kannte kein Leben vor meinen Problemen, denn ich war schon immer "anders"; für mich gab es keine "gesunde und normale" Vergangenheit.

Damals schrieb ich Tagebuch und fand dort folgenden Abschnitt: "Ich habe mich nun entschlossen, nicht mehr zur Selbsthilfegruppe zu gehen. Es ergibt einfach keinen Sinn, da ich kein Wort sagen kann. Ich habe eine Stimmte und im Grunde genommen kann ich reden, aber irgendetwas hindert mich daran; ich finde keine Erklärung dafür. Ich werde niemals so sein, wie die anderen Menschen da draußen. Ich werde niemals denken, handeln und fühlen wie sie. Ich werde die Welt niemals so betrachten können, wie sie es tun. Eine Welt, von der ich weiter nicht entfernt sein könnte. Ich lebe auf der Welt, aber ich nehme gar nicht richtig an ihr teil". Danach hörte ich also mit den Selbsthilfegruppen auf, besuchte noch ein weiteres Jahr mein Therapie und bekam dann keine Verlängerung von der Krankenkasse. Drei Jahre war ich in ambulanter Therapie und es war angenehm, eine Person zum Reden zu haben; nur meine Probleme wurden dadurch leider auch nicht besser. Aus heutiger Sicht erscheint es mir logisch, aber damals war ich nahe an einer tiefen Verzweiflung.

Es folgte eine Zeit der Arbeitslosigkeit und der Suche nach einem passenden Ausbildungsplatz. Ich scheiterte an vielen Vorstellungsgesprächen, Praktika und Probearbeitstagen. Nur zu gut entsinne ich mich an ein Vorstellungsgespräch, dass in der Gruppe geführt wurde. Es gab die Chefin und einige Bewerber. Allesamt diskutierten über den Beruf, stellten sich zur Show und gaben ihr Bestes. Nur ich saß dort auf meinem Stuhl, unfähig, auch nur ein einziges Wort zu sagen. Icht hatte ich nach der ersten Minute schon den Anschluss verpasst und keine Ahnung, wann ich mit dem Sprechen dran war. Alle schienen instinktiv zu wissen, wann sie an der Reihe waren und auf welche Weise sie sich einbringen konnten. Am Abend noch rief mich die Chefin persönlich an, um mir eine Absage zu erteilen und sich darüber zu wundern, weshalb ich nicht an dem Gespräch teilgenommen hatte. Ehrlich gesagt, hätte ich das zu der Zeit selbst gerne gewusst; ich hatte keinerlei Erklärungen dafür.

Mein schlimmster Probearbeitstag war aber der Tag, als ich im Einzelhandel arbeiten durfte. Zunächst lief es gar nicht schlecht, denn ich durfte im Lager arbeiten und Kartons sortieren. Danach sollte ich allerdings raus zwischen die Kundschaft. Eine Vorarbeiterin nahm mich mit und zeigte mir, wie ich den Inhalt der Regale neu sortieren konnte. Dann sagte sie wortwörtlich: "Sarinijha, warte bitte einen Moment hier. Ich komme in drei Minuten wieder zurück". Okay, ich sollte also an Ort und Stelle warten. Und ich wartete. Und wartete. Und wartete. Ich schaute mich um und hoffte, dass die Vorarbeiterin bald wieder zurück sein würde. Sie war im Gespräch mit einem Kunden, kam nach fünfzehn Minuten zurück und sagte: "Ich bringe dich zu deiner Jacke. Du kannst nach Hause gehen!" Das war ein sehr verwirrender Moment. Was hatte ich falsch gemacht?! Sie hatte doch gesagt, dass ich warten soll, aber scheinbar war das ein Fehler. Wieso hatte sie mir gesagt, dass ich warten soll, wenn sie scheinbar eine andere Handlung von mir verlangte?! Aus heutiger Sicht und nach einer erfolgreich abgeschlossen Ausbildung, verstehe ich den Moment. Sie hatte mir gesagt, dass ich warten soll, aber das war ein Test. Ich sollte gar nicht warten, sondern Selbstständigkeit beweisen und die Regale alleine sortieren. Das hatte ich damals nicht verstanden; ich hatte sie beim Wort genommen.

Nach viele missglückten Versuchen, eine Ausbildung zu finden, ging ich schließlich noch zu einer Frauenberatungsstelle. Irgendwer musste mir doch schließlich helfen können! Ich geriet zwar wieder an eine sehr nette Frau, aber auch hier erfuhr ich nur erneute Verzweiflung. Die Psychologin dort stellte mir immer ziemlich seltsame Fragen: "Sarinijha, stellen Sie sich vor, Ihre Mutter würde anrufen und Sie fragen, was Ihre Oma über Sie denkt. Was meinen Sie wohl, was würden Sie Ihrer Mutter sagen?" Hä?! Was war das für eine Frage?! Und woher sollte ich wissen, was meine Oma über mich denkt?! Wieso sollte meine Mutter mir überhaupt eine so dämliche Frage stellen?! Ich schüttelte mit dem Kopf und sagte der Psychologin, dass ich die Frage mit dem besten Willen nicht beantworten könnte. Beim nächsten Termin stellte sie jedoch wieder eine ähnliche Frage: "Sarinijha, was meinen Sie, was Ihre Mutter wohl über Sie denkt?!" Oh nein?! Nicht schon wieder eine Frage, was ein anderer Mensch über mich denkt. Ich konnte mit diesem "Spiel" wirklich nichts anfangen. Ehrlich, selbst aus heutiger Sicht weiß ich noch nicht, was diese Fragen sollten. Ich weiß nur, dass die Psychologin mich beim dritten Termin fragte: "Werden Sie zum nächsten Termin hier sein?" Und sie fragte, als würde sie die Antwort bereits kennen. Ich antwortete ihr ehrlich: "Nein, ich werde heute zum letzten Mal hier sein".

Ich versuchte weiter eine Ausbildungsstelle zu finden, lag jedoch jede Nacht wach und machte mir Sorgen, ob mir das mit dem Job jemals gelingen würde. Dann hörte ich eines Nachts ein Gespräch im Radio. Dort sprach ein junger Mann von seinen Problemen und bereits nach zwei Minuten saß ich weinend in meinem Bett. Ich hatte das Gefühl, dass er mein Seelenverwandter sein müsste, denn er sprach sämtliche Probleme und Sorgen von mir aus. Und er sagte, dass bei ihm das Asperger Syndrom vorliegt. Autismus. Aber ich schüttelte bloß mit dem Kopf und dachte: 'Niemals! Ich bin doch keine Autistin! Bei mir liegt sicher alles vor, aber hundertprozentig kein Autismus'.

Schließlich fand ich eine Ausbildung und das Gespräch im Radio verflog aus meinem Kopf. Als sich einige Wochen später meine Kollegen auf der Arbeit jedoch über meine schweigsame Art wunderten, und ich in der Berufsschule wieder keinen richtigen Kontakt zu den anderen fand - da dachte ich wieder an den jungen Mann aus dem Radio. Im November 2009 gab ich zum ersten Mal das "Asperger Syndrom" bei Google ein. Ich las mich durch die Seiten und als ich Checklisten fand, ging ich diese Listen durch und bejahte und bejahte und bejahte die Symptome. Am Ende dachte ich jedoch wieder: 'Ich kann doch nicht Autistin sein!' Es vergingen weitere drei Wochen, ehe ich die Listen aus dem Internet wieder hervorholte und sie meiner Mutter zeigte. Ich war mir sicher, dass sie ebenfalls den Kopf schütteln und meine Gedanken zurechtrücken würde. Das geschah jedoch nicht. Ganz im Gegenteil. Meine Mutter sah mich an und sagte: "Das mit dem Autismus hat schon deine Grundschullehrerin gesagt". Sie hatte was?!

Anfang Januar nahm ich meinen Mut zusammen und rief meine Grundschullehrerin an. Sie bestätigte die Worte meiner Mutter und sagte: "Als dich kennenlernte, habe ich angefangen Bücher über Autismus zu lesen. Ich fand viele Parallelen. Du standest immer mit dem Rücken zum Gebäude, lehntest dort an der Wand und warst in deine eigene Welt versunken". Plötzlich erinnerte ich mich sogar wieder daran, dass ich dort immer an der Wand stand. Sie gab mir Sicherheit. Der Schulhof war laut und voll und ohne System. Mit dem Rücken zur Wand hatte ich die Gewissheit, dass sich niemand hinter mir befindet und ich konnte auf diese Weise auch den Schulhof im Blick behalten. Meine Grundschullehrerin riet mir am Telefon, mir einen Termin bei einem Fachmann geben zu lassen.

Und das war der letzte Schritt zu meiner Diagnose. Ich suchte lange im Internet und fand schließlich einen Neurologen, der sich mit dem Thema Autismus auskennt. Vier Monate wartete ich auf den Termin. Dann wartete ich wieder auf einen Termin. Und wieder. Schließlich bekam ich die Diagnose. Asperger Syndrom. Autismus. Der Neurologe riet mir dazu, mir eine Selbsthilfegruppe zu suchen, als würde er meine Zweifeln spüren. Und ich hatte sehr starke Zweifel. Ich konnte mich mit dem Begriff Autismus nicht anfreunden, obwohl zur gleichen Zeit alles in mir schrie, dass ich endlich meine Antwort auf die jahrelange Frage gefunden hatte. Als ich dann eine Selbsthilfegruppe besuchte, wurde bei mir der letzte Zweifel vertrieben. Ich fühlte mich zum ersten Mal angekommen.

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